Radarkontrollen Experten fordern stärkere Überwachung von Tempolimits

Glaubt man den Experten auf dem Verkehrsgerichtstag in Goslar, werden auf Deutschlands Straßen zu wenige Autofahrer kontrolliert. Die Fachleute fordern mehr Streckenkontrollen - lehnen höhere Bußgelder aber ab.


Goslar - "Wo keine Kontrolle ist, nutzt auch keine Geschwindigkeitsbegrenzung", sagte der Präsident des Verkehrsgerichtstages, Prof. Friedrich Dencker. "Ich komme regelmäßig an einer Stelle vorbei, an der ein Starenkasten installiert ist", sagte Dencker. "Es ist bezaubernd, wie gesetzestreu auf einmal alle werden, die diesen Starenkasten kennen. Und kurz hinterher drehen sie dann wieder voll auf." Daran könne man deutlich sehen, dass "eine Geschwindigkeitsbegrenzung nur da nützt, wo eine Kontrolle ist".

Radarfalle: Experten fordern mehr Kontrollen für mehr Sicherheit auf den Straßen
DPA

Radarfalle: Experten fordern mehr Kontrollen für mehr Sicherheit auf den Straßen

Rasern sei am besten mit Streckenkontrollen beizukommen, sagte der Präsident des Verkehrsgerichtstages. "Man könnte zum Beispiel auf einem Abschnitt von fünf Kilometern Länge die Durchschnittsgeschwindigkeit messen." Und wer dann im Schnitt deutlich zu schnell war, werde zur Kasse gebeten. Eine generelle Erhöhung der Bußgelder, wie sie etwa von Politikern geplant sei, lehnte Dencker ab. "Denn seit Januar ist das Autofahren für alle, die beruflich darauf angewiesen sind, durch staatliche Maßnahmen wie die Mehrwertsteuererhöhung und die Streichung der Pendlerpauschale ohnehin schon deutlich teurer geworden."

Der Auto Club Europa (ACE) legte indes eine Studie vor, wonach eine variable, an die jeweiligen Verkehrsverhältnisse angepasste Geschwindigkeitsbegrenzung wesentlich effektiver sei. Die Zahl der Unfälle auf der Autobahn könne um bis zu 30 Prozent zurückgehen, wenn ein intelligentes dynamisches Geschwindigkeitsmanagement eingeführt werde, ergab die Studie. Der ACE forderte anstelle eines generellen Tempolimits mehr variable Geschwindigkeitsanzeigen - angepasst etwa an Verkehrsdichte, Wetter, Straßenzustand oder Luftreinhaltung. Solche computergestützten Systeme gibt es bereits, bisher allerdings nur auf weniger als zehn Prozent der Autobahnstrecken.

Verbände fordern konsequentere Überwachung

Tempolimit: Generelle Beschränkungen oder variable Geschwindigkeitsanzeigen?
DPA

Tempolimit: Generelle Beschränkungen oder variable Geschwindigkeitsanzeigen?

Zustimmung fand Dencker bei den Verkehrsverbänden. Die derzeitige Mischung aus Punktesystem und Bußgeld sei ausreichend, sagte ein Sprecher des Automobilclubs von Deutschland (AvD). Wie der AvD verlangt auch der ADAC eine konsequente Überwachung von Tempolimits zum Beispiel an Unfallschwerpunkten. Der Sprecher des ACE, Rainer Hillgärtner, sagte, eine bessere Überwachung wäre zwar wünschenswert. Mit Blick auf die personelle Lage der Polizei sei aber zumindest die herkömmliche Form der Geschwindigkeits-Kontrolle kaum auszuweiten.

Ebenso wie der ADAC fordere der ACE deshalb "intelligente computergestützte Verkehrsbeeinflussungsanlagen". Deren Technik könnte auch eingesetzt werden, um das Einhalten des vorgeschriebenen Tempos zu überwachen, sagte Hillgärtner. An der Bußgeldschraube dürfe jedoch nicht gedreht werden. Auch für den Verkehrsclub Deutschland (VCD) ist "eine effektive Kontrolldichte wichtiger als Verschärfungen bei Bußgeldern und Strafen".

Verkehrsgerichtstag versammelt 1500 Experten

Zum diesjährigen Verkehrsgerichtstag sind rund 1500 Experten aus Justiz, Medizin, Technik, Versicherungswirtschaft und kommunaler Verwaltung in Goslar zusammengekommen. Bis zum Freitag befassen sie sich unter anderem mit Autokauf im Internet, Baustellen auf Autobahnen und Geschwindigkeit als Unfallursache. Zudem wollen sich die Teilnehmer mit der Zündsperre als möglichem neuen Weg zur Alkoholprävention befassen. Bereits seit geraumer Zeit wird in Deutschland die Verwendung von atemalkoholsensitiven Zündsperren diskutiert. Die sogenannten Alcolocks sollen Fahrten unter Alkoholeinfluss verhindern.

Der zweitägige Verkehrsgerichtstag behandelt alljährlich Themen, die für die Gesetzgebung, Rechtsprechung, Verwaltung und Versicherungswirtschaft sowie für jeden Verkehrsteilnehmer bedeutsam sind. In diesem Jahr sind Experten aus 18 europäischen Ländern vertreten. Zur Eröffnung wird unter anderen der Präsident der Deutschen Akademie für Verkehrswissenschaft, der frühere Generalbundesanwalt Kay Nehm, sprechen. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) befasst sich in einem Vortrag mit dem Verkehrsrecht in Europa.

ore/dpa/ddp/AP



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