Schottenring Mit flotten Reifen durch die hessischen Highlands

Wer schöne Kurven sucht und nach steilen Steigungen giert, muss dafür nicht in die Alpen fahren. Auch in den deutschen Mittelgebirgen bieten sich Auto- und vor allem Motorradfahrern Strecken, die den Weg zum Ziel machen. Eine der spannendsten ist der Schottenring im Vogelsberg.


Zugegeben, die Mutter aller Rennstrecken ist die Nordschleife des Nürburgrings. Doch wer das Risiko scheut und sich die saftige Eintrittsgebühr in die "Grüne Hölle" sparen möchte, muss deshalb nicht auf sportliche Spritztouren auf historischem Pflaster verzichten. Der Schottenring im Vogelsberg etwa ist eine echte Alternative. Zwar gilt dort die Straßenverkehrsordnung, und ganz so spektakulär wie der Eifelkurs ist die Strecke durch das Vulkangebirge im Dreieck zwischen Frankfurt, Marburg und Fulda nicht. Doch dafür kann man es auf dem Rundkurs auch gemütlich angehen lassen. Und im Gegensatz zum Nürburgring darf man hier jederzeit anhalten, aussteigen und die Landschaft genießen.

Der Schottenring ist neben dem Nürburgring, dem Schleizer Dreieck, der Stuttgarter Solitude und der Berliner Avus eine der ältesten Rennstrecken Deutschlands. Nachdem am 22. Juli 1925 in Schotten der "Vogelsberger Automobil- und Motorradclub" gegründet worden war, krachte bereits im September der Startschuss für das erste Rennen auf den 16,08 Kilometern "Rund um Schotten", wie der Motorsportclub in seiner Internet-Chronik berichtet. Allerdings wurde kein eigener Kurs gebaut, die Boliden rasten über öffentliche Landstraßen.

Rennsportlegenden in "hessisch Sibirien"

Bis 1937 fanden im Vogelsberg ausschließlich Motorradrennen statt, erst 1938 wurden dort auch Sportwagen auf die Strecke geschickt. Zum ersten Rennen nach dem Krieg kamen 1947 rund 90.000 Zuschauer. Und in den Jahren darauf gab sich die Sportfahrerelite in "hessisch Sibirien" ein Stelldichein: Karl Kling, Huschke von Hanstein, Petermax Müller auf vier und Werner Haas, Carlo Bandirola oder Geoffrey Duke auf zwei Rädern kämpften um den "Goldenen Schottenring", den sich der Tagesbeste an den Finger stecken durfte. Ein Höhepunkt in der Geschichte der Rennstrecke ist der "Große Preis von Deutschland", der 1953 ausgetragen wurde.

Als allerdings 1955 bei einem Unfall in Le Mans 83 Menschen getötet wurden, war auch am Schottenring Schluss. Erst 1968 fanden auf den Landstraßen im Vogelsberg wieder Motorradzuverlässigkeitsfahrten und Rallyes statt. Außerdem wurden in diesen Jahren auf einem Teilstück Bergrennen  gefahren, die Tausende Zuschauer ins Frankfurter Hinterland lockten. Danach folgte von 1983 bis 1989 noch einmal eine Rennpause, ehe die Idee zum heutigen Schottenring-Grand-Prix geboren und in die Tat umgesetzt wurde. Allerdings beschränken sich die schnellsten Zwei- und Dreiräder seit Kaisers Zeiten - das nächste Mal beim nächsten Classic Grand Prix am 19. und 20. August - auf einen 1,4 Kilometer langen Stadtkurs.

Kesse Kurven rund um den Hoherods-Kopf

So schwingt also die Erinnerung mit, wenn man sich auf den Weg durch den Vogelsberg macht und bei einem gemütlichen Sonntagsausflug mit detektivischem Spürsinn nach den letzten Relikten der Rennstrecke sucht. Schon die Anfahrt auf der B 276 über Lich und Laubach beweist, dass die schönste Verbindung zwischen zwei Orten nicht die Gerade ist. Stattdessen geht es in sanften Schwüngen durch liebliche Wiesentäler und verschlafene Dörfer dem Vogelsberg entgegen, aus dem in der Mitte der Hoherods-Kopf seinen 763 Meter hohen Gipfel ins Panorama reckt.

Je näher man dem eigentlichen Ausgangspunkt Schotten kommt, desto enger werden die Kurven, desto steiler werden die Anstiege und desto häufiger werden vor allem die Motorradfahrer vor den Risiken ihres Tuns gewarnt. Mahnend zählen die Schilder am Straßenrand die Opfer, die der Übermut auf dieser Strecke schon gefordert hat. Und trotzdem sitzen im Sommer die Biker an der Böschung und beobachten in der "Applauskurve", wie nah die anderen ihre Maschine an die Ideallinie bringen, wie tief sie ihr Gefährt auf die Straße drücken und wie weit die Funken stieben, wenn die Fußrasten über den Asphalt schleifen.

Rennstrecke war mal, heute herrscht hier Gegenverkehr

Doch anders als auf der Nordschleife werden vernünftige Fahrer dieses Spiel auf dem Schottenring nur sehr vorsichtig angehen – schließlich ist die Route eine öffentliche Straße, auf der mit Gegenverkehr zu rechnen ist. So empfiehlt sich vor der eigentlichen Runde eine Kaffeepause in der kleinen Altstadt von Schotten - wo sich übrigens auch der schmucklose Containerturm der heutigen Rennleitung befindet.

Dann geht es los. Zunächst führt die Straße hinauf nach Rüdingshain, dann in Serpentinen weiter dem Hoherods-Kopf entgegen. Wer auf halber Strecke rechts abbiegt, kommt direkt auf den Gipfel des Vulkankegels und kann im Sommer die Aussicht, einen Imbiss und eine Bobbahn sowie im Winter eine kurze Skiabfahrt genießen. Wer auf der Originalstrecke bleiben möchte, biegt an der Kreuzung allerdings links ab und fährt über die Große und die Kleine Schleife zurück nach Schotten. Dort schließt sich zwar der Ring schon wieder, doch die Reise muss deshalb noch nicht zu Ende sein. Denn egal, in welcher Richtung es weitergehen soll – auf dem Atlas tragen fast alle Straßen die grüne Markierung für eine touristisch ansehnliche Streckenführung. Die Autobahn wäre keine gute Alternative. Schließlich kennt die A5 zwischen Reiskirchener und Hattenbacher Dreieck jeder – aus den Staumeldungen im Radio.

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