Restaurierter Silberpfeil-Transporter Legende im Blaumann

Über die Rennstrecken flogen die Mercedes-Silberpfeile in den fünfziger Jahren mit mehr als 300 km/h, auf dem Weg dahin schafften sie gerade 90 - im Bauch eines Renntransporters. Eines dieser alten Ungetüme wurde jetzt reanimiert. Ausfahrt in einem Lkw, der dem Wort Kraftfahrer neue Bedeutung verleiht.

Tom Grünweg

Normalerweise schraubt Gert Straub an rasanteren Fahrzeugen. An Flügeltürern von Mercedes, an Silberpfeilen aus allen Epochen. Oder aber an alten S-Klasse- oder 600er-Typen. Mit Autos dieser Kragenweite hat der Spezialist aus dem Daimler Classic Center in Fellbach normalerweise zu tun.

In den vergangenen zwei Jahren aber beschäftigte sich Straub daneben noch mit einem schwereren Kaliber: einem Renntransporter auf dem Nutzfahrzeug-Fahrgestell L 3500, wie ihn Mercedes in den fünfziger Jahren für die legendären Silberpfeile einsetzte. Denn irgendwie mussten die Rennwagen, mit denen Stirling Moss, Hans Herrmann oder Juan Manuel Fangio ihre Rekorde einfuhren, ja zum Nürburgring, an den Start der Mille Miglia oder nach Monza kommen.

Während der Formel-1-Zirkus heutzutage in einer luxuriösen Karawane aus klimatisierten XXL-Wohnmobilen und Hightech-Trucks mit integrierten Werkstätten, Prüfständen und Computern wie in einem Raumfahrt-Kontrollzentrum über die Kontinente reist, ging es in damals beschaulicher zu. "Ein halbes Dutzend Laster pro Rennstall, darunter ein Transporter und ein Werkstattwagen, mehr gab es nicht", sagt Straub.

Bei mehr als 60 km/h sind keine Gespräche mehr möglich

Begrenzt war auch der Komfort. Im Führerhaus des Renntransporters gibt es zwei mit rotem Kunstleder bezogene Bänke; sechs Personen finden Platz. Der Fahrer sitzt nicht links, sondern in der Mitte. Jenseits von Tempo 60 wird es so laut im Laster, das jedes Gespräch zum Gebrüll wird. Und heiß wird es obendrein, ganz gleich wie kalt es draußen ist.

Das liegt nicht nur an der mangelnden Belüftung und dem Sechszylindermotor direkt vor der Kabine, sondern vor allem auch daran, dass der Mann am Lenkrad Schwerstarbeit verrichten muss. Wer je einen L 3500 über eine kurvige Landstraße dirigieren oder auf einem Parkplatz rangieren muss, entwickelt ein ganz neues Verständnis für den Begriff Kraftfahrer.

Doch starke Arme sind längst nicht alles, was man am Steuer des Renntransporters braucht. Auch Augenmaß kann nicht schaden, wenn die viel zu kleinen Spiegel durch die Vibrationen des Dieselmotors so sehr zittern, dass man das Ende des eigenen, knapp acht Meter langen und 3,60 Meter hohen Fuhrwerks nur schemenhaft erkennen kann. Und die Peilstäbe vorn auf den Stoßfängern sind fast komplett von der langen Haube verdeckt.

Mit den Rennautos huckepack wird entschleunigt

Schließlich braucht, wer sich ans Steuer des Renntransporters setzt, auch Langmut. So schnell die Silberpfeile damals waren, ihr Transporter war ein Typ von der langsamen Truppe. Der 4,6-Liter-Selbstzünder leistet 90 PS und hat mit dem leer schon 7,5 Tonnen schweren Laster seine Mühe. Im Stuttgarter Umland jedenfalls muss man ziemlich oft zurückschalten, wenn man den Verkehr nicht vollends zum Erliegen bringen will. Und bis die Tachonadel über die 60-km/h-Marke klettert, dauert es eine gefühlte Ewigkeit.

Oldtimer-Spezialist Straub sieht das gelassen und preist das Renntransporterfahren - als Ausgleich zu den Einsätzen mit den Rennwagen - als willkommene Entschleunigung. Im übrigen sei der Lkw gar nicht so lahm. "Wenn er mal läuft, dann schafft er locker mehr als 80 km/h", sagt sich Straub. So flott jedenfalls fuhr der Wagen vor wenigen Wochen auf dem Rückweg von Le Mans nach Stuttgart.

Für Straub war der L 3500 eines der größten und vor allem eines der exotischsten Restaurationsprojekte seines bisherigen Berufslebens. Auch, weil Lastwagen und Busse im Classic Center nur eine Nebenrolle spielen. Die Nutzfahrzeug-Sammlerszene ist zwar groß, doch schrauben die Fans betagter Lkw oder Busse meist selbst an den Riesen-Oldies herum.

Früher war der restaurierte Riese mal ein Möbellaster

Die Renntransporter wurden bis vor kurzem gar nicht als erhaltenswert angesehen. Während die Rennwagen über die Jahrzehnte akribisch gehegt und gepflegt wurden, landeten die Renntransporter nach ihrer aktiven Dienstzeit in einer Verkaufsannonce oder wurden verschrottet. Deshalb ist der jetzt auferstandene blaue Transporter auch kein Original, sondern ein ehemaliger Möbellaster, der nach alten Skizzen und Fotos so originalgetreu wie möglich umgebaut wurde.

In einem Punkt brachen Straub und seine Kollegen ganz bewusst mit der Vergangenheit: Im Laderaum gibt es statt schlichter Bretter jetzt eine Rampe aus Aluminium-Profilen samt einer elektrischen Winde, mit der die Autos in den großen Kastenaufbau gezogen werden können. So lassen sich nicht nur die betagten Silberpfeile besser sichern, sondern das neue Transportgestell ist so konstruiert, dass auch aktuelle Formel-1-Wagen in den alten Laster eingeladen werden können. Wenn es nach Straub ginge, stünde einer Dienstfahrt zum nächsten Grand-Prix nach Hockenheim oder an den Nürburgring nichts im Wege - selbst wenn die Anreise in diesem Fall mal etwas länger dauern würde.



insgesamt 12 Beiträge
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annibertazeh 29.09.2012
1. Wer/was ist ein Kraftfahrer?
'tschuldigung, SPON. Nicht dieser "LKW (ist,'s), der dem Wort Kraftfahrer neue Bedeutung verleiht". Vielmehr und trefflicher könnte man schreiben, dieses Fahrzeug gebe dem Wort seine herkömmliche Bedeutung wieder zurück.
rudi_1957 29.09.2012
2. Schoener Laster
Sehr schoener Lastkraftwagen. Warten wir mal, bis die Euro6 Fraktion kommt, und sich aufregt. Oder die"Anti im Kreis rumfahr" Fraktion :)
seppedoni 29.09.2012
3. Auch sehr schön...
aber eher die klassische Variante. Sensationell war damals ein anderer Mercedes-Renntransporter, das "blaue Wunder". Ein windschlüpfiges Teil mit dem bärenstarken Motor des Flügeltürers, auf dem die Silberpfeile offen und im Eiltempo transportiert werden konnten. Wurde später verschrottet und auch vor wenigen Jahren nach Originalplänen rekonstruiert. Heute gibts ihn sogar als Modell - sehr dekorativ.
Dette 29.09.2012
4. Wunderblume
Die Auffahrampen waren auch damals schon Alu oder Blech - kein Holz - und dienten offensichtlich als Reparaturhilfe.
Airkraft 29.09.2012
5. Gelernt ist gelernt!
Habe bei der Bundeswehr in den 70ern einen Lkw-Führerschein gemacht. Das Fahrzeug war ein 7,5t MAN, natürlich ohne Schnickschnack wie Lenkhilfe oder Bremskraftverstärker. Mit einem solchen Fahrzeug wird nur gelenkt, wenn Mann auch fährt - notfalls gaaanz langsam. Obwohl das Lenkrad im Durchmesser dafür ausgelegt ist kann man die Räder im Stand nicht bewegen/einschlagen. Auch nimmt man im Gelände besser die Daumen aus dem Lenkrad, sonst sind sie nämlich "ab".
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