Vom Lkw aufs Fahrrad "Auf der Straße habe ich mich unsicher gefühlt"

Allein in diesem Jahr wurden 16 Radfahrer in Deutschland durch abbiegende Lastwagen getötet. In Hamburg wechselten Lkw-Fahrer jetzt die Perspektive: Sie fuhren gefährliche Strecken selber auf dem Rad ab.

Lena Frommeyer

Nur durch eine Notbremsung sei er noch zum Stehen gekommen, da hinten, bei der Tankstelle. Dirk Frohnert zeigt die Straße herunter. "Ich wollte rechts abbiegen, und ein Radfahrer ist an der Ampel noch bei Rot drüber."

Seit 2004 fährt Frohnert Lkw. Einen 40-Tonner. Brenzlige Situationen erlebe man täglich. Das ist der Grund, weshalb sich heute in einem Hamburger Industriegebiet etwa 20 Berufskraftfahrer treffen, um gemeinsam umzusatteln - im wahrsten Sinne des Wortes.

"Perspektivwechsel" nennt sich die Fahrradtour, die zum zweiten Mal in Hamburg stattfindet und den Teilnehmern zeigen soll, wie man den Stadtverkehr auf zwei Rädern und ohne Knautschzone wahrnimmt. Der Verband Straßengüterverkehr und Logistik Hamburg (VSH) hat zusammen mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) zu der Aktion geladen.

Zwei Hamburger Speditionen nehmen teil, von der Geschäftsführung bis zum Fahrer. Ziel der Tour ist es, Situationen aus einer anderen Perspektive zu sehen: Die Lkw-Fahrer sollen vom Fahrrad aus die Unfallrisiken im Verkehrsalltag besser einschätzen lernen. Vorher können Radfahrer in die Fahrerkabine eines Lkw klettern und erleben, wie viel Straßenraum trotz zahlreicher Spiegel unsichtbar bleibt. Außerdem erklären die Fahrer, wie der Abbiegeassistent funktioniert, der in einigen Fahrzeugen verbaut ist.

16 tödliche Unfälle bereits in diesem Jahr

Das technische System soll Unfälle vermeiden. Und das ist dringend nötig: In diesem Jahr wurden laut ADFC bereits 16 Radfahrerinnen und Radfahrer durch abbiegende Lkw getötet. Der erste, ein 63-jähriger Mann, wurde in Köln von einem Bus überfahren. Letztes Opfer war am 19. Juni eine 30-jährige Frau in Nürnberg. Die Zahl der durch abbiegende Lkw verletzte Radfahrerinnen und Radfahrer kommt noch hinzu: 2017 seien es 1500 Personen gewesen. Laut Statistischem Bundesamt handelt es sich bei jedem dritten Verkehrsunfall mit Personenschaden, an dem ein Fahrrad und ein Güterkraftfahrzeug beteiligt waren, um einen Abbiegeunfall.

Um das zu vermeiden, werden in der Praxis verschiedene Abbiegeassistenten getestet, die Radfahrer von statischen Objekten unterscheiden sollen. Ab 2022 sollen sie in Europa Pflicht werden, aktuell ist die Ausstattung der Fahrzeuge mit einem der Systeme jedoch freiwillig. Zwar schafft das Bundesverkehrsministerium mit der "Aktion Abbiegeassistent" und einem Förderprogramm Anreize zur Nachrüstung. Trotzdem schätzt der ADFC, dass es nach 2022 noch ein weiteres Jahrzehnt dauern wird, bis ansatzweise alle Fahrzeuge ausgestattet sind.

Es gibt unterschiedliche Modelle auf dem Markt: Dirk Frohnert öffnet die Tür zu einem der Lkw, die auf dem Hof der Firma Heinrich Zoder steht, einem der zwei Unternehmen, die an der heutigen Aktion teilnehmen. "Hier ist der Monitor. Die Kamera ist außen am Lkw befestigt. Was wir durch die Spiegel nicht sehen können, durch Sonneneinstrahlung oder den toten Winkel, sehen wir auf dem Bildschirm", so Frohnert. Außerdem gebe es ein akustisches Signal. Er nähert sich dem Lkw von der Seite, ein lautes Piepen ertönt.

Klimbim in der Fahrerkabine nimmt oft zusätzlich die Sicht

Ginge es nach Jens Deye, Vorstandsmitglied des ADFC Hamburg, würde nun zusätzlich ein automatischer Bremsvorgang starten. "Wenn der Lkw-Fahrer schon langsam unterwegs ist, warum soll dann nicht im kritischen Fall eine Vollbremsung gemacht werden", fragt er. Er habe schon viele Unfallberichte gelesen, in denen der Radfahrer dachte, das Fahrzeug würde bremsen, sei dann aber doch weitergerollt. Und auch andere Strategien zur Erweiterung des Sichtfeldes findet er sinnvoll: "In London gibt es den Ansatz, die Fahrertür komplett bis zum Boden zu verglasen."

Die Firma Heinrich Zoder nutzt seit eineinhalb Jahren verschiedene Assistenten. Markus Zoder, geschäftsführender Gesellschaft, hofft, dass sich ein System schnell durchsetzt. Schließlich leide der Ruf der Branche, und der Güterverkehr auf den Straßen werde eher mehr als weniger. "Wenn sich in fünf Jahren die E-Scooter durchgesetzt haben, dann sprechen wir hier nicht mehr nur mit Fahrradfahrern", so Zoder. Bis die Systeme ausgereift sind, rät er zur Vorsicht: "Schließlich ist es doppelt gefährlich, wenn man sich auf etwas verlässt, was nicht richtig funktioniert."

Risikoreich ist auch die Art und Weise, wie einige Fahrer ihren Arbeitsplatz dekorieren. Wenn man die Stufen mancher Fahrerkabine hochklettert, sieht man kleine Figuren am Rückspiegel hängen, Vorhänge behindern die Sicht, große Kuscheltiere sitzen auf dem Armaturenbrett, und Schilder mit Leuchtschrift kleben an der Windschutzscheibe. Bei vielen Unternehmen ist so ein Klimbim verboten. Uwe Maack, Fahrer seit 27 Jahren, lehnt solch eine Dekoration ebenfalls ab, aus Sicherheitsgründen. "Oft kommen einem Fahrer mit halb zugezogener Gardine entgegen, die dann beim Abbiegen ausscheren, obwohl ihr Sichtfeld eingeschränkt ist", sagt er. Das kann leicht schiefgehen.

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"Perspektivwechsel" im Stadtverkehr: Lkw-Fahrer machen gemeinsame Radtour

Die Fahrer machen sich bereit für die Tour. Auf Mountainbikes, Holland- und Rennrädern fahren sie vom Hof in Richtung Stadt. Florian Mallok leitet die Gruppe an. Er hat die Initiative "Hamburg dreht sich" mitgegründet, die sich um zukunftsfähige Mobilität bemüht. "Wir haben eine gut 20 Kilometer lange Strecke ausgearbeitet, die an fünf Unfallstationen vorbeiführt", sagt er. An vier der Kreuzungen kamen Radfahrerinnen oder Radfahrer ums Leben. Auch an der Alster, an der vor zwei Wochen eine 52-jährige Frau nach einem Unfall mit einem Lkw starb, führt der Weg vorbei.

Zunächst geht es zur Kreuzung Ritterstraße / Wandsbeker Chaussee. Mallok erzählt auf dem Bürgersteig stehend, wie es hier 2016 zum Unfall kam: Der Lkw-Fahrer habe rechts abbiegen wollen und angehalten, um Fußgänger passieren zu lassen. Eine Radfahrerin sei angefahren gekommen und habe gezögert, vorbeizufahren. Letztendlich nahm der Fahrer die Frau nicht wahr, und beide starteten zeitgleich. Die Radfahrerin habe sich noch mit beiden Händen am Fahrerhaus abgestützt und sei dann überrollt worden. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sagt Mallok. "Wir wollen lieber darüber sprechen, wie sich solche Unfälle in Zukunft vermeiden lassen."

Den Blick zum Boden gerichtet, steht Fred Behrend etwas abseits der Gruppe. Er ist Fahrtrainer der Straßenverkehrsgenossenschaft (SVG). Vor dieser Tour saß er schon lange nicht mehr auf einem Fahrrad. "Auf der Straße habe ich mich unsicher gefühlt, auf dem Radweg ging's", sagt er anschließend.

Behrend bringt anderen Leuten bei, wie man Lkw fährt. Die Perspektivwechsel-Radtour soll fester Bestandteil der Aus- und Weiterbildung der Berufskraftfahrer werden. Der Fahrtrainer hat für seine Schüler vor allem zwei Ratschläge: "Wenn du weißt, dass du abbiegen musst, schau dir nicht erst zehn Meter vorher die Situation an der Kreuzung an, sondern schon 200 Meter vorher." Und: "Stress, etwa mit dem Chef, hat nichts im Verkehr zu suchen." Das gilt wohl für Rad-, Auto- und E-Scooter-Fahrer gleichermaßen.



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