Renault in Genf Zurück zu Baguette und Beurre

Ist das der neue Kurs von Konzernchef Carlos Ghosn? Nachdem Renault in Genf jahrelang mit ausgefallenen Studien glänzte, finden die Franzosen jetzt zurück zu Brot und Butter. Im Mittelpunkt steht der neue Twingo. Und die beiden Showcars sind eher Wirklichkeit als Vision.


Was waren das noch für Zeiten, als man sich am Renault-Design so richtig reiben konnte. Die Franzosen feierten sich selbst als "Createur d’Automobiles" und ihren Designchef Patrick le Quément als kreativen Star mit allerlei Narrenfreiheit. Zwar haben dessen Entwürfe das Gespräch auf jeder Messe bestimmt. Doch bei den Kunden konnten die Kreationen nicht immer so richtig landen: An den Mégane als wichtiges Modell in der Golf-Klasse haben sie sich erst spät gewöhnt, an der Oberklasse-Limousine Vel Satis stößt man sich noch heute, und das Ende des Avantime war nicht nur eine Frage der miesen Qualität.

Doch spätestens seitdem in Paris Carlos Ghosn regiert, scheint die Jagd nach dem Zeitgeist vorbei. Die Franzosen finden zurück zur Bodenhaftung, der Vize-Chef Patrick Pélata proklamiert in Interviews die Rückkehr zum alter Werbebotschaft "Autos zum Leben" und verspricht "Autos mit praktischen Ideen, freundlich gestaltet, mit guter Qualität zu fairen Preisen", und der Designchef scheint ähnlich ins Abseits gelobt wie Chris Bangle bei BMW. Kein Wunder also, dass Renault auch auf dem Genfer Salon in betonter Nüchternheit auftritt und statt wirklichkeitsferner Visionen plötzlich wieder ganz greifbare Autos in den Mittelpunkt rückt.

Voilá: Der neue Twingo

Star der Show ist die zweite Auflage des Twingo, der 14 Jahre und 2,4 Millionen Fahrzeuge nach seinem Debüt in diesem Sommer endlich einen Nachfolger bekommt. Dabei ist aus dem niedlichen Charmeur von einst ein stolzer Kleinwagen geworden, der gelegentlich sogar einen ernsten Blick aufsetzt. Denn der Twingo ist nicht nur um etwa 20 Zentimeter auf 3,60 Meter gewachsen, er sieht jetzt auch erwachsen aus. Auf den ersten Blick wirkt der Twingo wie ein geschrumpfter Van. Entsprechend loben die Franzosen auch sein üppiges Platzangebot. Nach dem Motto "außen klein, innen groß" soll er deutlich mehr Kopf- und Kniefreiheit auf allen Plätzen bieten.

Im Fond sei die Beinfreiheit so gut wie im Clio, und der Kofferraum biete das größte Fassungsvermögen in dieser Klasse. Möglich macht das der variable Fond, in dem die Franzosen wahlweise eine Rückbank oder zwei Einzelsitze montieren. Beide Lösungen lassen sich allerdings rund 20 Zentimeter verschieben, so dass bei maximaler Beinfreiheit 165 und bei angezogenen Knien 285 Liter unter die Hutablage passen. Legt man die Sitze flach, steigt das Ladevolumen auf knapp 1 000 Liter, und weil man auch die Lehne des Beifahrersitzes umklappen kann, passt sogar das studentische Bücherregal ins Auto.

Der Kleine erstmals als Diesel

Aber Renault hat auch allerlei Krimskram im Sinn. Dafür gibt es jetzt fast dreimal so viele Ablagemöglichkeiten in Türen, Sitzen und Konsolen – darunter auch eine Art Klemmbrett hinter dem Lenkrad. Dort halten flexible Gummihalme im Stil eines Kunstrasens Telefone, Parkausweise oder Feuerzeuge, ohne dass sie durch die Ablagen scheppern. Dazu gibt es ein Armaturenbrett, bei dem das Cockpit zwar noch immer auf der Mittelkonsole thront, das nun aber die Digitalanzeigen zumindest wieder in Rundinstrumente packt und wenigstens dem Drehzahlmesser einen Zeiger gönnt. Ebenfalls neu sind die Integration von MP3-Playern und Mobiltelefonen sowie die Option auf bis zu sechs Airbags. Nur mit dem ESP sind die Franzosen nicht rechtzeitig fertig geworden.

Während es bis dato im Twingo nur zwei Benziner gab, wird es das neue Modell vom Start weg mit drei Benzinern und erstmals auch mit einem Diesel geben. Alle Motoren feiern die Franzosen ganz im Geist der Zeit als Saubermänner, die weniger verbrauchen und nur einen mageren CO2-Ausstoß haben: "Selbst in der stärksten Version haben die Benziner einen CO2-Ausstoß von weniger als 140 g/km; der Diesel weniger als 120 g/km".

Alle drei Benziner nutzen einen Block mit 1,2 Litern Hubraum. In der Basis kommt dieser Motor auf dürre 60 PS. Dank 16-Ventiltechnik steigt die Leistung auf 75 PS, und kommt dann noch ein Turbo ins Spiel, mobilisiert der Vierzylinder 100 PS. "Dieses Triebwerk verfügt bei den Verbrauchswerten einer Hubraumklasse über die Kraftreserven eines 1,4-Liter-Aggregates und ein Drehmoment, wie es für einen 1,6-Liter-Motor typisch ist", schwärmen die Ingeniere und loben 145 Nm, einen Sprintwert von 9,8 Sekunden und einen Verbrauch von 5,9 Litern. Das ist allerdings nichts gegen den Diesel, der bei 1,5 Litern Hubraum 70 PS leistet, 160 Nm erreicht und wohl mit weniger als vier Litern zufrieden sein sollte.

Noch zwei alte neue Studien

Ach ja, ein paar Studien haben die Franzosen doch mitgebracht. Aber sowohl der Koleos als auch das Clio Grand Tour Concept verdienen diesen Namen eigentlich nicht. Den Koleos kennt man schon vom Pariser Salon als Entwurf für einen kompakten Geländewagen, mit dessen erneutem Auftritt Renault die Wartezeit bis zum Herbst überbrückt und auf den Citroën C-Crosser und den Peugeot 4007 reagiert. Und der kleine Kombi auf Basis des Clio ist trotz seiner sportlichen Anbauten und des Verzichts auf die hinteren Türen so nah an der Wirklichkeit, dass er wohl noch in diesem Sommer gegen Peugeot 207 SW und Skoda Fabia Combi antreten wird.



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