Russlands Automarkt Der Bär erwacht

Die Automärkte in China oder Indien boomen, doch noch furioser steppt der Bär in Russland. Schon jetzt hat das Land den am raschesten wachsenden Automarkt der Welt. Und wer die vielen Rostlauben auf den Straßen Moskaus sieht, ahnt: Das ist erst der Anfang.


Mit mehr als 17 Millionen Quadratkilometer ist Russland der größte Staat der Erde. Doch aus einer automobilen Perspektive heraus ist das einstige Zarenreich noch immer ein Entwicklungsland. Das Straßenbild wird geprägt von einem Heer überalterter Modelle aus der Endzeit der kommunistischen Planwirtschaft und einigen wenigen überteuerten Luxuslimousinen. Der Markt hat noch unglaubliches Potential: Schließlich kommen zwischen St. Petersburg und Wladiwostok nach einer Recherche des Marktbeobachters Jato Dynamics auf tausend Russen lediglich 250 Autos. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Quote bei 501 Fahrzeugen.

Ein Blick auf die Marktanteile nach Marken zeigt: In Russland gibt es reichlich Potential für Importeure. Rund 46 Prozent des derzeitigen Pkw-Bestandes stammen von Lada, sechs Prozent von der mittlerweile aufgegebenen Marke Moskvich, sechs Prozent von GAZ und fast 30 Prozent von Importeuren aus dem Ausland.

Die Quote könnte künftig deutlich steigen. "Der russische Markt wies bereits im Jahr 2007 das größte Wachstum unter den wichtigen Automärkten der Welt auf", sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer und spricht bei den Pkw-Zulassungen von einem Zuwachs um 30 Prozent. Wurden im Jahr 2000 noch 945.000 Pkw verkauft, haben die Russen im letzten Jahr bereits 2,372 Millionen Autos bestellt. In der Weltrangliste bedeutete dies Platz sieben. Im Jahr 2010 werden in Russland mit 3,48 Millionen Neuwagen aller Vorraussicht nach mehr Pkw verkauft als in Deutschland, und bis 2015 wird es der eurasische Gigant mit 4,45 Millionen nach China und den USA auf den dritten Platz weltweit schaffen, prognostiziert Dudenhöffer. Sein Fazit: "Wer in diesem Business künftig eine Rolle spielen will, muss nach Russland."

"Die Hälfte aller Autos in Russland ist älter als zehn Jahre", sagt Andrey Dvoretskov, der das Jato-Büro in Moskau leitet. "Das Durchschnittsalter der Ladas liegt bei zwölf, das aller russischen Autos insgesamt bei 16 Jahren. Und selbst die meist als Gebrauchtwagen gekauften Importfahrzeuge haben knapp neun Jahre auf dem Buckel." Entsprechend schlecht seien sie ausgestattet. "Abgesehen von den Gurten gibt es quasi keine Sicherheitsausstattung", sagt der Marktforscher.

"Wenn es darum geht, sich überhaupt ein Auto leisten zu können, dann sind solche Dinge erst einmal nebensächlich", erklärt er diesen Umstand. "Doch wenn die Russen erst einmal zu genügend Geld kommen, wachsen auch ihre Ansprüche." Die können die heimischen Hersteller immer weniger erfüllen, so dass ihr Marktanteil zurück geht: Waren es 2005 noch mehr als 60 Prozent, kamen 2006 nur noch 44 Prozent der Neuwagen aus heimischer Produktion.

Modelle von Importmarken sind stark gefragt

Die Importeure dagegen konnten den Absatz im vergangenen Jahr laut Dudenhöffer um rund zwei Drittel auf etwa 1,6 Millionen Fahrzeuge steigern - wobei japanische und koreanische Hersteller den Löwenanteil ausmachen. Auch die US-Marken haben ihr Geschäft ausgeweitet, während die deutschen Hersteller noch eine untergeordnete Rolle spielen. Mit 190.000 Zulassungen den größten Marktanteil unter den Importeuren hat nach einer Statistik der Association of European Businesses die GM-Marke Chevrolet dank eines Joint Ventures mit Autovaz. Auf den Plätzen folgen Ford, Hyundai, Toyota, Nissan und Renault. VW als bestes deutsches Unternehmen kommt mit 32.000 Zulassungen lediglich auf Rang 14, Mercedes auf Position 20, Audi auf 21 und BMW auf 23.

Das meistverkaufte Auto eines ausländischen Herstellers war zuletzt der Ford Focus, den man in Russland ab 290.000 Rubel kaufen kann. Mit ihm auf dem Treppchen stehen der Dacia Logan, der in Russland als Renault angeboten wird und 263.500 Rubel kostet sowie der Chevrolet Lanos. Es folgen Hyundai Accent und Daewoo Nexia. Von den deutschen Modellen schafft es keines unter die Top-25.

Trotz der vertrauten Markennamen - gebaut werden drei der fünf meistverkauften Autos in Russland. "Ohne eigene Fabriken kann man dort nicht bestehen", sagt Marktforscher Dudenhöffer und nennt als Gründe die hohen Zölle und Einfuhrbeschränkungen. Allein im Jahr 2006 wurden in Russland knapp 1,5 Millionen Autos gebaut, und bis 2010, schätzt Magna-Chef Siegfried Wolf, würden die Produktionskapazitäten auf 2,3 Millionen Einheiten ausgebaut.

BMW baut bereits seit 1999 Limousinen in Russland

Eigene Fabriken haben daher inzwischen fast alle großen Spieler der Branche. Von Ford über Cadillac und Renault bis hin zu General Motors und Hyundai. Sogar chinesische und indische Firmen haben in Russland schon Montagebänder aufgestellt. Nur die Deutschen waren bislang eher zurückhaltend. Einzig BMW baut bereits seit Oktober 1999 Modelle der 5er- und der 3er-Reihe (seit 2002). VW hat in Kaluga kurz vor dem Jahreswechsel mit der Produktion des Passat und des Skoda Octavia begonnen, Mercedes ist gar nicht vertreten, und Porsche hat das angebliche Angebot des Moskauer Bürgermeisters für einen neuen Standort dankend abgelehnt.

Zwar stehen die Autos aus der deutschen Oberklasse bei den Besserverdienern vor allem in Moskau und Sankt Petersburg hoch im Kurs, doch haben die russischen Kunden dabei offensichtlich spezielle Ansprüche. Der Anteil von Dieselmotoren und Kombis ist deutlich geringer, der von großen V8-Benzinern, von Allradantrieb und Schlechtwegefahrwerk dafür umso größer. Schließlich ist in Russland nicht nur der Automobilmarkt unterentwickelt, sondern auch das Straßennetz.



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