R4 Die Geschichte vom Dauerläufer

Die tollsten Geschichten liegen immer noch auf der Straße. Zum Beispiel die des Familienvaters Jürgen Ludwig aus Mönchengladbach.

Von Frank Wald


Seit 448.000 Kilometern unzertrennlich - Jürgen Ludwig und sein R4

Seit 448.000 Kilometern unzertrennlich - Jürgen Ludwig und sein R4

Der hatte sich 1988 einen nagelneuen roten Renault 4 GTL gekauft und seitdem 448.000 Kilometer mit dem französischen Kastenwagen zurückgelegt. Bei Wind und Wetter, mit dem ersten Motor und dem ersten Getriebe. Kaum zu glauben, aber wahr. Nun fragte sich auch die Renault-Presseabteilung: Worin liegt das Geheimnis des Dauerläufers? Antwort aus Mönchengladbach: Es gibt keins: "Der R 4 bekommt regelmäßig einen Ölwechsel und neue Verschleißteile", erklärt der 46-jährige Ludwig. Und als Leckerli alle 50.000 Kilometer neues Getriebeöl. Das war's.

Aber es kommt noch besser: Die hohe Laufleistung, die einer Strecke von zehn Erdumrundungen entspricht, bewältigte der Renault 4 fast ohne Pannen. Kreuz und quer durch ganz Europa fuhr der Chemie-Ingenieur mit Ehefrau und Tochter, vom Nordkap bis nach Sizilien und von Irland bis nach Ostpolen. Auf die höchsten Passstraßen der Alpen, wie die des französischen Col de la Bonette (2802 Meter), kletterte der rote Renault ohne das Kühlwasser zum Kochen zu bringen. Und selbst durch Kriegs- und Krisengebiete marschierte unser wackerer kleiner Franzose ohne Blessuren: "Auf den pistenähnlichen Wegen Jugoslawiens erwiesen sich die große Bodenfreiheit und die vorzügliche Federung immer wieder als unbezahlbar", berichtet Ludwig.

Als Leckerli gibts alle 50.000 Kilometer Getriebeöl

Als Leckerli gibts alle 50.000 Kilometer Getriebeöl

Nur ein einziges Mal gingen ihm die Lichter aus: Nach 100.000 Kilometer versagte bei einer nächtlichen Fahrt die Lichtmaschine. Und als ob das alles noch nicht unglaublich genug wäre, zeigte sich der Wagen obendrein auch nach mehreren hunderttausend Kilometern immer noch bescheiden wie eine Haselmaus. Auf einer Strecke von Mönchengladbach nach Porta Westfalica und zurück testete Ludwig die Spar-Qualitäten des Renault 4 und kam auf den Durchschnittsverbrauch von nur 4,1 Litern Kraftstoff auf 100 Kilometer. Da fragt man sich, wozu eigentlich Forscher und Ingenieure in den Entwicklungsabteilungen Kopf und Schraubenschlüssel verrenken, um aus immer leichteren Motoren den letzten Tropfen Sprit rauszupressen?

Die Antwort werden sie aus Jürgen Ludwigs R 4 nicht herausholen können. Weder für Geld noch gute Worte will der Mönchengladbacher seine Spardose hergeben. Und die R 4-Produktion hat Renault schon vor fast zehn Jahren eingestellt. So fährt Ludwig weiter mit seinem wundersamen Wagen. Bis zum letzten Ölwechsel oder bis ihm irgendwann das Getriebeöl ausgeht.



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