Rechnen mit Esso "Da ist der Wurm drin"

Die Ölkonzerne heben die Benzinpreise munter an. Als Begründung weisen sie auf große Verluste hin. Doch Esso macht auf seiner Website eine andere Rechnung auf.
Von Alexander Richter

Hamburg - Esso-Sprecher Karl-Heinz Schult-Bornemann weiß das Datum, ab wann die Tankstellen des Konzerns Verluste schrieben, aus dem Kopf: "Am 13. März führte DEA mit der Payback-Karte ein verstecktes Rabattsystem ein und löste damit einen Preiskampf aus." Sogar das Bundeskartellamt hat sich nach seiner Lesart eingeschaltet, weil die Spritpreise zu günstig gewesen seien. Die gesamte Branche habe seit dem denkwürdigen Tag im März ein Minus von 500 Millionen Mark erwirtschaftet, zitiert Schult-Bornemann aus einer Untersuchung. Er sehe für die Esso "keine Chance, aus den roten Zahlen" herauszukommen.

Dementsprechend drückt der Konzern auf den eigenen Webseiten kräftig auf die Tränendrüse der Internetgemeinde. Unter der Fragestellung "Profitieren die Ölgesellschaften nicht vom höheren Benzinpreis?" wird folgende Rechnung aufgemacht: 1999 habe Öl im Einkauf etwa zehn Pfennig je Liter gekostet. Bis Juni 2000 sei dieser Preis auf 39 Pfennig gestiegen, macht für Esso zusätzliche Kosten von 29 Pfennig.

Acht Pfennig Verlust vs. zwei Pfennig Gewinn

Im selben Zeitraum habe der Liter Benzin an den Esso-Stationen um 50 Pfennig zugelegt, heißt es. Man müsse aber berücksichtigen, dass schon durch die Ökosteuer der Preis um 19 Pfennig geklettert sei. Wenn man nun diese 19 Pfennig von der Benzinpreiserhöhung abziehe, dann blieben 31 Pfennig übrig, rechnen die PR-Leute aus der Hamburger Zentrale vor. Öl koste aber 39 Pfennig je Liter. Unter dem Strich müsste somit ein Verlust von acht Pfennig stehen.

Nun sind 29 Pfennig zusätzliche Einkaufskosten und ein Plus von 19 Pfennig Ökosteuer aber 48 Pfennig. Bei einer Preisanhebung von 50 Pfennig macht das für Esso einen Gewinn von zwei Pfennig je verkauften Liter Benzin - ups! Ein Anruf in der Deutschland-Zentrale folgt:

Der klärende Telefonanruf

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie Ihre Website, auf der Esso vorrechnet, dass man wegen gestiegener Einkaufspreise und Ökosteuer beim Benzinverkauf Verluste schreibt?

Esso-Sprecher Karl-Heinz Schult-Bornemann: Ja

SPIEGEL ONLINE: Ist ein Gewinn von zwei Pfennig je verkauften Liter Benzin ein Verlust? Das kommt nämlich heraus, wenn man der Rechnung folgt.

Schult-Bornemann: Wo steht das?

SPIEGEL ONLINE: Unter dem Menüpunkt "Infoservice", Unterpunkt "Fragen" und dann "Profitieren die Ölgesellschaften nicht vom höheren Benzinpreis?"

Schult-Bornemann: (rechnet nach) Wenn 29 Pfennig... 19 Pfennig Ökosteuer... 50 Pfennig... (Stille). Also... 39 Pfennig... 19 Pfennig... 31 Pfennig... (Stille) Und wo verstehen Sie die Rechnung nicht?

SPIEGEL ONLINE: 19 Pfennig Ökosteuer und 29 Pfennig ergeben zusammen 48 Pfennig. Bei einer Benzinpreiserhöhung von 50 Pfennig bleibt ein Gewinn von zwei Pfennig.

Schult-Bornemann: (Rechnet dreimal nach, die Stille wird nur vom Tippen auf dem Taschenrechner unterbrochen) Mal sehen... (Stille) Ist doch ganz klar: Der Preis fürs Öl beträgt 39 Pfennig, Ökosteuer 19 Pfennig, das macht 58 Pfennig und das bei einer Preissteigerung von 50 Pfennig.

SPIEGEL ONLINE: Aber wir sprechen doch von Steigerungen und nicht von absoluten Zahlen. Esso muss also nur 29 Pfennig mehr für den Liter Öl bezahlen.

Schult-Bornemann: (Stille, Taschenrechnertippen) Also jetzt...

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Rechenfehler?

Schult-Bornemann: Den kann ich gleich nachvollziehen. Ich nehme mal die aktuellen Zahlen, die wir demnächst ins Internet stellen...

SPIEGEL ONLINE: Stimmen die jetzigen Zahlen nicht?

Schult-Bornemann: Irgendwie ist da der Wurm drin. Ich muss das mal mit den Unterlagen vergleichen. Ein Rechenfehler kann eigentlich nicht vorliegen. Wenn, dann stimmen die Zahlen nicht. Die Produktbeschaffungskosten sind auf jeden Fall stärker als der Verkaufspreis gestiegen. Kann ich Sie morgen zurückrufen?

SPIEGEL ONLINE: Auf jeden Fall

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