Seat-Pläne Adios, Dauerkrise

Bei Seat, seit Jahren ein Verlustbringer im VW-Konzern, keimt Hoffnung. Die gebeutelte spanische Marke soll mithilfe neuer SUV-Modelle aus der Dauerkrise fahren. Als Symbol dafür steht eine Metallscheibe voller Hightech.

Seat

Knapp 4,70 Meter lang, 265 PS stark und, mal angenommen dieses Auto würde als normaler Neuwagen verkauft, mindestens 40.000 Euro teuer. Das ist die Seat-Studie 20V20 und wirkt bei der spanischen VW-Konzernmarke ähnlich deplatziert wie Jahrgangs-Champagner im Supermarkt.

Denn falls Seat bislang für überhaupt etwas stand, dann für schlichte Kleinwagen wie den Ibiza. Zudem steckt das Unternehmen seit Jahren in den roten Zahlen, und obwohl im vergangenen Jahr ein Rekordumsatz erzielt wurde, blieb es unterm Strich bei 66 Millionen Euro Verlust. Was soll also jetzt ein Showcar im Format eines SUV der gehobenen Mittelklasse?

"Was nicht ist, kann ja noch werden", sagt Seat-Chef Jürgen Stackmann. Das kryptisch Kürzel 20V20 steht für "Vision Veinte Veinte", also Vision 2020. "In die Richtung dieses Autos wollen wir unsere Marke, unsere Modellpalette und auch unser Händlernetz in den nächsten fünf Jahren entwickeln", erklärt Stackmann.

Es geht aufwärts

Dass der 54-jährige, aus Buxtehude stammende, Manager, dabei ehrlich optimistisch wirkt, hat einen guten Grund. Seit er vor knapp zwei Jahren auf dem Chefsessel in Martorell bei Barcelona Platz nahm, geht es voran mit Seat. Allein im vergangenen Jahr wurde das Defizit mehr als halbiert, im Stammwerk wurden 442.677 Autos gebaut, so viele wie seit zwölf Jahren nicht mehr, und der Absatz stieg um zehn Prozent auf 390.500 Einheiten. Das bedeutete das beste Ergebnis seit 2007.

Stackmann sagt, dieser Aufwärtstrend habe gravierenden Einfluss auf die Stimmung. "Ich habe heute keine Probleme mehr, gutes Personal nach Martorell zu locken", sagt er. Unlängst etwa wurde Fords Top-Designer Stefan Lamm abgeworben, um bei Seat die Leitung des Exterieur-Designs zu übernehmen.

Dass Seat offenbar die Kurve gekriegt hat, liegt vor allem an den europäischen Märkten. Im Mutterland Spanien legte die Marke 2014 um zehn Prozent zu, in Italien um 28 Prozent, in Tschechien um 61 Prozent und in Portugal sogar um knapp 80 Prozent. Auch in Deutschland lief es erfreulich: Zwölf Prozent plus.

Die Hoffnung liegt im SUV

"Den Turnaround und die nachhaltige Stabilität der Marke schaffen wir in Europa", sagt Stackmann. "Wir brauchen keine neuen Märkte, sondern öffnen die bestehenden erst einmal für uns." Das klingt optimistisch und geerdet, tatsächlich aber hat Seat gar keine andere Wahl. Denn in China, wo die Marke seit 2012 präsent ist, interessiert sich kein Mensch für die VW-Tochtermarke. Pläne, das zu ändern, gibt es nicht.

Experten wie der Automobilwirtschaftler Stefan Bratzel teilen dennoch die Zuversicht des Seat-Chefs. "Die Aussichten für die Marke haben sich in letzter Zeit deutlich verbessert", sagt der Professor von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Das diene der Zukunftssicherung in doppelter Hinsicht. "Je besser und schneller es gelingt, Seat als begehrenswerte Marke zu positionieren, desto leiser werden die VW-internen Rufe nach einer Übernahme von Alfa Romeo werden", sagt Bratzel.

Doch am Ende zählt vor allem der Gewinn, und den muss vor allem der Kompaktwagen Leon bringen: Mit 154.000 Einheiten und einem Produktionsanteil von 39 Prozent hat der spanische VW-Golf-Ableger den Kleinwagen Ibiza als meistverkauften Seat-Typ abgelöst und leistet so einen Beitrag zum Aufstieg der Marke. Denn je größer und teurer die Autos werden, desto höher ist die Rendite. Der nächste Margenbringer soll zum Jahreswechsel debütieren: erstmals bringt Seat dann ein SUV-Modell an den Start. Dem könnte ein Jahr später zudem ein weiteres, kleineres SUV-Modell als Konkurrent für den Peugeot 2008 oder Renault Captur folgen.

Metallisches Herzstück

Bei allen kommenden Seat-Modellen, eine mögliche Serienversion des 20V20 inklusive, wird die Herkunft aus dem VW-Konzern deutlich erkennbar sein. Das ist sogar die Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt realisiert werden können. Denn natürlich muss auch Seat den modularen Querbaukasten (MQB) des Konzerns nutzen, was erhebliche Kosten spart und die Abläufe verkürzt.

Dass sich das künftige Seat-Flaggschiff dennoch von Audi Q5 oder vom kommenden VW Tiguan XL unterscheidet, wird vor allem die Aufgabe von Designchef Alejandro Mesonero sein. Neben einem rassigen Exterieur plant er auch ein möglichst eigenständiges Interieur. Dessen Kernelement gibt es bereits: "The Core", eine handtellergroße Metallscheibe mit digitalem Innenleben. Sie ersetzt den Zündschlüssel und speichert sämtliche Daten des Benutzers bis hin zu den Facebook-Freuden. So sperrt sie nicht nur das Auto auf und startet den Motor, sondern "öffnet zugleich die Tür ins digitale Leben des Fahrers", schwärmt Mesonero.

Wie ernst es der Designchef mit diesem Detail meint, konnte man vor ein paar Tagen als Fußnote in den Wirtschaftsnachrichten lesen. Denn während die Großen der Branche mit Apple oder Google verhandeln, hat Seat beim Mobile World Congress in Barcelona Nägel mit Köpfen gemacht und eine Kooperation mit Samsung verkündet. Das dürfte die Stimmung erneut aufgehellt haben. Was jetzt noch fehlt, sind eigentlich nur noch schwarze Zahlen.



insgesamt 70 Beiträge
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frenchdiabolo 07.04.2015
1. Verdrängung
Wenn Seat das wirklich so nachhaltig umsetzen kann, wird es für die Kernmarke VW noch schwieriger, gute Erlöse zu generieren. Skoda hat ja auch schon an VW "geknabbert"...
tim.berg78 07.04.2015
2. Cooles Auto
Den SUV würde ich wahrscheinlich sogar kaufen. Kompliment!
boingdil 07.04.2015
3. Hofberichterstattung
Nein, nicht von Seat. Sondern der Fachhochschule Bergisch Gladbach. Eigentlich könnte SPON das Gehalt von Tom Grünweg einsparen und die FH gleich selbst schreiben lassen, da ein Gutteil seiner Beiträge aus unreflektierten Äußerungen des Personals dieser FH sind. Was sowohl deren Relevanz gewaltig überhöht als auch armseliger Journalismus ist. Aber mehr "Experten" als Bratzel und Dudenhöffer heranzuziehen wäre ja Arbeit.
Tostan 07.04.2015
4.
---Zitat--- Denn natürlich muss auch Seat den modularen Querbaukasten (MQB) des Konzerns nutzen, was erhebliche Kosten spart und die Abläufe verkürzt. ---Zitatende--- Könnte mir mal ein Experte erklären, warum Seat den nutzen muss und Kosten spart, während Skoda den nicht oder nur sehr sparsam nutzt um kosten sparen zu können? Und dazu noch recht erfolgreich damit ist?
karsten.petrick 07.04.2015
5. Liebe Leute bei VW/SEAT!
Lasst diesen Spielkram „The Core“ sein! Das braucht kein Mensch. Es reicht mir, wenn mein Smartphone, google und die NSA mich und meine persönlichen Vorlieben kennen. Baut emotionale aber reparaturfreundliche Autos mit haltbaren Steuerketten, mit funktionierendem DSG und „echter“ Handbremse. Design ist gut und wichtig. Aber an erster Stelle kommt Betriebssicherheit und Funktion unter allen Umständen. Dann können wir über die Verpackung reden. Ach ja! 7 Jahre Garantie wären auch mal ein schöner Vertrauensbeweis in die Qualität eurer eigenen Produkte. Und preiswert seit ihr auch schon seit vielen Jahren nicht mehr.
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