Roboter-Busse auf dem Land Die Geisterfahrer von Overath

Nicht nur in Großstädten drohen Dieselfahrverbote, auch in kleineren Orten. Der Bürgermeister von Overath will deswegen ein Testfeld für Roboterbusse errichten - und Vorbild für Zukunftsmobilität auf dem Land werden.

Fabian Hoberg

Von Fabian Hoberg


Die Lage ist das Problem. Ähnlich wie die Stickoxid-Problemstadt Stuttgart liegt Overath in einem Tal, genau zwischen Aggertal und Sülztal, eingeschnitten von den Autobahnen A4 und A3. Gibt es im nahegelegenen Kölner Autobahnkreuz Ost einen Unfall und Stau, wählen die Fahrer eine Ausweichroute und Abkürzung. Die führt meist durch Overath.

Overath ist eine kreisangehörige Stadt im Bergischen Land, rund 25 Kilometer von Köln entfernt. "Dann staut es sich bei uns, es entwickelt sich ein Verkehrschaos, und die Feinstaubbelastung steigt", sagt Bürgermeister Jörg Weigt. Im Schnitt fahren mehr als 15.000 Fahrzeuge pro Tag an der Messstation vorbei. Der EU-Grenzwert für die Stickstoffdioxidkonzentration in der Außenluft von 40 Mikrogramm/m³ sei dann schwierig zu halten.

Der 59-Jährige ist seit 2014 im Amt und versucht, das Dilemma zu lösen. Er will seine Stadt fit für autonome Fahrzeuge machen. "Es geht mir allerdings nicht primär darum, dass hier künftig Roboterautos fahren, sondern darum, die Feinstaubbelastung zu reduzieren und gleichzeitig das Mobilitätsangebot zu erhöhen", sagt er.

Die Stadt wächst - und das ist ein Problem

Seit dem vergangenen Jahr steht im Zentrum an der Hauptstraße eine Messstation und zeichnet die Belastung auf. Overath mit seinen sieben Ortschaften und rund 27.000 Einwohnern hat seitdem eine eigene Umweltzone. Wer keine grüne Plakette hat, muss draußen bleiben. Die Stadt im Speckgürtel von Köln wächst, die Nachfrage nach Wohnfläche steigt - und somit auch der Verkehr. Die Oberbergische Bahn RB25 fährt nur im 35-Minuten-Takt. Eine höhere Frequenz ist nicht möglich, da das Gleisbett nur eine Spur bereithält. Außerdem gibt es noch das Nadelöhr Kölner Hauptbahnhof: Er kann nicht mehr Züge abfertigen. Viele Pendler klemmen sich deshalb hinters Lenkrad.

Dabei ist die Stauproblematik nicht neu: Vor 20 Jahren gab es schon Überlegungen zu einer Umgehungsstraße, einer Brücke oder einem Tunnel. Entweder scheiterte es an den Kosten oder an den Anwohnern. Oder an beiden.

Nun müssen neue Ideen her, um die Belastung zu reduzieren. Dazu gehören ein zweiter Bahnhof für Pendler mit Park+Ride-Möglichkeit außerhalb des Stadtzentrums, Parkleitsysteme, Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs und autonome Fahrzeuge. "Warum nicht autonome und emissionsfreie Kleinbusse wie People Mover einsetzen?", fragt Weigt. Damit könnten Kinder allein ins Schulzentrum fahren, die vielen Einzeltouren der Eltern in Stoßzeiten fielen weg. Rund 20.000 Kraftfahrzeuge sind derzeit in Overath zugelassen.

Eine Bürgerinitiative kümmert sich jetzt um Roboterautos

Die erste Idee dazu hatte Anwohner Rainer Koß, er warb im vergangenen November im Ausschuss dafür, das Stadtgebiet als Teststrecke für autonomes Fahren anzubieten. Denn Overath sei groß genug für ein aussagekräftiges Testfeld und klein genug, um die Kosten für die autonome Infrastruktur im Rahmen zu halten. Weigt nahm die Idee auf, als er sich mit dem Emissionsproblem in der Stadt befassen musste.

Der Vorteil von autonomen Fahrzeugen wie Minivans liege darin, dass sie preiswerter und regelmäßiger durchs Bergische Land fahren würden als große und oft leere Linienbusse. Bisher fahren die großen Linienbusse im ländlichen Raum eher selten am Tag, Taxen sind zu teuer. Die People Mover wären eine echte Alternative zum eigenen Auto - auf das dann verzichtet werden könnte. Zum Wohle der Luft.

Unter Rainer Koß bildete sich die Bürgerinitiative "Bürger für autonomes Fahren in Overath" (BaFO), um die Idee weiter voranzutreiben. Jetzt trifft sich alle drei Wochen der Arbeitskreis, um ein gemeinsames Ziel zu entwickeln. "Das allein ist schon schwierig", sagt Weigt. Koß' und Weigts Meinung nach bietet Overath durch seine Topografie, die engen und verwinkelten Straßen, vielen Kurven, Gefälle und Steigungen ein ideales Terrain für Erprobungszwecke. "Das wäre ein idealer Ort für die Forschung, für Hersteller und Zulieferer." Bisher gibt es nur Teilstücke, die für autonome Fahrzeuge freigegeben werden, wie jetzt in Karlsruhe, nicht jedoch eine ganze Stadt.

Aller Anfang ist elektrisch

Rund 40 Bürger engagieren sich in dem Kreis, sammeln Infos, führen Gespräche mit potenziellen Partnern und Unternehmen. Das können nach Meinung Weigts nicht nur Autohersteller sein, sondern auch Überwachungsvereine wie der TÜV, die Telekom, Post, Bahn, Navi-Softwareentwickler, Kreishandwerkerschaft, Hochschulen und Pflegedienste. "Eigentlich jeder, der mit Mobilität zu tun hat", sagt er. Es bestehen zwar viele Kontakte zur Industrie, konkrete Zusagen gebe es aber bisher nicht.

Bei den klammen öffentlichen Kassen und dem Sanierungsstau im öffentlichen Verkehrswegenetz hofft der Bürgermeister bei seinem Projekt auch auf Zuschüsse und finanzielle Unterstützung der Partner, aber auch auf Ideen zur Realisierung. "Wir wollen nicht nur die Emissionen senken, sondern auch den Verkehrsfluss erhöhen und die Bürger aus den umliegenden Kirchdörfern einfacher in die Stadt bringen können", sagt er.

Ein Anfang ist schon gemacht: In der Stadtverwaltung bewegen die Mitarbeiter derzeit drei Elektrofahrzeuge und einen Hybrid, ein E-Auto ist schon bestellt, künftig sollen die Mitarbeiter nur noch elektrisch durch die Stadt fahren. Auch ein Grundstück für einen zweiten Bahnhof außerhalb der Stadt wurde schon gekauft. Dort könnten Pendler ihre Autos abstellen und müssten sich nicht mehr durch den Ortskern quetschen. Mit Busunternehmen und Betriebshof diskutiert der Bürgermeister über elektrische Antriebe und Wasserstofffahrzeuge, mit einer Hochschule über ein neues Konzept für Fahrradwege. Zu den vier öffentlichen Ladesäulen sollen weitere hinzukommen, im Idealfall in jedem Kirchdorf mindestens zwei. Weigt selbst fährt allerdings noch einen Volvo V60 Diesel. Der müsste bald weg. Denn die Abgasprobleme stammen nicht nur von Lkw und Stau-Umfahrern, sondern von den Overathern selbst



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Stäffelesrutscher 19.05.2019
1.
»Die Oberbergische Bahn RB25 fährt nur im 35-Minuten-Takt. Eine höhere Frequenz ist nicht möglich, da das Gleisbett nur eine Spur bereithält. Außerdem gibt es noch das Nadelöhr Kölner Hauptbahnhof: Er kann nicht mehr Züge abfertigen.« Vielen Dank an 50 Jahre Autoverkehrsminister, Bahnreform und Bahnchefs aus dem Hause Daimler/Airbus.
kmgeo 19.05.2019
2. Mehr Passagiere?
Zuerst müsste der Nachweis geliefert werden, dass mit diesem Modell auch nur ein zusätzlicher Passagier gewonnen wird. Statt dessen wird es mehr Verkehr geben. Zwar emissionsfrei aber trotzdem mit Lärm und Stadtbildbeeinträchtigung. Warum nicht konsequent den MIV zurückdrängen und ÖPNV priorisien? Mehr Platz, bessere Takte, etc.
Kein Besserwisser 19.05.2019
3. Landbürgermeisetr als Gernegroß!
Der letzte Satz des Artikels sagt alles, Zitat: Denn die Abgasprobleme stammen nicht nur von Lkw und Stau-Umfahrern, sondern von den Overathern selbst, Zitatende. Habe in den 70ger Jahren selbst mal in dieser Ecke gewohnt. Schon damals war die Verkehrssituation grauenhaft und damals wie heute fehlt es dem inzwischen zur Stadt mutiertem Dorf an einem schlüssigen Verkehrskonzept! Vom Speckgürtel profitieren, aber nichts investieren! Seit den 70gern sind viele Bürgermeister gekommen und gegangen, keiner hatte den Mut oder das Durchsetzungsvermögen, etwas zu ändern. Es grenzt jetzt schon an Größenwahn wenn der derzeitige Bürgermeister hofft, seine futuristische Idee durch Subventionen oder Spenden verwirklichen zu können; da wird wieder einmal klar, dass Dorfleben zum Träumen verleitet, oder liegt es an den Abgasen, die der Bürgermeister vielleicht zu viel eingeatmet hat....
Mike-H 19.05.2019
4. Es liegt ja nicht nur am Bürgermeister.
Vom Speckgürtelleben profitieren vor allem die Anwohner aber die Nachteile soll die Allgemeinheit bezahlen. Die Bahnlinie ist nur eingleisig, bestimmt waren alle Anwohner am Bahndamm für den Ausbau und mehr Lärm. Wer das als Bürgermeister durchsetzen will, kann sich gleich selber absetzen.
Ultradigger 19.05.2019
5. Mehr ÖPNV ist kaum machbar
da es einfach nicht genug Fahrer gibt. Es gibt nicht genug Lokführer, Busfahrer und Straßenbahnfahrer. Würden diese Jobs besser bezahlt, würden die Transportpreise steigen. Dazu kommt noch, dass nur 10% der Bevölkerung den ÖPNV zur Fortbewegung nutzen. Jedoch 70% das Auto (Fußgänger und Radfahrer je 10%). So viel ÖPNV wie man bräuchte, kann man gar nicht ausbauen. Da sind autonome Fahrzeuge gar keine schlechte Idee. Kombiniert mit Carsharing und Carhailing haben die das Potential den Verkehrskollaps zu vermeiden und gleichzeitig etwas positives für unsere Umwelt zu tun. Ich wünsche Overath viel Glück bei der Umsetzng des Vorhabens!
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