Service von morgen Inspektion in voller Fahrt

Das Image der modernen Autoelektronik ist angekratzt. Schließlich sind Fehler in der Bordelektrik heute die wichtigste Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für ADAC-Pannenhelfer. Künftig sollen die Autos seltener liegen bleiben – weil sie ihre Macken selbst erkennen.
Von Martin Brinkmann

In großen Autohäusern spürt man es am ehesten: Die "Service-Wüste Deutschland" blüht auf. Die Wartezone ohne Flair und mit harten Stühlen war gestern, heute ist die Lounge mit Ledersofa angesagt. Oder mehr. So stellt etwa der auf Ferrari und Porsche spezialisierte Auto-Salon-Singen seiner wartenden Kundschaft ein 840 PS starkes Speedboat für einen Ritt über den Bodensee zur Verfügung. Doch nicht nur das Warten ist heute komfortabler. Mit Dienstleistungen wie Expressservice, Hol- und Bringdienst oder Airportservice sollen die Kunden, die durch immer längere Wartungsintervalle zum seltenen Gast werden, an das Autohaus gebunden werden.

In Zukunft kommen sie wohl noch seltener in die Werkstatt. Denn Experten prognostizieren, dass Autos langfristig über ein ausgeklügeltes System zur Selbstdiagnose verfügen werden, das regelmäßige Inspektionen überflüssig macht. "Ich bin überzeugt, dass wir aufgrund der immer intelligenteren Selbstüberwachung zu einer automatisierten Wartung kommen", sagt Professor Gerhard Fischerauer, Dekan der Fakultät für Angewandte Naturwissenschaften der Universität Bayreuth. Fischerauer ist Fachmann für Automobilmechatronik, also für die vielen Komponenten im Auto, bei denen mechanische Prozesse elektronisch geregelt werden. "Künftig werden Wartungsarbeiten möglicherweise nur noch bei Bedarf ausgeführt. Zum Beispiel würde das Motoröl dann nicht mehr vorbeugend in regelmäßigen Intervallen gewechselt, sondern erst dann, wenn ein Sensor, der ständig die Ölqualität prüft, Alarm schlägt."

Ein Vorteil dieser permanenten Selbstdiagnose wäre, dass die Lebensdauer der Komponenten - vom Luftfilter bis zum Zahnriemen - nicht mehr vorbeugend verkürzt, sondern voll ausgenutzt würde. Noch wichtiger: Die elektronische Dauerinspektion kann mögliche Pannen oder sogar Unfälle verhindern, selbst solche, die rein mechanische Ursachen haben. Fischerauer: "Jeder Bereich des Autos wird künftig besser überwacht werden, zum Beispiel auch die Reifen. Früher musste man sich darauf verlassen, dass sie dicht sind. Heute registrieren Reifendrucksensoren, die in den USA bei Neuwagen schon Pflicht sind, wenn der Reifendruck sinkt, so dass man anhalten kann, bevor es gefährlich wird." Ähnliches werde es in allen Bereichen geben.

Fehler können künftig besser vermieden werden, auch weil mit zunehmender Erfahrung die Systeme der Autos immer stabiler werden. Davon ist der Ingenieur überzeugt und darin sieht er die entscheidende Veränderung für den Servicebereich. "Man beobachtet ständig den Zustand des Systems und kann daher schon prognostizieren: Jetzt nicht weiter, sonst tritt ein teurer Fehler ein." Ob es für den Autofahrer unterm Strich billiger wird, wagt Fischerauer allerdings zu bezweifeln. Denn wie bei Fernsehern oder Computern können auch im Auto die meisten Teile im Fall eines Defekts nur noch komplett ausgetauscht werden. "Den Beruf des Automechanikers gibt es ja nicht mehr, es werden nur noch Automechatroniker ausgebildet. Aber auch die können im Prinzip nicht mehr reparieren, sondern nur noch feststellen, ob ein Modul kaputt ist."

Das allerdings sei in dem komplexen System Auto auch schon keine leichte Aufgabe. Denn man müsse sich klar machen, dass in einem modernen Mittelklasse-Pkw heute mehr Computerleistung installiert sei, als das gesamte amerikanische Mondlandeunternehmen der NASA seinerzeit zur Verfügung hatte. Das eindeutige Zuordnen von Fehlern erfordere daher großes Know-how. "Den menschlichen Sachverstand wird man auch weiterhin brauchen, denn auch bei den Diagnosesystemen sind die Fehlermeldemechanismen ja nicht fehlerfrei." Fehlermeldungen müssten daher "intelligent interpretiert" werden. Privat ist der Bayreuther Professor übrigens noch auf der Suche nach der richtigen Interpretation: Bei seinem Auto, die Marke verschweigt er lieber, meldet der Gaspedalsensor ständig irgendeinen Fehlerzustand - die Ursache hat aber bisher niemand gefunden.

Digitales Serviceheft als Lebenslauf eines Autos

Helfen könnte bei der Fehlersuche, vor allem bei Gebrauchtwagen, eine Innovation, die Mazda in diesem Jahr eingeführt hat: ein digitales Serviceheft, das der konventionellen Scheckheftpflege eine neue Dimension gibt. Denn darin wird jede Maßnahme der Werkstatt gespeichert, ob Inspektion, Reparatur oder Rückrufaktion. Und da die Daten - mit Zustimmung des Kunden - zentral gespeichert werden, hat jeder Nachbesitzer Zugriff auf diese lückenlose Fahrzeugbiografie, die ganz nebenbei auch noch Tacho- und andere Manipulationen unmöglich macht.

Eine weitere Service-Dimension eröffnet der ins Auto integrierte Mobilfunk, über den schon bald alle Neuwagen verfügen sollen: Ab 2009 will die Europäischen Union den Autonotruf "eCall" zur Pflicht machen. Bei einem Unfall nimmt das Fahrzeug dann automatisch Kontakt mit einer Notrufzentrale auf und übermittelt die - vom Navigationssystem festgestellte - Position sowie weitere Fahrzeugdaten. Ist es vorstellbar, dass in der anderen Richtung auf diesem Weg irgendwann auch Fehler per Ferndiagnose ermittelt oder sogar - zum Beispiel durch Softwareüberspielung - behoben werden können? "Das ist im Prinzip vorstellbar", sagt Regeltechnik-Experte Fischerauer. "Man muss sich nur immer im Klaren sein, dass das Auto ein sicherheitstechnisch sehr viel kritischerer Bereich ist als der PC auf dem Schreibtisch. Im Auto muss alles doppelt und dreifach abgesichert sein, deshalb kann man die Software, die solche Prozesse steuert, nicht mit normaler Bürosoftware vergleichen."

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