Schwarzhandel mit Gebrauchtwagen Käufer fürchten verseuchte Fukushima-Autos

Eine strahlende Karosse? In Japan hat dieser Begriff eine bittere Doppel-Bedeutung: Autokäufer fürchten, einen bei der Fukushima-Katastrophe radioaktiv verseuchten Gebrauchtwagen untergeschoben zu bekommen. Neue Meldungen nähren diese Angst.

Untersuchung eines Autos in Fukushima: Große Flotte unverkäuflicher Wagen
AP/Yomiuri Shimbun

Untersuchung eines Autos in Fukushima: Große Flotte unverkäuflicher Wagen

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Bislang sind es nur vereinzelte Fälle. Doch viele Japaner sehen sie als Bestätigung: Die im havarierten Reaktor von Fukushima ausgetretene Radioaktivität könnte sich viel stärker verbreiten, als die Atomaufsichtsbehörden zugeben wollen. Transportiert werden die todbringenden Partikel nicht allein durch die Luftstömungen in der Atmosphäre, sondern auch durch die Autos.

Erst im August wurden die Bürger aufgeschreckt, weil eine Tankstelle in der Präfektur Niigata, knapp 200 Kilometer entfernt vom havarierten Atomreaktor Fukushima, nach einer Autowäsche plötzlich rund 15 Kilogramm radioaktiv verseuchten Schlamm im Schmutzwasser hatte. Insgesamt stellten die Kontrolleure 1,35 Millionen Becquerel an Radioaktivität fest.

Der Gouverneur der Präfektur, Hirohiko Izumida, forderte daraufhin strengere Grenzwerte für die Autos aus der Katastrophenregion. "Die Standards sind ungenügend", kritisierte er in der "Sankei Shimbun", einer der größten überregionalen Tageszeitungen Japans. Wenn man die Autos so im Lande herumfahren lasse, wachse die Gefahr, dass sich die Kontamination ausbreite.

Die Verschärfung der Grenzwerte allein dürfte jedoch kaum helfen. Denn längst dürften viele der kontaminierten Autos aus Fukushima als Gebrauchtwagen in andere Gegenden Japans verkauft sein. "Die Autos werden über Auktionen verkauft, die keinen Restriktionen unterliegen", erklärte ein Kenner der Szene der Tageszeitung "Asahi Shimbun". Früher sei ein Großteil der Second-Hand-Wagen in den Export gegangen. Dieser Markt sei aber seit der Reaktorkatastrophe praktisch zusammengebrochen.

Im April hatte der russische Zoll hat im Hafen von Wladiwostok 49 Gebrauchtwagen aus Japan wegen überhöhter radioaktiver Strahlung beschlagnahmt. Die Strahlung der Fahrzeuge sei sechsmal so hoch wie normal, erklärte der Leiter der zuständigen Abteilung der regionalen Zollbehörde.

Hohe Dunkelziffer

Wie viele Autos bereits ihren Weg in andere Ecken des Landes gefunden haben, lässt sich kaum schätzen. Bislang ist lediglich ein Fall öffentlich bekannt geworden, in dem ein Händler den Verkauf eines verstrahlen Vans eingeräumt hat. Einem Reporter der "Asahi Shimbun" erklärte der Mann, er habe den Wagen ursprünglich für den Export gekauft. Dann sei aber festgestellt worden, dass die Insassen einer Strahlung von 110 Mikrosievert pro Stunde ausgesetzt seien - erlaubt sind in Japan allenfalls fünf Mikrosievert pro Stunde. Weil das Auto aber selbst nach einer gründlichen Reinigung immer noch mit 30 Mikrosievert strahlte, habe er den Wagen schließlich an einen Auktionator weitergereicht.

Eine seriöse Dekontaminierung lohnt sich kaum. Zwar ließen sich die radioaktiven Teilchen von der Karosserie recht einfach abwaschen, sagt Atomexperte Masahiro Fukushi der "Asahi Shimbun". Die Reinigung des Innenraums sei dagegen praktisch nicht möglich, weil sich das Cäsium in Ritzen und Polstern ablagere, wo es kaum zu entfernen sei.

Offiziell dürften radioaktiv verseuchte Autos gar nicht verkauft werden. Die Behörden von Fukushima wachen nach eigenen Angaben streng über den Handel. Zudem sorgen Autos mit Kennzeichen aus dieser Gegend anderswo gründliches Misstrauen.

Doch die Kontrollen sind offensichtlich recht einfach zu unterlaufen; indem man die Herkunft des Wagens verschleiert, etwa durch die Neu-Registrierung in einer anderen Präfektur. Damit wird quasi die komplette Historie des Wagens gelöscht.

Dass das nur in Einzelfällen geschieht, scheint unwahrscheinlich - schon allein wenn man in Rechnung stellt, dass in der Region um den havarierten Reaktor geschätzte 1,25 Millionen Autos betroffen sind. Ein Teil davon ist zwar in den Fluten der Tsunami-Welle untergegangen, doch es dürften mehrere hunderttausend Autos bleiben, die jetzt im Prinzip unverkäuflich sind. Für skrupellose Geschäftemacher eröffnet sich damit ein lukratives Geschäftsfeld.

Käufer haben jedenfalls kaum eine Chance herauszufinden, ob ihr Wagen aus der Katastrophenregion stammt. Die Reporter der "Asahi Shimbun" versuchten, den Weg des von ihrem Informanten verkauften Wagens nachzuverfolgen, um zu sehen, wo er schließlich gelandet war. Als sie nach mehreren Anläufen schließlich das Auktionshaus ausfindig gemacht hatten, das den Wagen losgeschlagen hatte, war die Suche zu Ende - der Verkäufer verweigerte mit Hinweis auf die Regeln seines Gewerbes jede Auskunft.

Mitarbeit: Heike Sonnberger



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EchoRomeo 27.10.2011
1. Hier soll wohl wieder "Schweinegrippe" erzeugt werden!
Entweder ist ein Auto kontaminiert, was sich mit einem handelsüblichen Meßgerät feststellen lässt, oder es ist nicht kontaminiert. Für Fall A gibt es Grenzwerte, für Fall B ist es doch wohl piepegal wo die Karre irgendwann geparkt hat. Und wer vollständig auf den Paranoia-Zug aufspringen will: einfach einen Dosismesstreifen - trägt heute jede Röntgenhelferin - und die Dosisleistung überprüfen.
hoffnungsvoll 27.10.2011
2. sozialisierte Gefahren
Zitat von sysopEine strahlende Karosse? In Japan*hat dieser Begriff eine bittere Doppel-Bedeutung: Autokäufer*fürchten, einen bei der Fukushima-Katastrophe radioaktiv verseuchten Gebrauchtwagen*untergeschoben zu bekommen. Neue Meldungen*nähren diese Angst. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,794201,00.html
Alphastrahler in der Lüftung und in Fahrzeugpolstern sind ein Heidenspaß. Komiker von der Atomlobby erzählen uns in seitenlangen Strängen doch immer wieder, die Grenzwerte sind noch viel zu tief, niemand wird krank durch Radioaktivität und es ist einzig die absurde deutsche Angst, die das Thema am Leben hält. Aber scheinbar werden die Japaner wach und wissen um die Gefahren. Das sind die vielen versteckten Risiken und Kosten, die in den bisher prognostizierter 250 Milliarden Kosten noch gar nicht enthalten sind.
carranza 27.10.2011
3. Die Atomkatastrophe zwingt zu ungewöhnlichen Maßnahmen
Zitat von sysopEine strahlende Karosse? In Japan*hat dieser Begriff eine bittere Doppel-Bedeutung: Autokäufer*fürchten, einen bei der Fukushima-Katastrophe radioaktiv verseuchten Gebrauchtwagen*untergeschoben zu bekommen. Neue Meldungen*nähren diese Angst. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,794201,00.html
Durch die Atomkatastrophe benötigt man beim Autokauf in Japan nun einen Geigerzähler. Der Einsatz von Geigerzählern dürfte sich in Japan aber wahrscheinlich nicht nur beim Kaufen von Autos als essenziell wichtige lebensverlängernde Maßnahme erweisen, denn Kriminelle verkaufen nicht nur Autos. Sind eventuell Japans oberste Politiker zu korrupt, indem sie Tepco vor dem Zahlen von Schadensersatz bewahren, oder ist Tepco schon dermaßen pleite, dass die Schäden bereits dem japanische Steuerzahler zur Last fallen?
Korken 27.10.2011
4. .
Ich hoffe, andere sture Länder lernen daraus. So eine "Situation" ist nicht beherrschbar. Und das alles kommt nur von dem Bruchteil der Radioaktivität, die wirklich an Land niederging. Wäre der Wind nur ein bisschen anders gestanden als es passierte...
dijle 27.10.2011
5. was soll die Panikmache
das mag in Japan ein Probleem sein, hier nicht! Oder glauben sie das der Gebruchtwagenmarkt jetzt mit strahlenden Rechtslenkenrn ueberschwemmt wird. Ich moechte gern wissen wie die Probleme in der Region angegangen werden, auch eine Kolumne von einem vor Ort (und wenn dann da steht Selbstversuch Gebrauchtwagenkauf) auch OK. Aber diese Geschichte macht den Eindruck als ob das auch uns betraefe. Und das tut es nicht. Bitte erwaehnen sie, dass die aus japan eingefuehrten Gebrauchten sich an einer Hand abzaehlen lassen!
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