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Projekte Charge Lounge und SLAM: Laden und laben

Foto: Fraunhofer-Gesellschaft

Mehr Ladestationen für Elektroautos Jetzt aber schnell

Die Elektromobilität kommt nicht so recht in Schwung, und das hat mehrere Ursachen - eine davon ist die mangelnde Ladeinfrastruktur. Mit zwei Großprojekten soll dieses Problem jetzt beseitigt werden.

Hamburg - Für Besitzer von Elektroautos beginnt eine Zitterpartie, sobald sie sich auf weite Strecken wagen. Neigt sich die Akkuladung ihrer Stromer gen Ende, muss eine Möglichkeit zum schnellen Aufladen bereit stehen. Diese sind in Deutschland dünn gesät, laut der Ladestationsplattform Lemnet  gibt es derzeit 2915 Stationen - mit ein Grund, warum bislang so wenig E-Mobile auf den Straßen sind.

Jetzt sollen die Lücken geschlossen werden: Sowohl das Fraunhofer Institut  als auch eine Allianz aus Politik, Wirtschaftsunternehmen und Autoherstellern stellen in der kommenden Woche auf der Hannover Messe  (7. bis 11. April) Projekte zum Ausbau der Ladeinfrastruktur vor. So sehen die Konzepte aus:

Das Fraunhofer Institut hat zusammen mit dem Verkehrsleitsystemhersteller Swarco sogenannte Charge Lounges entwickelt. Die ersten 30 dieser Schnellladestationen sind auf der Route Frankfurt-Stuttgart-München entlang der A8 und der Route München-Nürnberg-Frankfurt entlang der A9 geplant, mindestens 70 weitere sollen bis 2016 folgen.

  • Jede Schnellladestation bietet Platz für drei Elektroautos, sagt Florian Rothfuss, Direktor des Instituts für Mobilitätsgestaltung bei Fraunhofer. Weil das Wirrwarr an Ladesteckern bislang noch nicht entflochten ist, werden alle gängigen Verbindungen angeboten. Also der CCS-Stecker, der in die Modelle deutscher Hersteller passt, das Chademo-System für japanische Fahrzeuge sowie der Typ-2-Stecker ("Mennekes"), der nach dem Plan der EU künftig als Standard verwendet werden soll. So dauert das Aufladen zwischen 20 und 30 Minuten - vorausgesetzt, die Fahrzeuge sind mit einem entsprechenden System ausgerüstet.

  • Während der Wartezeit sollen die Kunden es sich bequem machen können: Wie der Name schon sagt, gehört zur Ladestation ein Loungebereich mit Kaffeemaschine und W-Lan, zusätzlich kann ein Konferenzraum gemietet werden. Rothfuss schwärmt vom "Laden als Erlebnis". Eine Ladesäule mit integrierter Raststätte klingt komfortabel - aber ob sich wirklich Geschäftsleute zum Meeting treffen, bleibt abzuwarten.

  • Inklusive Heißgetränk und Internet werden für einmal Vollladen pauschal 10 Euro fällig. Bezahlt wird mit Kredit- oder EC-Karte. Und für einen monatlichen Flatrate-Preis von 80 Euro können die Saftspender jederzeit genutzt werden.

  • Bis 2020 peilen die Projektpartner tausend Charge Lounges in Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Die Gesamtkosten einer Charge Lounge  belaufen sich laut Rothfuss auf eine Höhe von bis zu 250.000 Euro. Zum Vergleich: Eine einfache Schnellladestation kostet rund 50.000 Euro. Dafür, so Rothfuss, biete das Containerprinzip der Fraunhofer-Station mehrere Vorteile: "Für den Aufbau ist kein Fundament nötig und sie können mit einer niedrigen Leistung ans Netz angeschlossen werden." In einem Batteriepuffer wird die Energie zwischengespeichert, damit bei Bedarf genug Strom für eine schnelle Akkufüllung da ist, erklärt er. Beim Prototyp beläuft sich die Kapazität auf 50 Kilowattstunden, die Batterie kostet rund 25.000 Euro.

  • Das Fraunhofer-Institut zweifelt nicht daran, dass batteriebetriebene Autos sich trotz der bisher schleppenden Entwicklung noch durchsetzen werden - und hat diese Zuversicht kürzlich mit einer Studie untermauert. Damit die positiven Prognosen für die Elektromobilität tatsächlich wahr werden, sieht Rothfuss den Ausbau von öffentlichen Schnellladestationen jedoch als "zwingende Voraussetzung".

Zu einer flächendeckenden Infrastruktur soll auch das zweite auf der Hannover Messe vorgestellte große Projekt beitragen. Im Rahmen von SLAM - Schnellladenetz für Achsen und Metropolen sind bis zum Jahr 2017 rund 400 Schnellladesäulen in Deutschland geplant. Hinter dem Programm stehen unter anderem die Autohersteller BMW, Daimler, Porsche und VW und der Energieversorger EnBW.

  • Bis September dieses Jahres werden die ersten 20 Säulen eröffnet, sagt eine Projekt-Sprecherin. Die Standorte sind noch nicht festgelegt. Die Säulen sind jeweils mit einem Typ-2- sowie einem CCS-Stecker ausgestattet. Angesichts der Tatsache, dass sich ausschließlich deutsche Autohersteller beteiligen, ist das Fehlen der japanischen Chademo-Variante keine Überraschung - sie kann nach Angaben der Sprecherin aber nachgerüstet werden.

  • Bezahlt wird mit einer Karte, per App oder SMS über ein einheitliches Verrechnungssystem. Die Tarife stehen noch nicht fest.

  • An SLAM ist auch das Bundeswirtschaftsministerium beteiligt. Wie es aus Kreisen des Ministeriums heißt, soll im Rahmen des Programms erforscht werden, an welchen Standorten für Schnellladesäulen vordringlicher Bedarf herrscht. Sowohl an den SLAM- als auch an den Fraunhofer-Säulen soll nach den Plänen der Betreiber überwiegend Ökostrom gezapft werden können.

Experten der Autoindustrie und der Elektromobilität bewerten den Ausbau des Schnellladenetzes zwar positiv, fordern gleichzeitig jedoch noch weitere Schritte. Für Kurt Sigl, Präsident des Bundesverband eMobilität , kommen die geplanten Maßnahmen sehr spät: "Die Schnellladesäulen sollten schon seit drei Jahren stehen, erst durch Elon Musk ist jetzt Schwung in die Sache gekommen."

"Deutsche Antwort auf die Erfolgsgeschichte von Tesla"

Musk ist Chef des US-Elektroautoherstellers Tesla und hat unlängst damit begonnen, sogenannte Supercharger in Deutschland aufzubauen. Diese Ladestationen stehen exklusiv für die Tesla-Kundschaft bereit, die den Akku ihres E-Mobils Model S dort kostenlos auffüllen darf. Das Fraunhofer-Institut bezeichnet die Charge Lounge explizit als "deutsche Antwort auf die Erfolgsgeschichte von Tesla" - mit dem Unterschied, dass kein E-Autofahrer ausgegrenzt wird.

Sigl kritisiert zudem die verwirrende Bürokratie bei der Errichtung von Ladepunkten. "Soll eine Station auf einem Stück Wiese entstehen, ist das Grünflächenamt zuständig, wird eine daneben auf Asphalt gebaut, muss man zum Tiefbauamt. Durch dieses Behörden-Wirrwarr verzögern sich die Genehmigungen oft um mehrere Monate." Seiner Ansicht nach ist es bezeichnend, dass es noch immer kein bundesweit einheitliches Piktogramm oder Hinweisschild für E-Ladestationen gibt.

"Der Ausbau der Infrastruktur ist wichtig", glaubt auch Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Der Autoexperte befürchtet allerdings, dass an den Ladesäulen wenig Betrieb herrschen könnte. "So lange Preis und Reichweite von Elektroautos nicht vergleichbar mit Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor sind, funktioniert das Konzept nicht."