Radwege im Winter Forscher suchen das Super-Streumittel

Blähton, Traubenkerne, Ameisensäure: An der Technischen Universität Dresden suchen Forscher nach einem alternativen Streumittel für Radwege. Die aussichtsreichsten Kandidaten werden in Hamburg getestet.

Radfahren im Winter - auf der Suche nach dem perfekten Streumittel
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Radfahren im Winter - auf der Suche nach dem perfekten Streumittel

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Am Anfang standen etwa 30 Stoffe auf der Liste, darunter Blähton, Maisspindeln und sogar Traubenkerne. Eine Gruppe von Wissenschaftlern der Technischen Universität Dresden sucht gerade nach alternativen Streumittel - nicht für die Straße, sondern für den Radweg. Die aussichtsreichsten Kandidaten werden in Hamburg getestet. Das Projekt ist Teil des Nationalen Radverkehrsplans 2020 und soll eines der größten Probleme für Radfahrer im Winter lösen: unwegsame Strecken bei Schnee und Eis.

Alle Jahre wieder kommt der Radfahrfrust. Während der Asphalt auf den Straßen nach Schneefall schnell frei ist, liegt der Radweg unter einem Gemisch aus Eis, Schneematsch und Kies begraben. Da wird die Fahrt zur Rutschpartie. Das unfaire Räumungsverhältnis liegt einer Verordnung zugrunde, die in vielen Kommunen gilt: Auf verkehrswichtigen Fahrbahnen darf die Stadtreinigung Natriumchlorid als Taumittel streuen. Radwege, die auf der Straße verlaufen, werden mitgesalzen. Solche, die etwa auf dem Gehweg angelegt wurden, nicht. Sie müssten aufwendig geräumt werden.

Kies schadet manchmal mehr, als es hilft

"Es bleibt die Möglichkeit, den Schnee zu beseitigen oder ein abstumpfendes Mittel zu streuen", sagt Reinhard Fiedler, Pressesprecher der Stadtreinigung Hamburg. Das richtet aber manchmal mehr Schaden an, als es nützt. Split kann Reifen beschädigen. Deshalb verwende man Kies, der aus runden Körnern bestehe. Das hilft, bis es taut: "Wenn man dann in Kurven schnell unterwegs ist, kann die Haftung verloren gehen", so Sven Lißner, Verkehrsingenieur und Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für Verkehrsökologie der TU Dresden.

Kies stumpft eine geschlossene Schneedecke ab. In deutschen Großstädten ist die aber eher selten konstant vorhanden. Und wenn es taut, sinken die Steinchen nach unten. Bei erneutem Frost liegen sie dann wirkungslos auf dem Grund und man muss neu streuen.

Dann halt doch den Radweg salzen? Das sei keine Option: "Auf vielen Radwegen im Seitenraum gibt es keinen direkten Zugang zur Kanalisation. Deshalb würde das Salz in die Landschaft diffundieren", so Lißner. Zu viel Salz aber hat eine fatale Wirkung auf Flora und Fauna. In Gewässern könne es zu Fischsterben führen. "Bei Pflanzen, die nicht salztolerant sind, und das sind eigentlich alle Stadtpflanzen, schädigt zu viel Salz die Wurzeln, sofern Streusalz abseits der versiegelten Fahrbahnen verwendet wird", sagt Fiedler. Das sehe man dann an den vertrockneten Blättern im Sommer.

Die eierlegende Wollmilchsau unter den Streumitteln

Perfekt wäre ein Werkstoff, der effektiv ist, relativ preisgünstig und in großer Menge verfügbar. Er sollte ökologisch vertretbar sein, sicher für alle Verkehrsteilnehmer und mit der herkömmlichen Technik gut auf die Wege aufbringbar. Das Material, mit dem bisher experimentiert wurde, hatte stets einen Haken.

Im Winter 2017/18 testete die Stadtreinigung Hamburg im Bezirk Harburg erstmals Blähton: kleine braune Kügelchen, die man aus dem Pflanzentopf von Hydrokulturen kennt. Sie haben den Vorteil, dass sie bei Tauwetter oben schwimmen. "Außerdem zermahlen sie mit der Zeit und müssen nicht zusammengekehrt werden", sagt Fiedler. Das sei aber auch das Problem: Geschäftsleute beschwerten sich über den roten Schlamm, den die Kunden an ihren Schuhen durch die Läden trugen.

Die Stadt Freiburg experimentierte mit Traubenkernen als Streumaterial. Die führten laut "Freiburger Nachrichten" aber ebenfalls zu Beschwerden aufgrund von Verschmutzungen. Vor einigen Jahren erschien das französische Produkt Snowfree auf dem Markt - ein Granulat, das aus Traubenresten und Salz bestand. Die Idee dahinter: Weil bei der Zersetzung des organischen Materials Wärme abgegeben werde, könne Salz eingespart werden. Das Streugut setzte sich aber nicht durch. Vielleicht kann das Forscherteam der TU Dresden ja an dieses Konzept anschließen.

Ist Salzsole ein möglicher Kompromiss?

Ebenfalls möglich ist die Verwendung von Formiaten, den Salzen der Ameisensäure. "Das funktioniert, es ist aber in Hamburg nie untersucht worden, wie viel weniger schädlich es für das Straßenbegleitgrün ist", sagt Reinhard Fiedler von der Stadtreinigung Hamburg. Außerdem sei der Stoff teurer als herkömmliches Streusalz. Ebenfalls möglich: Feuchtsalz in Form von Salzsole auf die Wege aufbringen. Dabei werde ebenfalls Salz eingespart. Es setzt aber voraus, dass die strengen Richtlinien in den Kommunen gelockert werden.

Die Forschungsgruppe der TU Dresden hat nun mehrere Monate Zeit, die Vor- und Nachteile der alternativen Streumittel zu analysieren und auf ihre Wirkung zu testen. Im Rahmen des Projekts werden zudem bundesweit Radler zu ihrem Fahrverhalten im Winter befragt.

Das Projekt wird von der Stadtreinigung Hamburg durchgeführt und von der TU Dresden wissenschaftlich begleitet. Finanziert wird es durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Die Tests im öffentlichen Raum finden auf ausgewählten Radwegen im Winter 2021/2022 statt. Für den Fall, dass es in Hamburg wieder einmal nicht schneit, geht es dafür nach Dresden.



insgesamt 90 Beiträge
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hd1 03.12.2019
1. Spikes
geht doch einfacher: Spikes-Reifen Ich wechsle im Winter meine Räder mit den Rädern mit Spikesreifen aus. (Nicht das ganze Rad, sondern nur die Laufräder) Problem gelöst.
anders_denker 03.12.2019
2. Ironie in Hamburg
Auf dem eigenen Grund darf man Salz verwenden, nicht aber auf dem Gehweg, den man räumen muss. Die Straße daneben darf und wird hingegen gesalzen.
g_bec 03.12.2019
3. Drauf gepfiffen.
Drauf gepfiffen. Radwege zB durch die städtischen Flussauen werden zumindest bei uns weder gestreut noch geräumt, die auf den Gehwegen aufgepinselten Radwege dito. Abhilfe: Ein zusätzliches Vorder- und Hinterrad mit Schnellspanner und "Schwalbe Marathon Winter Plus"-Bereifung. Da fährt man sogar auf Blitzeis wie auf Schienen. Und jedem Autofahrer davon;-)
siebenachtneun 03.12.2019
4.
Wie lang wartet man in Hamburg auf Schnee? Wäre eine Stadt mit mehr Schnee nicht besser gewesen? Mit Split gestreute Radwege sind für mich als Radfahrer am besten, aber mich nervt dann auch der Split, wenn der Schnee weg ist. Ich bin gespannt, ob etwas gefunden wird, was effektiv und günstig ist.
benmartin70 03.12.2019
5.
Wenn es einfach nur geschneit hat, am liebsten gar nichts machen. Auf Schnee kann man wunderbar fahren. Die Lage wird erst schwieriger wenn es taut und über Nacht anzieht.
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