Forschungsprojekt See-through-System Durchschaut!

Ich sehe was, das du nicht siehst. Wenn es nach Professor Michel Ferreira von der Universität Porto geht, gilt das künftig für Autofahrer, die durch Vorausfahrende hindurchblicken können - mit Hilfe der "Augmented Reality".

Universität Porto

Die Landstraße ist unübersichtlich und der Laster langsam. Immer wieder versucht Pedro Gomes mit seinem Kleinwagen an dem 40-Tonner vorbeizuziehen - nur um dann doch vom Gegenverkehr überrascht zu werden und schnell wieder einzuscheren. Weil nicht alle Autofahrer so zögerlich sind und es in solchen Situationen oft zu folgenschwere Unfälle kommt, hat Michel Ferreira, Professor für Computer- und Informationstechnik an der Universität im portugiesischen Porto, die Vision vom gläsernen Auto in die Realität überführt. Mit einer neu entwickelten Technik könnten Fahrer wie Gomes einfach durch den Lastwagen hindurchsehen.

See-through-System nennt Ferreira die Technologie, die sich in Portugal gerade in ersten Prototypen bewährt. Um die zu entwickeln, nutzt der Ingenieur vom Instituto de Telecomunicações die sogenannte Augmented Reality, eine Art künstlich angereicherter Realität.

"Die Wirklichkeit ist das, was der Fahrer selbst sieht", sagt Ferreira. "Und angereichert wird sie mit dem, was der Vorausfahrende im Blickfeld hat." Dafür kommt eine Kamera an der Frontscheibe des vorausfahrenden Fahrzeugs - in diesem Fall eben der Lastwagen - zum Einsatz, dazu ein spontan installiertes Funknetz und eine Projektion im direkten Blickfeld des Hintermanns. "So sieht man quasi mit den Augen der anderen", sagt der Wissenschaftler.

Genau genommen sieht der Hinterherfahrende ein Kamerabild aus dem vorausfahrenden Fahrzeug. Dass sich Autofahrer auf derartige Projektionen verlassen, sei nicht neu, argumentiert Ferreira und verweist auf gängige Rückfahrkameras oder die kleinen Videolinsen, die bei vielen Designstudien die Rückspiegel ersetzen. Der Unterschied: Diese Kameras und die dazugehörigen Monitore gehören bislang stets zum selben Fahrzeug und sind per Kabel verbunden. Ferreira: "Wir hingegen nutzen die Kamera des Vordermanns und eine Funkbrücke."

Durchblick durch den Vorausfahrenden

Um unerwünschte Irritationen zu vermeiden, läuft das System die meiste Zeit passiv im Hintergrund. Es macht sich erst dann bemerkbar, wenn man den Blinker setzt und die Fahrzeugsensoren in Abstimmung mit den Navigationsdaten einen bevorstehenden Überholvorgang erkennen. Ist das vorausfahrende Auto mit der entsprechenden Technik bestückt, öffnet sich auf dem sogenannten Virtual Windshield, der virtuellen Frontscheibe, die Projektion. Es ist ein bisschen so, als würde der vor einem Fahrende gläsern. Und es wird erkennbar, ob Gegenverkehr naht oder ob die Straße einen Knick macht.

Was die Idee des portugiesischen Forscherteams so reizvoll macht, ist die offenbar einfache Umsetzung. Denn der Datenaustausch zwischen Fahrzeugen über ad hoc installierte Netzwerke wird unter dem Stichwort Car-to-Car-Kommunikation seit Jahren erforscht und ist längst auf dem Weg in die Serienentwicklung. "Und die für unser System nötige Kamera haben heute schon viele tausend Fahrzeuge an Bord", sagt Ferreira.

Solche Kameras erkennen bislang Verkehrszeichen und sind Bestandteil von aktiven Spurhalteassistenten oder bei Fußgängerschutzsystemen - allerdings fast ausschließlich in Pkw. "Doch die Entwicklung spielt uns in jeder Hinsicht in die Hände", sagt Ferreira. Auch die Nutzfahrzeugbranche entdecke diese Technik allmählich und die Schnelligkeit der Systeme nehme ebenfalls zu. "Die Zahl der Frames per Second, also die Aufnahmegeschwindigkeit, steigt."

Was noch fehlt, ist eine vernünftige Projektionstechnik. "Wahrscheinlich wäre die Ablenkung zu groß, wenn das Kamerabild des Vorausfahrenden auf einen Monitor in der Mittelkonsole eingespielt würde", sagt Ferreira. Besser wären nach seiner Ansicht Head-up-Displays. Doch deren Auflösung ist noch zu gering und deren Position zu unflexibel. In den Prototypen experimentieren die Forscher deshalb mit einer transparenten LCD-Folie. Der Vorteil: Das Bild ist gestochen scharf und wird genauso projiziert, dass es die Wirklichkeit passgenau überlagert.

Was noch fehlt, ist die passende Projektionstechnik

Alternativ dazu sind auch spezielle Brillen wie die Google Glasses im Blick, in deren Bild man dem Fahrer die Videoübertragung einspielen könnte. "Dieser Baustein ist die größte Hürde", räumt Ferreira ein. Aber er ist optimistisch. "Alle Entwicklungen zeigen, dass wir in sehr naher Zukunft auf eine passende Projektionstechnik bauen können."

Ganz neu ist die Idee mit dem durchsichtigen Auto übrigens nicht. Denn die dritte, hoch gesetzte Bremsleuchte arbeitet bereits nach diesem Prinzip. Ferreira: "Auch das zusätzliche Bremslicht wurde nur deshalb eingeführt, weil man es durch Front- und Heckscheibe des Vordermanns sehen kann und so mitkriegt, was weiter vorn geschieht."



insgesamt 62 Beiträge
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KobiDror 31.10.2013
1. optional
transparente LCD Folie? Wäre ein guter Ansatz um die wahnsinnig teuren HUD Lösungen zu ersetzen. Windschutzscheibe mit LCD Folie ausstatten, ansteuern - fertig.
ky3 31.10.2013
2. optional
Das lässt einen an Autofahrer denken die in den Graben fahren weil sie sich blindlings an die falsche Aussage "hier Abbiegen" ihres Navigationsgerätes verlassen haben. Diese Technik dürfte vor allem Raser interessieren die z.B. diesen LKW überholen möchten und nun mehr zu sehen vermeinen.
drsindelfaenger 31.10.2013
3. Interessant - aber wohl kaum zu verwirklichen
Zitat von sysopUniversität PortoIch sehe was, das Du nicht siehst. Wenn es nach Professor Michel Ferreira von der Universität Porto geht, gilt das künftig für Autofahrer, die durch Vorausfahrende hindurchblicken können - mit Hilfe der "Augmented Reality". http://www.spiegel.de/auto/aktuell/see-through-system-projektionstechnik-soll-ueberholen-sicherer-machen-a-930354.html
Woher weiß die Kamera im vorausfahrenden Fahrzeug welches andere Fahrzeug gerade hinter ihr fährt und gerne das Bild sehen würde? Im Zweifel könnte es also sein, ich als Hintermann sehe in meiner Windschutzscheibe die Einblendung des gerade entgegen kommenden Fahrzeugs, oder die des Fahrzeugs hinter mir, etc. DAS wird die noch zu bewältigende technische Herausforderung für die Herren Forscher sein, denn Kamera-Sets mit Funkübertragung zum zugehörigen Mini-Monitor im KFZ-Rückspiegel gibt es zum Nachrüsten bereits im Handel für
docbru 31.10.2013
4. Wieso so kompliziert
Kann man nicht einfach die Ladeklappe vom LKW mit einem riesigen Bildschirm ausstatten, wo das Kamerabild direkt angezeigt wird...
webman 31.10.2013
5. vielleicht....
....eine kamera auch noch zwei drei und fünf fahrzeuge davor....vielleicht auch noch ein pfund karotten dazu ? LOL....absoluter quatsch
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