Shell Eco-Marathon Tröpfchen für Tröpfchen

Für das Ein-Liter-Auto haben Nicole Taubert und Carina Gerlach nur ein Lächeln übrig. Denn ein Liter Sprit hätte ihrem Brennstoffzellen-Gefährt beim Shell Eco-Marathon für 2552 Kilometer gereicht. Für den Sieg war das noch zu wenig. Ein Benziner kam auf 3039 Kilometer.


Sparsame Autos stehen angesichts der aktuellen CO2-Diskussion bei den Entwicklern ganz oben auf der Liste. Doch ringt keiner so konsequent um den allerletzten Tropfen Sprit wie die mehr als 250 Teams, die sich am Wochenende zum Shell Eco-Marathon im französischen Nogaro getroffen und dabei alle zusammen weniger Treibstoff verbrannt haben als ein einzelnes Formel-1-Auto in der Aufwärmrunde.

Während Hersteller von Serienautos schon mit vier Litern auf 100 Kilometer hoch zufrieden wären, drei Liter als bahnbrechenden Erfolg feiern und vom Ein-Liter-Auto als noch weit entferntem Entwicklungsziel träumen, steht bei den Eco-Marathon-Teilnehmern längst eine Null vor und auch bereits hinter dem Komma. Bei 0,026 Litern pro 100 Kilometer steht der Rekord, den man erst begreifen kann, wenn man ihn ins wirkliche Leben übersetzt: Von Berlin nach Moskau und zurück mit einem Liter Sprit oder mit nicht einmal dreieinhalb Litern rund um die Erde.

Mit einem konventionellen Auto haben die Spar-Boliden allerdings nicht mehr viel gemein. So sitzen die Piloten nicht am Steuer eines Rennwagens, sondern liegen meist ganz flach und nur wenige Zentimeter über der Straße in einer dürren Zigarre, die oft nur drei dünne Rädchen hat. Gefahren wird nicht nur mit Benzin, sondern auch mit Diesel, Gas, Wasserstoff oder Sonnenstrom. Dabei muss niemand tatsächlich so lange auf die Strecke, bis er die Energie eines Liters Benzin verbraucht hat. Sondern ermittelt wird die Reichweite in einem knapp einstündigen Lauf, dessen Ergebnisse die Juroren dann hochrechnen.

An den Start gehen nicht promovierte Wissenschaftler oder Chef-Entwickler, sondern vor allem Schüler und Studenten. Darunter auch immer mehr Deutsche: Prangte Schwarz-Rot-Gold bis 2003 nur an einem Auto, machten sich in diesem Jahr acht Teams auf den Weg. Eines davon trägt den Namen "Fortis Saxonia" und kommt von der Technischen Universität Chemnitz. Inspiriert von einer Reportage bei SPIEGEL ONLINE gibt es dort seit 2004 ein Team, das "den Minimalverbrauch zur Maxime gemacht hat", berichtet Teamsprecher Thomas Mäder. In diesem Jahr waren die Sachsen mit einem völlig neuen Fahrzeug am Start, an dem rund 30 Studenten ein Jahr lang geplant und gebaut haben.

Ein Liter Sprit für mindestens 2500 Kilometer

Zwar konnten sie dabei auf Erfahrungen mit dem Brennstoffzellen-getriebenen Sax 1 von 2006 bauen, doch waren sie mit den 1742 Kilometern einfach nicht zufrieden. Deshalb wurde die sächsische Zigarre noch einmal umkonstruiert, wurde leichter und leistungsstärker. So wiegt das Carbon-Chassis jetzt nur noch 15 und das Fahrzeug insgesamt 45 Kilogramm – und das bei einer Länge von 3,10 Metern. Angetrieben wird "Sax 2" von einem Elektromotor, der seine Energie aus einer mit Wasserstoff befüllten Brennstoffzelle bekommt. "Durch den konsequenten Leichtbau, das aerodynamische Design und die äußerst effiziente Brennstoffzelle sollten mit einem Liter mehr als 2500 Kilometer drin sein", gab sich Mäder noch vor dem Start optimistisch.

In der Hand haben das vor allem Nicole Taubert und Carina Gerlach, die sich abwechselnd in die Zigarre quetschen und den Steuerknüppel bedienen. Wie der Joystick eines Computerspiels wirkt er auf die spezielle Hinterradlenkung. Und mit den Knöpfen, bei denen man beim PC-Spiel ballert, wird hier gebremst oder bis auf 45 km/h beschleunigt. Oft allerdings wird nicht gedrückt. "Es gibt auf der Strecke fünf Abschnitte, auf denen wir beschleunigen. Ansonsten wird gerollt und nur im Notfall gebremst", sagt Taubert, die ihre Nominierung genau wie Co-Pilotin Gerlach ihrer zierlichen Statur verdankt. Beide Fahrerinnen wurden auf dem Campus gecastet, sagt Mäder mit Verweis auf das im Reglement vorgeschriebene Mindestgewicht von 50 Kilo.

Verzicht lautet die oberste Maxime der Sparrenner

Zwar kommen Sax 2 und die mehr als 250 anderen Rennwagen in Nogaro mit dem Sprit viel, viel weiter als jedes Forschungsfahrzeug der Automobilindustrie. Doch eine lange Nase drehen die Studenten den Entwicklern nicht. "Natürlich haben unsere Fahrzeuge mit einem Auto im herkömmlichen Sinne nicht mehr viel gemein", gibt der Teamsprecher zu. "Wer so konsequent sparen will, muss auf alles verzichten, was er am Auto lieb gewonnen hat." Elektronik gibt es nicht, für die Sicherheit steht lediglich ein Feuerlöscher zur Verfügung und von Komfort kann keine Rede sein.

"Uns geht es vor allem um den Beweis, dass derart sparsame Fortbewegung möglich ist", sagt Mäder. "Wir wollen uns frühzeitig mit solchen Technologien beschäftigen und vorbereitet sein, wenn die Ansätze vielleicht in normale Autos einfließen." So ein wenig "dabei sein ist alles" klingt dabei durch. Aber ganz ohne Sportsgeist rollt hier auch keiner an den Start. Für Fortis Saxonia gilt eine Platzierung unter den besten fünf als Zielvorgabe. Zwar kamen am Ende bei den Brennstoffzellen die Teams aus Nantes mit 2797 und Offenburg mit 2716 Kilometern noch vor ihnen aufs Treppchen. Doch mit Platz drei und 2552 Kilometern haben die Sachsen ihr Ziel erreicht. Und selbst in der Gesamtwertung fehlen zu den 3039 Kilometern des Lycée La Joliverie aus Frankreich nur vier Plätze und weniger als 500 Kilometer.



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