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Helmpflicht für Radfahrer: Mehr Schaden als Nutzen

Foto: Wolfgang_Kumm/ picture-alliance / dpa

Sicherheit im Verkehr Warum eine Helmpflicht Radlern wenig hilft

Muss man die Radfahrer zu mehr Sicherheit zwingen? Verkehrsminister Ramsauer erwägt eine Helmpflicht. Der Zwang zur Haube soll Leben retten. Doch um die Radler wirksam zu schützen, wären andere Maßnahmen viel sinnvoller.

Berlin - Mit Deutschlands Radfahrern hat es sich Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer schon lange verscherzt. Das Thema Zweirad wird in seinem Haus nur stiefmütterlich behandelt. Zuletzt kürzte der CSU-Politiker die Ausgaben für Radwege an Fernstraßen um ein Viertel - zum wiederholten Mal.

Nun, so scheint es, hat Ramsauer endlich sein Herz für die Belange der Radler entdeckt. Genauer gesagt sorgt er sich um deren Sicherheit. Von zuletzt 450 toten Radfahrern im Jahr sei jeder zweite an Kopfverletzungen gestorben, erklärte der Minister am Dienstag in Berlin. Viele dieser Todesfälle seien vermeidbar, wenn die Radfahrer einen Helm trage. Doch mehr als neunzig Prozent verzichteten auf den Kopfschutz. Wenn sich daran nichts ändere, komme die Helmpflicht, kündigte er an.

Das klingt zunächst vernünftig. Wenn Menschen sich nicht ausreichend schützen, muss man sie halt zwingen. Beim Sicherheitsgurt war es schließlich nicht anders, den wollten zunächst viele Autofahrer auch nicht freiwillig anlegen.

In den Niederlande sind Helme kein Thema

Doch die Situation beim Fahrradhelm ist komplizierter. Eine Helmpflicht wird sicher die Folgen manchen schweren Sturzes abmildern - daran gibt es keinen Zweifel. Sie wird auch Menschenleben retten. Aber die Gesamtbilanz eines Kopfschutzzwanges könnte trotzdem negativ ausfallen.

Denn in der Folge könnte die Radnutzung zurückgehen. Wenn derzeit nur einer von zehn deutschen Radfahrern einen Helm aufsetzt, was machen dann die neun ohne Schutz, wenn die Pflicht kommt? Einige werden widerwillig zum Helm greifen, einige werden weiter ohne fahren - und ein großer Teil wird womöglich wieder aufs Auto umsteigen.

Wenn aber die Radnutzung sinkt, dann sinken auch die positiven gesundheitlichen Effekte des Radfahrens für die Gesellschaft. Wer täglich radelt, stärkt Herz und Kreislauf und bleibt länger fit. Eine umfassende Analyse der Folgen der Helmpflicht muss dies berücksichtigen.

Hinzu kommt die psychologische Wirkung: Sie lässt Radfahren gefährlicher aussehen, als es tatsächlich ist. In den Niederlanden, der Radfahrnation Nummer eins, denkt niemand ernsthaft über eine Helmpflicht nach. Dort trägt auch kaum jemand eine Styroporhaube. Warum auch? Radfahren ist in Holland besonders sicher, weil Autofahrer immer mit Zweirädern rechnen und weil es eine gut ausgebaute Infrastruktur gibt.

Und da liegt der Kern des Problems: Wie kann man die Sicherheit der Radler verbessern - und welche Rolle spielt dabei der Helm?

Schwere Kopfverletzungen sind nur ein Teil des Problems. Viele Unfälle verlaufen glimpflich, es gibt aber auch Prellungen, Schürfwunden, verstauchte Hände und Knochenbrüche.

Der Helm schützt nur bei ganz bestimmten Stürzen. Wer schnell unterwegs ist, oder sich wagemutig auf dem Mountainbike steile Bergen hinunterstürzt, der sollte unbedingt einen Helm tragen. Doch wer gemütlich mit 15 km/h auf dem Hollandrad zum Bäcker rollt, der braucht den Kopfschutz nicht zwingend. Zumindest, solange es sichere Radwege und aufmerksame Autofahrer gibt.

Viele der Konflikte gehen auf schlechte ausgebaute Radwege zurück

Vor allem bei der Infrastruktur besteht gewaltiger Nachholbedarf. Ein kaum ein Meter breiter Streifen auf dem Fußweg reicht nicht aus, wenn immer mehr Menschen aufs Rad steigen, wie in den vergangenen Jahren geschehen. Viele der Konflikte zwischen Radfahrern, Fußgängern und Autofahrern gehen letztlich auf schlecht ausgebaute Radwege zurück. In den Städten und Gemeinden, aber auch im Bundesverkehrsministerium hat man den Bike-Boom schlicht verschlafen.

Ein Problem, um das sich Ramsauer ebenso kümmern könnte, sind die folgenschweren Unfälle an Kreuzungen mit rechtsabbiegenden Lkw. Sie enden für den Radfahrer, der im toten Winkel fährt und eigentlich Vorfahrt hat, häufig tödlich. Wenn ein Zehn-Tonnen-Truck über einen Menschen rollt, hilft auch kein Helm mehr. Die Radfahrerverein ADFC fordert daher verpflichtende Warnsysteme für Lkw , die automatisch Alarm schlagen, wenn sich eine Person im toten Winkel befindet.

Mehr Sicherheit für Radfahrer würden auch konsequente Geschwindigkeitsbegrenzungen in Städten bringen. Denn die Folgen einer Kollision mit einem Auto sind umso schwerwiegender, je schneller dies unterwegs ist. Dabei müssen Autos nicht einmal zwingend ausgebremst werden: Würden Nebenstraßen zu Fahrradstraßen ausbaut, könnten Autos auf der parallel verlaufenden Hauptstraße weiter mit 50 km/h unterwegs sein. Doch überall dort, wo Pkw und Radler gemeinsam unterwegs sind, sollte Tempo 30 gelten.

Auch die Radfahrer sind in der Pflicht, wenn es um ihre Sicherheit geht. Der Kopfschutz hilft nur bedingt, solange in Städten wie Berlin gefühlt jedes dritte Rad ohne Licht im Dunkeln unterwegs ist und damit die Unfallgefahr steigt.

Und: Wer eine Helmpflicht für Radler fordert, müsste diese eigentlich konsequenterweise für Fußgänger verlangen. Denn auf Deutschlands Straßen sterben in der Regel mehr Fußgänger als Radfahrer - 2010 waren es 476 Fußgänger und 381 Radler. Bei einem Unfall ist ihr Kopf genauso wenig geschützt.

Der Helm ist also nur ein kleiner Mosaikstein im Gesamtkonzept für sicheres Radfahren. Das vielleicht überzeugendste Argument gegen den Zwang zum Kopfschutz aber lautet: Die Helmpflicht ist typisch für Fahrradentwicklungsländer. In Australien ist die Haube obligatorisch, in vielen US-Bundesstaaten zumindest für Kinder und Jugendliche. Dort schwingen sich jedoch auch deutlich weniger Menschen auf den Drahtesel als in Holland, Dänemark und Deutschland.