Sepp Herbergers Opel Rekord Fahren wie ein Weltmeister

Sein Name ist präsent wie eh und je: Sepp Herberger. Schließlich hat er Deutschland 1954 zum ersten Mal zum Fußballweltmeister gemacht. So bescheiden wie der Ex-Bundestrainer war auch sein Auto. SPIEGEL ONLINE war mit dem 40 Jahre alten Opel Rekord des "Chefs" unterwegs.


Bundestrainer gab es schon viele. Und natürlich erinnert man sich gerade zur WM an viele von ihnen. Aber ganz egal ob Jupp Derwall, Helmut Schön oder Berti Vogts - keiner von ihnen ist so unverändert populär wie Sepp Herberger. Schließlich hat der "Weise von der Bergstraße" die deutsche Elf 1954 nicht nur zum "Wunder von Bern" geführt und wurde damit zur Symbolfigur des deutschen Wiederaufstiegs in der Nachkriegszeit. Er prägte darüber hinaus die Fußballwelt mit beinahe philosophischen Weisheiten wie dem Sinnspruch vom Spiel, das 90 Minuten dauert, oder dem nächsten Gegner, der immer der schwerste ist.

Doch auch wenn Herberger nach dem Titelgewinn in der Schweiz ein Star war und es sein Ruhm von damals mit jenem der Herren Klinsmann oder Völler von heute durchaus vergleichbar war, ist der gebürtige Mannheimer stets bodenständig geblieben. Er galt als Mensch, dem der Erfolg nicht zu Kopf stieg, so charakterisieren ihn ehemalige Freunde und Nachbarn. Diese Haltung bestimmte wohl auch die Wahl seiner Autos: Während Profikicker heute dicke Promotion-Verträge haben und meist PS-gewaltige Boliden bevorzugen, lehnte Herberger angeblich alle Angebote für "dauerhafte und kostenlose" Probefahrten ab.

Ein Hauch von Luxus für 9564 Mark

Statt nach den Sternen zu greifen oder gar einen Stuttgarter Sportwagen zu bestellen, entschied er sich nach dem Ende seiner Amtszeit als Bundestrainer für einen alles andere als spektakulären Opel Rekord B aus dem Baujahr 1966. Bis zu seinem Tod im April 1977 war er mit diesem Wagen auch in offizieller Mission zur Spielerbeobachtung unterweg. Bezahlt wurde der Wagen von Herberger bar aus eigener Tasche, ohne Rabatt und Nachlass. 9564 Mark und 50 Pfennige kostete das Auto, wie aus dem am 8. April 1966 unterzeichneten Kaufvertrag mit dem örtlichen Opel-Händler Sporer hervorgeht.

Für diese Summe gab es nicht nur das Grundmodell, sondern auch einen Hauch von Luxus. So gab Herberger unter anderem 395 Mark für einen größeren Motor, 95 Mark für den vierten Gang, 95 Mark für die Nebelscheinwerfer, 85 Mark für den Rückwandfenster-Trockner und 91,50 Mark für die schmucken Weißwandreifen aus.

In nur elf Monaten knapp 300.000-mal verkauft

Heute gehört die Limousine, die 1965 und 1966 nur elf Monate lang produziert und fast 300.000 mal verkauft wurde, zum Oldtimer-Fuhrpark von Opel. Das Werk hat den Wagen 1994 aus dem Nachlass der inzwischen ebenfalls verstorbenen Witwe Eva Herberger zusammen mit Erinnerungsstücken und einem Ordner voller Unterlagen gekauft. So steckt der Originalschlüssel noch immer im 40 Jahre alten Kunstlederetui des Weinheimer Opel-Händlers. 

Auf der Rückbank liegt noch immer der Shell-Atlas des Trainers, zwischen den Sitzen steckt in einer selbstgebastelten Halterung der Abzieher zum Scheibenreinigen, und im Kofferraum liegt das in Wagenfarbe lackierte Halteverbotschild, das der Diplom-Sportlehrer vor seinem Haus in der Sepp-Herberger-Straße 8 im Weinheimer Stadtteil Hohensachsen angebracht hatte.

Nachdem Opel den Wagen gekauft hatte, wurde er gründlich überholt und technisch auf Vordermann gebracht. Nun steht der viertürige Rekord B, gut 40 Jahre nachdem er bei Opel vom Band lief, wieder vor dem Werkstor in Rüsselsheim. Den breiten Chromkühler auf Hochglanz poliert und den tundragrünen Lack  frisch gewachst, wartet er auf eine Ausfahrt.

Die Tour in die Vergangenheit beginnt eindrucksvoll. Trotz seines Alters meldet sich der 1,9 Liter große Vierzylinder schon beim ersten Versuch mit einem freundlichen Tuckern. Am dünnen Schalthebel, der aus der Lenksäule herausragt, wird der erste Gang eingelegt, mit dem Fuß das Gaspedal gestreichelt - und ohne Murren setzt sich der Wagen in Bewegung.

Zügig vermeldet der Balkentacho Tempo 100

Während aus dem Radiogerät "Becker-Mexico" WM-Nachrichten tönen, nimmt der Rekord zügig Tempo auf. Unter der Haube steckt ein 90-PS-Motor, der mit der rund 1000 Kilogramm schweren Limousine leichtes Spiel hat. Es dauert kaum länger als ein indirekter Freistoß, schon wechselt der Balkentacho im Cockpit die Farbe und zeigt damit an, dass man die 50 überschritten hat. Wer weiter auf dem Pedal bleibt, der schnurrt schnell mit 100 km/h über die Landstraße zum Beispiel nach Herbergers Wohnort Weinheim-Hohensachsen. Tempo 160 ist noch möglich - und der Verbrauch durchaus moderat. Etwa acht Liter je 100 Kilometer sollte man einkalkulieren - mit dem 45-Liter-Tank käme man also von Rüsselsheim fast ohne Stopp zum Endspiel am 9. Juli in Berlin.

Ein leiser Sommerwind fächelt durch die kleinen Ausstellfenster hinter der A-Säule und macht eine Klimaanlage überflüssig. Durch das Schiebedach lacht die Sonne, und die hellbraun bezogenen Sitze sind tief und bequem wie der alte Fernsehsessel daheim im Wohnzimmer. Kein Vergleich zur harten Trainerbank am Spielfeldrand. Das spindeldürre Lenkrad verlangt nach einer fest zupackenden Hand - für Herberger dürfte das kein Problem gewesen sein. Allerdings sind die Bremsen nicht die besten, und so sind Weitsicht und Intuition gefragt. In diesem Punkt ist der alte Rekord ein bisschen so wie die junge deutsche Abwehr.



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