Renault R4 als Rekordjäger Ein alter Franzose läuft heiß

Tempo-Wahn auf dem Salzsee: Bei der legendären Speed Week in Utah gehen Raketenautos auf Rekordjagd. Doch unter die Tempobolzer mischt sich in diesem Jahr ein betagter, biederer Franzose: Ein aufgemotzter Renault 4 mit 290 PS tritt gegen die hochgezüchteten Widersacher an.

Tom Grünweg

"Nein, mit Autos haben wir beruflich eigentlich gar nichts zu tun", sagt Gilles Pujol. "Aber wir sind ein bisschen verrückt und haben es gerne schnell." Das muss als Begründung reichen. Dabei hätte Monsieur Pujol eigentlich sehr viel zu erklären. Zum Beispiel, warum ein Bauingenieur, ein Fotograf, ein Programmierer und ein Fluglotse sich auf ein derart halsbrecherisches Abenteuer einlassen? Das Quartett plant nämlich, mit einem fast 30 Jahre alten Renault 4 als "Triplettes de Bonneville" Mitte August bei der legendären Speed Week auf den Salzseen von Utah anzutreten und zu demonstrieren, wie schnell ein Renault 4 werden kann.

280 km/h soll ihr Rennwagen namens Salin4Fun erreichen und damit Rekordboliden wie den über 1000 km/h schnellen Bloodhound oder dessen Widersacher Thrust SSC zumindest in der Gunst der Fans schlagen. Selbst wenn es nicht für einen Klassensieg reicht und ein Weltrekord in weiter Ferne liegt, haben die Franzosen eine Bestleistung schon jetzt sicher. Pujol: "Kein R4 fährt schneller als unserer."

Dafür hat das Quartett den Oldtimer mit Unterstützung der Klassik-Abteilung von Renault so gründlich umgebaut, dass außer der Karosserie kaum mehr etwas vom Original erhalten blieb. Die Bleche stammen zwar von einer 83er Fourgonnette, der Kastenwagenversion des insgesamt mehr als acht Millionen Mal gebauten R4. "Aber darunter steckt reinste Renntechnik", sagt Pujol. Allerdings hat auch die schon ein paar Jahre auf dem Buckel: Die Bremsen zum Beispiel stammen von einem R25, und was vorn unter der mit drei Schnapphaken abnehmbaren Frontpartie heraus lugt, ist das Getriebe eines R25 Turbo. Das erklärt auch, weshalb man im spartanischen Cockpit vergebens nach der alten Revolverschaltung sucht und stattdessen wohl zum ersten Mal im R4 ein ordentlicher Schaltknüppel aus dem Wagenboden ragt.

Erfahrene Tuner

Die wichtigste Transplantation war allerdings der Motor. Denn mit dem 34 PS starken 1,1-Liter des Originals wäre auf dem Salzsee nichts zu holen gewesen. Also haben die "Triplettes", die ihren Namen übrigens aus dem Comicfilm "Das große Rennen von Belleville " entlehnt haben, etwas Stärkeres gesucht und wurden bei der Rennversion des R5 Turbo fündig. Dessen Motor hat zwar lediglich 1,5 Liter Hubraum, aber mit knapp 3,0 bar macht ihm ein Lader mächtig Dampf. "Bei der letzten Messung auf dem Prüfstand waren es 290 PS", sagt Pujol. "Selbst wenn wir in der dünnen Luft von Utah etwas Leistung einbüßen, sollte das reichen."

Pujols vergnügtes Grinsen zeugt von einer gewissen Erfahrung. Denn die stets in hellem Türkis gekleideten Triplettes sind keine Greenhorns, sondern in diesem Jahr bereits zum vierten Mal Gäste in Bonneville. Schon bei ihrem ersten Auftritt 2007, als sie in der 50-Kubikzentimeter-Klasse antraten, kamen sie mit vier Weltrekorden nach Hause.

2000 Dollar für die Reifen

Um das nur 720 Kilogramm schwere Auto zu fahren, muss der Fahrer Bernard Canonne durch einen vorgeschriebenen Überrollkäfig klettern und sich in einen engen Blechsitz quetschen. Wenn er dann die Maschine mit einem Startknopf anwirft ist nichts mehr, wie noch eine Sekunde davor: Ohrenbetäubender Lärm zerreißt die Luft, und aus den beiden abgesägten Endrohren vorn im Kotflügel schießt ein Heißluftstrom.

Wer jetzt, bei den letzten Testfahrten vor dem Verladen in die USA auf einem abgelegenen Flughafen vor Paris einen fulminanten Start mit quietschenden, qualmenden Reifen erwartet, liegt verkehrt. Ganz langsam setzt sich der R4 in Bewegung. Erstens muss Canonne die sündhaft teuren Reifen schonen, die bis Tempo 550 zugelassen sind und fast 2000 Dollar kosten. "Und zweitens ist das Getriebe nicht auf maximale Beschleunigung, sondern auf maximales Tempo ausgelegt", sagt Pujol. In Bonneville hat der R4 eine Meile Anlauf, ehe die fünf jeweils eine Meile langen Messstrecken beginnen.

Auf dieser ersten Meile verhält sich der rasende Rentner wie ein Jumbojet auf der Startbahn. "Bis 4000 Touren fährt sich unser Auto wie ein ganz normaler R4, aber danach geht er ab wie ein Dragster", schwärmt der Fahrer und stemmt den Fuß aufs Pedal. Mit jedem Meter wird die Fahrt rasanter. Der Oldie wird lauter und schneller, noch lauter und noch schneller und als Canonne am Ende der Teststrecke noch immer Gas gibt, ahnt man um die Tempoverrücktheit des Teams.

Fallschirm als Bremse

Doch der Fahrer hat noch keine Zeit, sich über die gelungene Generalprobe zu freuen. Er muss die kantige Kanonenkugel schließlich zum Stehen bringen. Wo in Bonneville eine kilometerlange Salzwüsten als Auslaufzone dient, ist die Rollbahn hier in ein paar hundert Metern zu Ende. Gut, dass es neben den Rennbremsen auch einen Fallschirm gibt, den Canonne über einem großen Griff am Dachhimmel aktiviert, so dass er sich Sekunden später hinter dem R4 aufbauscht und den Wagen sachte abbremst.

Den Triplettes geht es in Bonneville um Spaß, um Speed und auch um die Ehre. "Schließlich ist der R4 das erste französische Auto dort seit mehr als 50 Jahren", sagt Pujol. Vor ihnen fuhr dort zuletzt der von einer 270 PS starken Jetturbine befeuerte "Etoile Filante", der es 1956 mit 307,4 km/h ebenfalls zu einem Rekord gebrachte. Mit dem Rennwagen von einst hat der R4 übrigens nicht nur das Markenzeichen gemein. Genau wie damals wurde auch jetzt die Motorhaube mit einer Sternschnuppe aus Blattgold verziert.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
cassandros 07.08.2011
1. alte Franzosen
Zitat von sysopTempo-Wahn*auf dem Salzsee: Bei der legendären Speed Week in Utah gehen Raketenautos*auf Rekordjagd. Doch unter die Tempobolzer mischt sich in diesem Jahr ein betagter, biederer Franzose: Ein aufgemotzter Renault 4 mit 290 PS tritt gegen die*hochgezüchteten Widersacher an. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,777982,00.html
Ach, so: Renault. Ich dachte, es ginge schon wieder um Strauss-Kahn.
catcargerry 07.08.2011
2. So und so geil
Zitat von cassandrosAch, so: Renault. Ich dachte, es ginge schon wieder um Strauss-Kahn.
der Kommentar. Aber ich bin geschüttelt und gerührt, dass nach fast fuffzich Jahren mein erstes Auto mir elffacher Potenz Wiederauferstehung feiert. Ein wenig weniger konnte ich nur durch Markenwechsel erreichen, Schätze seitdem, weder Fechtübungen noch nasse Füße zum automobilen Erlebnis serviert zu bekommen.
catcargerry 07.08.2011
3. Nicht nur nasse Füße
Zitat von catcargerryder Kommentar. Aber ich bin geschüttelt und gerührt, dass nach fast fuffzich Jahren mein erstes Auto mir elffacher Potenz Wiederauferstehung feiert. Ein wenig weniger konnte ich nur durch Markenwechsel erreichen, Schätze seitdem, weder Fechtübungen noch nasse Füße zum automobilen Erlebnis serviert zu bekommen.
Im ersten Winter, bei Tauwetter, hatte ich - als Schüler mit kaum Taschengeld - einen ganzen Kartensatz Deutschland (damals noch dünner, trotzdem von Wert) in der Ablage unterm Armaturenbrett (oder -Blech) liegen lassen. Ruinös! Aber ich hatte eins von sechs Autos bei gut 100 Schülern in den Abiturklassen unserer Schule - und wahrscheinlich das einzige (mit guten Ferienjobs) selbst ersparte.
catcargerry 07.08.2011
4. Sorry
Zitat von catcargerryder Kommentar. Aber ich bin geschüttelt und gerührt, dass nach fast fuffzich Jahren mein erstes Auto mir elffacher Potenz Wiederauferstehung feiert. Ein wenig weniger konnte ich nur durch Markenwechsel erreichen, Schätze seitdem, weder Fechtübungen noch nasse Füße zum automobilen Erlebnis serviert zu bekommen.
Es sind nur 38 (fürzich), auch gefühlsmäßig.
WernerS 07.08.2011
5. warum nicht gleich ein richtiges auto?
290 ps und 280 km/h, das klingt so wie die schnellste schnecke unter den riesenzwergen. das gibt es auch billiger und sogar alltagstauglich.
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