Restzeitampeln Countdown für Formel-1-Fans?

Hamburg zählt die Sekunden: An einer Kreuzung in der Innenstadt stehen Deutschlands erste Restzeitampeln, die Autofahrern bei Rot die verbleibende Zeit bis zum nächsten Grün anzeigen. Experten aber streiten, ob das Pilotprojekt mehr Verkehrsfluss und Sicherheit bringt.


In Rumänien haben Autofahrer einen neuen Sport entdeckt: den sekundengenauen Kavaliersstart. An großen Kreuzungen in der Hauptstadt Bukarest, der siebenbürgischen Metropole Brasov und der künftigen europäischen Kulturhauptstadt Sibiu qualmen bei jeder Ampelphase die Reifen, wenn es grün aufleuchtet. Wann die Ampel umspringen wird, ist genau bekannt: Eine Digitalanzeige neben dem Rotlicht zählt die Sekunden bis zur nächsten Grünphase. Und wie beim Start eines Formel-1-Rennens jaulen die Motoren, um bloß keine Zehntelsekunde liegen zu lassen. Bei Grün jagt dann eine Meute von rumänischen Alonsos über die Kreuzung – und bei der nächsten Kreuzung mit einer sogenannten Restzeitampel beginnt das Spiel von vorne.

Restzeitampel: In Hamburg erhalten Autofahrer einen Countdown beim Warten an der Kreuzung
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Restzeitampel: In Hamburg erhalten Autofahrer einen Countdown beim Warten an der Kreuzung

Doch nicht nur in Rumänien hat ein neues Ampel-Zeitalter begonnen. Auch in Hamburg stehen die ersten Restrot-Leuchtsignale, die den Autofahrern mit einem Countdown von 50 abwärts die verbleibende Zeit bis zur freien Fahrt anzeigen – und umgekehrt die Restzeit der Grünphase bis zum Umspringen auf Rot. Vor zwei Monaten wurden die modernen Ampeln an in der City am Ballindamm direkt an der Binnenalster in Betrieb genommen. Bei dem Pilotprojekt soll untersucht werden, ob die 50 mal 50 Zentimeter großen Boxen mit den 26 mal 26 Zentimeter messenden Sekundenziffern den Verkehrsfluss beschleunigen und die Sicherheit an der belebten Kreuzung erhöhen. Noch liegen keine Ergebnisse des 250.000 Euro teuren Projekts vor, doch die Experten streiten bereits, ob die neue Technik wirklich nötig und sinnvoll ist.

Vor allem beim ADAC glaubt man nicht an mögliche Vorteile der Countdown-Ampeln für Autofahrer oder Passanten. "Wir sehen das kritisch", sagt Carsten Willms, verkehrspolitischer Sprecher des Automobilclubs. Er befürchtet, dass Autofahrer, ähnlich wie in Rumänien, zu draufgängerischem Verhalten verleitet werden könnten. "Diese Ampeln könnten einen Schumi-Effekt auslösen, wenn Autofahrer wie beim Formel-1-Rennen nur noch auf die Ampel starren und dann schnell lospreschen." Wenn sich dann etwa noch ein langsam querender Fußgänger auf der Kreuzung befände, sei die Gefahr groß.

Konfliktpotential während der Restsekunden

Außerdem sieht der ADAC-Experte Konfliktpotential, wenn in der Anfahrt auf eine Kreuzung mit Restzeitampeln während der Grünphase und dem Countdown bis zum nächsten Rot "zwei unterschiedliche Autofahrertypen aufeinander treffen: der rasante und der vorsichtige Typ". Der Erste würde "bei verbleibenden drei Sekunden noch schnell aufs Gas drücken", der Zweite hingegen eher abbremsen. "Das birgt ein Unfallrisiko", so Willms. "Die Ampeln haben nach unserer Einschätzung keinen positiven Einfluss auf die Verkehrssicherheit."

In der zuständigen Hamburger Baubehörde schätzt man die Situation an den Ampeln anders ein. Stadtentwicklungssenator Michael Freytag, der zum Jahreswechsel Hamburger Finanzsenator werden wird und sich bei einem Besuch in Shanghai von den dortigen Restzeitampeln inspirieren ließ, sieht Hamburg bundesweit als "Vorreiter beim Einsatz moderner Verkehrstechnologie. Mehr Transparenz bei der Ampelschaltung gestaltet den Verkehr flüssiger und sicherer." Vor allem an stark frequentierten Kreuzungen erhofft sich Hamburg, dass mit den neuen Ampeln künftig mehr Autos pro Grünphase durchfahren können.

Schaffen es mehr Autos über die Kreuzung?

"Dank des Countdowns kann sich der Erste in der Schlange schon einmal auf den Start vorbereiten und dann schneller in die Gänge kommen", sagt Kerstin Feddersen, Sprecherin der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. Dass daraus ein größeres Gefahrenpotential entstehen soll, glaubt sie nicht. "Wir gehen davon aus, dass Autofahrer im innerstädtischen Verkehr mit der neuen Situation an der Ampel umgehen können", so Feddersen. Genaueres aber könne man erst sagen, wenn das Pilotprojekt in einigen Monaten abgeschlossen sei. Um eventuelle Gefahren zu vermeiden, habe man aber bewusst keine besonders kritische Nadelöhr-Kreuzung als Testgebiet gewählt.

Im Frühjahr sollen die Ergebnisse des Projekts vorliegen – bislang konnten wegen der Störungen durch die monatelange und nur wenige hundert Meter entfernte Großbaustelle des gerade neu eröffneten Einkaufszentrums Europa-Passage keine relevanten Daten erhoben werden. Nur so viel steht bereits fest: Qualmende Reifen wie in Rumänien sind in Hamburg offenbar nicht an der Tagesordnung. Eventuell haben die hanseatisch-distinguierten Autofahrer kein gesteigertes Interesse am Kavalierstart-Wettbewerb. Und der vom ADAC vermutete "Schumi-Effekt" kommt vielleicht, angesichts der flauen Formel-1-Stimmung nach dem Rücktritt der Vollgas-Ikone Michael Schumacher, gar nicht zum Tragen.

pwe



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