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Radfahren im Winter Drahtesel gespickt

Auf spiegelglatter Straße und festgefahrener Schneedecke machte SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Holger Dambeck den Winterreifentest fürs Fahrrad. Fazit: Manchmal geben ganz einfache Tricks mehr Sicherheit - und mit Spikes verlieren selbst Eisplatten ihren Schrecken.

Der feine Nieselregen am Morgen verhieß nichts Gutes: In kürzester Zeit hatte sich ein glänzender Eispanzer über Straßen und Bürgersteige von Berlin gelegt. Radfahrer sind bei diesem Wetter ohnehin nur in geringer Zahl unterwegs. Doch jetzt blieben ihnen nur noch zwei Möglichkeiten: das Rad am nächsten Fahrradbügel anschließen oder schieben.

Mir ging es da besser.

Ich fahre seit Ende November die Mäntel "Marathon Winter" des Herstellers Schwalbe. Anfangs lag noch kein Schnee und die mehr als hundert Spikes pro Reifen sorgten für ein etwas nerviges, lautes Fahrgeräusch. Als rollte man ständig über einen mit Split bestreuten Weg. Natürlich ist der Rollwiderstand auch größer als bei normalen Reifen.

Als dann aber der erste Schnee fiel, spielten die Winterreifen ihre Stärken aus. Selbst jetzt bei Blitzeis fährt man beinahe wie auf Schienen. Beim Anfahren dreht das Hinterrad nicht durch und beim Bremsen komme ich sicher zum Stehen. Rasante Kurvenfahrten habe ich trotzdem lieber sein lassen, obwohl die Spikes auch weiter außen im Mantel stecken. Man muss es ja nicht drauf ankommen lassen.

Die speziellen Winterreifen sind ein Renner

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Radfahren mit Spikes: Sicher unterwegs bei Schnee und Eis

Foto: Holger Dambeck

Mit Spikes bestückte Mäntel sind allerdings nicht billig. Mindestens 50 Euro muss man hinblättern für einen Reifen von Continental, Schwalbe oder dem finnischen Hersteller Nokian. Günstige Winterreifen für Pkw sind kaum teurer.

Der hohe Preis hängt auch mit der Fertigung zusammen. Die kleinen Spikes aus Metall müssen per Hand in die dafür vorgesehenen Gummilöcher im Mantel gesteckt werden. Und natürlich waren die in Deutschland verkauften Stückzahlen bislang vergleichsweise gering.

Doch das scheint sich zu ändern. Der frühe Wintereinbruch hat zu einem spürbaren Anstieg der Nachfrage geführt, berichten Händler. "Es gibt viel mehr Leute als im letzten Winter, die nach Spikes fragen", sagt Jan Ungerer aus dem Kreuzberger Fahrradladen Radspannerei.

Und so sind die Spikesreifen derzeit auch kaum noch lieferbar. Bei Schwalbe beispielsweise sind die Mäntel ausverkauft - Nachschub soll Mitte Januar kommen. Nokian und Continental haben ähnliche Probleme.

Andere Lösungen im Schnee

Ein kleines Problem habe auch ich mit meinen Wintermänteln. Am Vorderreifen sind drei Spikes verloren gegangen. Offenbar bin ich auf den ersten Kilometern etwas zu rasant gefahren. Schwalbe empfiehlt nämlich, es auf den ersten 40 Kilometern ruhig angehen zu lassen, damit die kleinen Nägel ihre richtige Position finden.

Das Malheur lässt sich zum Glück beseitigen. Mein Fahrradhändler hat mir eine Handvoll Ersatzspikes gegeben. Mit einer Zange und etwas Spüli als Gleitmittel kann man sie in die Gummilöcher stecken.

Auf Eis sind die Spikes perfekt, im Tiefschnee nützen sie nichts. Wenn der Schnee sich auf den ungeräumten Straßen türmt, dann brechen die schmalen Reifen ständig ein - das Fahren wird zur Qual. Mountainbiker haben es da besser: Mit breiten, grobstolligen Reifen, bei denen am besten auch noch etwas Luft abgelassen ist, damit sich die Auflagefläche vergrößert, kommen sie besser durch den Tiefschnee.

Lösung für Spikes-Einsteiger

Für Fahrten in festgefahrenem Schnee gibt es noch eine geniale und vor allem günstige Methode: Wenn das Hinterrad auf den verschneiten Straße laufend durchdreht, helfen schlichte Kabelbinder aus dem Baumarkt. Kalle Höpner, Blogger des Fahrradladens Radspannerei aus Berlin, hat den Trick von einem Blogger-Kollegen übernommen. In diesem Winter hat er ihn selbst ausprobiert und ist äußerst zufrieden.

16 gelbe Kabelbinder (300 mm lang, 4,8 mm breit) hat er um den Reifen vorn gezogen, acht rote um den Hinterreifen. Die Plastikbänder sind jeweils zwischen zwei Speichen um die Felge geführt und kräftig angezogen, so dass der Reifen ein wenig eingedrückt wird. "Ich kann im Stehen anfahren und viel besser beschleunigen und bremsen", sagt Höpner. Selbst Vollbremsungen mit blockiertem Hinterrad würden funktionieren. Auf Schnee sei die Lösung wunderbar - auf Eis jedoch nicht so gut.

Mir gefällt der Kabelbindertrick - er hat aber einen großen Nachteil: Er klappt nur bei Rädern mit Trommel- oder Scheibenbremsen. Velos mit Felgenbremsen macht man entweder mit möglichst breiten Reifen und grobem Profil wintertauglich - oder gleich mit Spikesreifen.