Saab 9-5 Bio-Power Alkohol gegen die Abhängigkeit

Der schwedische Hersteller Saab bietet das Modell 9-5 demnächst in zwei "Bio-Power"-Versionen an. Die Motoren vertragen Bioethanol und Normalbenzin in nahezu jedem Mischungsverhältnis. So soll die CO2-Bilanz verbessert und die heimische Spritproduktion gefördert werden.


"Die Steinzeit wurde nicht beendet, weil es keine Steine mehr gab, sondern bessere Alternativen. Genauso verhält es sich mit dem Zeitalter der fossilen Brennstoffe." Kenth Johansson, Motorenentwickler bei Saab, spricht gerne in überraschenden Bildern. Er nennt sich selbst den "E85-Typen von Saab" und hält Bioethanol für eine sinnvolle Alternative zum Benzin, "weil es der einzige Kraftstoff ist, den wir wirklich kontrollieren". Johansson befindet sich damit auf einer Linie mit der schwedischen Regierung, die die Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen bis zum Jahr 2020 als Ziel ausgegeben hat.

Für den Autoverkehr bedeutet das: Statt Benzin verfeuern die Skandinavier zunehmend E85, ein Gemisch aus 15 Prozent Normalsprit und 85 Prozent Bioethanol. Bei letzterem Bestandteil handelt es sich um mehr als 99prozentigen Alkohol, der in Schweden vornehmlich aus Holzabfällen destilliert wird. Die Oktanzahl liegt bei 104, daher steigt bei Motoren, die für die Verbrennung von E85 ausgelegt sind, die Leistung deutlich an. Allerdings auch der Verbrauch und damit der CO2-Ausstoß. Jedoch fällt ein Großteil dieser Kohlendioxid-Emissionen nach Angaben der Bioethanol-Protagonisten nicht ins Gewicht, da er aus Pflanzen stammt, die ihn vorher während ihres Wachstums aus der Luft genommen haben.

Mehr Leistung, aber auch mehr Verbrauch mit E85

Die Sache ist also kompliziert, und vielleicht lässt sich das Für und Wider von Bioethanol an einem Beispiel verdeutlichen. Der neue Saab 9-5 Bio-Power tritt mit einem 2,3-Liter-Turbomotor an, der im Benzinbetrieb 185 PS leistet und 280 Nm freisetzt, bei der Betankung mit E85 jedoch 210 PS und 310 Nm mobilisiert. "Dies ist die Antwort auf den Kundenwunsch nach einem umweltfreundlichen Fahrzeug mit noch mehr Leistung", sagt Willi Fey, der Saab-Geschäftsführer in Deutschland. Allerdings steigen Verbrauch und damit der CO2-Ausstoß – die Werte liegen im Benzinbetrieb bei 8,9 Liter und 212 g/km um jeweils rund ein Drittel an.

"Tatsächlich aber", zitiert Motorenentwickler Johansson einschlägige Studien, "liegt die CO2-Einsparung bei der Betankung mit Bioethanol um 75 Prozent niedriger." Der Grund liegt in der schon erwähnten Kraftstoffproduktion aus pflanzlichen Rohstoffen. Dann macht Johansson folgende Rechnung auf: Ein Autobesitzer mit einer Jahresfahrleistung von 15.000 Kilometern verbraucht 1350 Liter Benzin. Würde er E85 tanken, wären es 1950 Liter Kraftstoff, davon aber nur 290 Liter Benin. "Das bedeutet eine Benzineinsparung von 1060 Liter pro Jahr."

Bioethanol erfordert nur minimale Umstellungen

Das Thema Bioethanol hat also durchaus Charme. Weil es den Benzinverbrauch und damit die Abhängigkeit von den Erdöl exportierenden Ländern zumindest ein bisschen verringern könnte. Weil nahezu jedes Auto mit wenigen Änderungen am Kraftstoffsystem, an den Ventilen und Ventilsitzen auf den E85-Konsum umgestellt werden kann. Weil der Preis der Technik überschaubar ist, Saab verlangt für die Bio-Power-Modelle 1000 Euro Aufpreis. Weil E85 und Benzin in jeder beliebigen Mischung getankt werden können. Weil Bioethanol in Deutschland bis 2015 von der Steuer befreit ist und der Liter derzeit zwischen 82 und 89 Cent kostet. Weil keine neue Infrastruktur nötig ist, eine Tankstelle lässt sich mit einer Investition von gut 10.000 Euro mit einer E85-Zapfsäule ausrüsten.

Die Tankstellen sind allerdings noch der große Schwachpunkt des neuen Sprits. In Schweden gibt es 550 E85-Stationen, in Deutschland sind es erst ein paar Handvoll. Allerdings hat die Firma Oil! zugesagt, ihre rund 200 Tankstellen nach und nach auf E85 umzurüsten. Neben den beiden Saab-9-5-Versionen bietet auch Ford ein sogenanntes Flexi-Fuel-Vehicle (FFV) an. Fragt sich nur, woher der Alkoholsprit kommen soll – Holzüberfluss wie in Schweden oder Zuckerrohr-Plantagen wie im Bioethanol-Land Brasilien sind hierzulande unbekannt.

Weizenschnaps für den Autotank

Dennoch steht die größte Bioethanol-Destillerie Europas in Deutschland, und zwar im sachsen-anhaltinischen Zeitz. Hier produzierte die Crop-Energies AG, an der Südzucker AG eine 70-Prozent-Mehrheit hält, im ersten Halbjahr 2006 mehr als 109.000 Kubikmeter Bioethanol. Insgesamt kann die Anlage 260.000 Kubikmeter Bioethanol pro Jahr destillieren. Dazu sind 700.000 Tonnen Weizen nötig, der zu mehr als drei Vierteln, wie die Verantwortlichen versichern, aus dem näheren Umkreis komme. Der Rest werde aus Tschechien importiert.

Die Situation wirkt derzeit noch ein wenig grotesk: Einer riesigen Bioethanol-Produktion stehen nur ein paar Autos, die E85 vertragen gegenüber. Und beide können kaum zusammenkommen, weil es so gut wie keine Tankstellen gibt. Doch das könnte sich bald ändern. Ein zumindest grobmaschiges Tankstellennetz ist in Aussicht, die Bioethanol-Autos gibt es auch schon, sie müssen nur gekauft werden. Und was die Bioethanol-Produktion angeht, so wird sie weitgehend von der Mineralölindustrie aufgekauft, die den Weizensaft ihrem Kraftstoff beimischt. Das Mischungsverhältnis soll EU-weit bis zum Jahr 2010 auf 5,75 Prozent Bioethanol im Benzin anwachsen. Diese Menge Alkohol vertragen auch bislang abstinente Motoren – und irgendwie müssen die Alternativen zur Erdöl-Steinzeit ja in Angriff genommen werden.

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Seite 1
DJ2002dede, 16.11.2006
1.
---Zitat von sysop--- Die Autohersteller setzen für morgen auf die Brennstoffzelle, die Autofahrer heute schon auf Erdgas. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken der Alternativen Antriebe? ---Zitatende--- Ich denke, Wasserstoff wird sich durchsetzen. Bis dahin ist aber der Mix wichtig und richtig.
Saboteur 16.11.2006
2.
Ich denke mittelfristig wird es mehrere Möglichkeiten geben. Erdgas funktioniert schon. Brennstoffzelle hat immernoch das Problem der Wasserstoffspeicherung aber es sind auch Typen möglich, die mit Methanol u.Ä. laufen (Nachteil hier: die Stoffe müssen sehr rein sein). Außerdem gibt es Forschungen dazu aus organischen Abfallstoffen eine Art Biodiesel effizient herzustellen; das könnte auch ein Weg werden (z.B. Umsetzung mittels Bakterien).
Lopez21 16.11.2006
3. Keine Alternative!
Tja so sehe ich es. Denn, obwohl ich nicht einmal mehr Auto fahre, ist das ein echt schwieriges Thema. Nur eines sollten wir wissen (ob wir wollen oder nicht). Unsere Mobilitaet macht unsere Umwelt kapput und krank. Und wir koennen gerne Brasilien als Beispiel nehmen, wo sie schon seit einer langen Zeit auf fosile Brennstoffe setzen. Aber um welchen Preis? Da kommen Monokulturen und wir sind ebenfalls auf dem besten Weg dazu. Die Natur dankt es uns frueher oder spaeter mit kleineren oder groesseren Katastrophen. Erdgas ist auch nicht unbeschraenkt vorhanden. Heute sind wir wohl schon soweit, dass wir Biogas erzeugen koennen. Aber wen interessiert das? Deutschland ist eh ein Vorbild: mit 200 ueber die Bahn zu brettern und 500 PS unter der Haube zu haben. Das ist geil! Ich frage nur, wann werden wir erwachsen?
dieterschg, 16.11.2006
4. Sparsamkeit
---Zitat von sysop--- Die Autohersteller setzen für morgen auf die Brennstoffzelle, die Autofahrer heute schon auf Erdgas. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken der Alternativen Antriebe? ---Zitatende--- So lange diese Techniken noch nicht ausgereift sind, sollte man auf sparsamen Verbrauch bei den Fahrzeugen achten. 400km/h braucht niemand, schon 200km/h auf überfüllten Autobahnen reicht dicke aus, wobei manche Wagen dabei sogar noch relativ sparsam sein können.
Tarja13, 16.11.2006
5. Ganz klar: Wasserstoff
---Zitat von sysop--- Die Autohersteller setzen für morgen auf die Brennstoffzelle, die Autofahrer heute schon auf Erdgas. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken der Alternativen Antriebe? ---Zitatende--- Wasserstoff bietet von allen derzeit denkbaren Treibstoffen eindeutig das größte Potential. Es verwundert schon ein bisschen, warum die Automobilindustrie die Forschung seit Jahrzehnten nicht entschlossener vorantreibt. Erdgas ist nunmal endlich, Sonne nicht immer verfügbar, Wind sowieso als Autoantrieb ungeeignet, Öl geht in absehbarer Zeit zur Neige. Wasserstoff hingegen wäre reichlich vorhanden, würde bei der Reaktion keine Schadstoffe erzeugen und trotzdem ausreichend Energie freisetzen.
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