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26. Januar 2013, 07:38 Uhr

Ram 1500 im Test

Größenwahn auf Sparflamme

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Hier kommt der Gigant. Hinter dem Steuer des riesigen Ram 1500 fühlt man sich ungewohnt erhaben, souverän - eben wie ein King of the Road. Das Beste: Der Pick-up kommt an der Tankstelle ungewohnt bescheiden daher.

Der erste Eindruck: Was für ein Trumm: 5,80 Meter lang, 2,02 Meter breit und 2,00 Meter hoch - wenn man zum ersten Mal neben dem Ram 1500 steht, fühlt man sich klein. Einstiegshöhe, Passagierkabine, Ladefläche - alles an diesem Auto ist riesig. Sitzt man erst einmal drin, wächst das Ego plötzlich in Richtung King of the Road, denn der Wagen wirkt geradezu unverwundbar. Das färbt auf den Fahrer ab.

Das sagt der Hersteller: In der Verkaufsstatistik der amerikanischen Pick-ups ist Ram mit der 1500er-Serie nach Ford F-150 und Chevrolet Silverado lediglich die Nummer drei. Doch von Bescheidenheit hält Markenchef Fred Diaz rein gar nichts. "Der neue Ram 1500 ist in dieser Klasse der praktischste und schönste Pick-up der Welt", sagt der Manager. Außerdem sei der Wagen der sparsamste des Segments. "Wir haben alles an diesem Truck geändert - vom Rahmen über das Getriebe bis zum Interieur." Die Mühe hat sich offenbar gelohnt: Auf der Motorshow in Detroit wurde der Ram 1500 jüngst zum "Truck of the Year" gekürt.

Das ist uns aufgefallen: Wie gut man mit dem riesigen Format zurecht kommt, vorausgesetzt, man fährt den Ram in Nordamerika. Hier sind die Supermarkt-Parkplätze größer als Fußballfelder, die Autobahnen achtspurig und die Parkhäuser groß genug, dass sich selbst so ein Trumm geradezu handlich und wendig anfühlt.

Über einen Alpenpass möchte man den Koloss mit Heckantrieb und Blattfedern nicht treiben, aber auf den endlosen Geraden der Highways und auf sanft geschwungenen Byways macht er eine ganz gute Figur. Was der Federung an Bestimmtheit fehlt, macht sie mit Gutmütigkeit wieder wett. Querfugen im Beton, tiefe Schlaglöcher, Felsbrocken oder Mauerreste - wahrscheinlich würde der Ram selbst über einen Kleinwagen rumpeln, ohne dass der Kaffee aus dem Zwei-Liter-Becher schwappt.

Auch an Dynamik mangelt es dem rund zweieinhalb Tonnen schweren Auto nicht. Zwar steckt unter der Haube nicht der 5,7 Liter große Hemi-V8-Motor, sondern nur ein 3,6 Liter großer V6-Benziner, der im Motorraum regelrecht verloren wirkt. Doch für das neue Modell wurde dessen Leistung um 42 Prozent und das Drehmoment um 13 Prozent gesteigert. Jetzt kommt der Sechszylinder auf 305 PS und 364 Nm.

Das muss man wissen: Der Ram wirkt zwar wie ein Dinosaurier, ist unterm Blech aber durchaus modern. Denn "Fuel Efficiency" ist mittlerweile selbst für Asphalt-Cowboys im Pritschenwagen ein Thema. Die Ingenieure haben deshalb beim Modellwechsel den Verbrauch durch den neuen Motor, die achtstufige Automatik, eine um etwa einen Zentner abgespeckte Stahlkonstruktion, den besten cW-Wert in der Klasse und Jalousien im Kühlergrill, die sich bei Bedarf schließen und so die Windschlüpfigkeit erhöhen, um rund 20 Prozent gedrückt.

11,7 Liter auf dem Prüfstand und 14 Liter in der Praxis sind für ein Auto dieses Formats nicht schlecht. Außerdem gibt es sogar eine Sparversion. Die bietet eine Luftfederung, die den Wagen auf dem Highway zugunsten eines geringeren Luftwiderstands absenkt, sowie erstmals bei einem Pick-up eine Start-Stopp-Automatik.

Trotz ihrer Größe sind Pick-ups in den USA vergleichsweise billig. Der Ram 1500 kostet in der Basisversion 22.640 Dollar, umgerechnet nicht einmal 20.000 Euro. In Deutschland sieht das anders aus. Unter 40.000 Euro ist ein Auto wie der Ram 1500 kaum bei einem der freien Importeure zu bekommen; auch deshalb, weil meist nur Autos mit üppiger Ausstattung und dicken Motoren angeboten werden.

Denn egal, ob Ram, Ford oder Chevrolet - alle US-Hersteller haben ihre Pick-ups längst aus der reinen Nutzfahrzeug-Ecke geholt und mit reichlich Lack und Leder zu Lifestyle-Lastern für Familien mit größerem Transportbedarf gemacht. Auch für den 1500er gibt es also jede Menge Extras und Elektronik bis hin zum Online-Infotainment-System.

Das Basismodell allerdings ist schlicht und schmucklos möbliert. Das Auge wandert über graue Hartplastik-Weiten; elektronische Assistenzsysteme sucht man vergebens, nur der Fahrersitz lässt sich automatisch verstellen und einen Schaltknauf gibt es erst gar nicht. Die Gänge wählt man, wie sonst Radiosender, per Drehregler in der Mittelkonsole oder Schaltwippen im Lenkrad.

Das werden wir nicht vergessen: Das Gefühl, mit diesem Auto für wirklich alles gewappnet zu sein. Andererseits birgt die Größe des Ram auch ein paar Probleme - vor allem im Innenraum. Denn dort hat der Pick-up so viele Ablagen, Staufächer und Becherhalter, dass man ständig den darin verstreuten Kleinkram sucht und am Ende der Testfahrt ein bisschen mehr Zeit zum Aufräumen einplanen sollte.

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