Smart in China Ein Zwerg auf Weltreise

In Europa ist der Smart mittlerweile etabliert, auch die USA hat der Knirps im Sturm erobert. Nun folgt der nächste Streich: Ab sofort verkauft Mercedes den Winzling auch in China. Tausend Bestellungen gibt es angeblich bislang - doch es könnte trotzdem ein zähes Geschäft werden.

Aus Shanghai berichtet


Der Smart ist mal wieder auf Tournee. Das Minimobil - in elf Jahren vom Problem- zum Glücksfall gereift - soll nach dem erfolgreichen Debüt in Nordamerika nun auch in China auf der Erfolgsspur fahren. Damit der Start des Zwerges im Riesenreich gelingt, wirbt Mercedes seit einem Jahr für das Minimalauto - 100.000 Gäste waren zu Promotion-Veranstaltungen geladen, 6500 Probefahrten wurden arrangiert und gut 1000 Vorbestellungen entgegengenommen. Konkrete Zielzahlen will Ulrich Walker, der die Geschicke des Konzerns in Nordasien verantwortet, nicht nennen, doch vom Erfolg des Kleinen in China ist er selbstverständlich überzeugt.

Mercedes-Vertriebsvorstand Klaus Maier hält China für die richtige Station auf dem weiteren Eroberungszug. "Der Smart ist das perfekte Auto für die Ballungsräume. Und alle zehn Monate erreicht eine weitere Stadt in China die Größe von New York. Deshalb gibt es hier viel Potential für einen Erfolg des Smart", sagt Maier. Er ist zuversichtlich, dass der Winzling gut ankommt. "Immerhin haben sie hier sogar versucht, das Auto zu kopieren."

Die chinesische Marke mit dem klangvollen Namen Diamond on the Crown hat bereits seit Jahren eine Smart-Kopie im Angebot. Das Modell namens Noble ist nicht einmal halb so teuer wie der Smart und bietet auf annähernd gleicher Länge sogar zwei Sitzplätze mehr. Dennoch gibt sich der Mercedes-Manager optimistisch: "Ich bin sicher, die Chinesen können sehr genau zwischen Original und Fälschung unterscheiden", sagt Maier. Schließlich fänden in Shanghai oder Peking auch Edeljuweliere und Luxusboutiquen ihr Auskommen, obwohl an jeder Straßenecke Plagiate zu einem Bruchteil des Preises angeboten werden.

Der Smart ist in China ein teures Luxus-Wägelchen

Ähnlich wie die Uhr von Rolex oder der Anzug von Armani wird der Smart in China nie ein Massenmobil werden. "Für viele ist der Wagen einfach zu teuer", sagt Ken, der mit dem Winzling jetzt ein Wochenende durch Shanghai rollt. Zwar hat der 35-jährige Telekommunikationsingenieur sichtlich Spaß an dem kleinen Flitzer und freut sich über die neuen Chancen im täglichen Wettkampf um einen der raren Parkplätze, doch er sagt: "Ich werde mir dieses Auto wohl nie leisten können." Umgerechnet etwa 15.000 Euro kostet das billigste Modell, rund 22.000 Euro die Top-Version des Cabrios. Ken fährt bislang eine kleine Limousine von Buick, die nicht einmal die Hälfte gekostet hat; und sein Traumauto ist ein großer Audi oder Mercedes.

Doch die Schwaben sind überzeugt, dass der Smart auch in China ein Renner wird. "In den Metropolen wächst eine Schicht reicher und junger Menschen heran, die nicht allein mit Größe imponieren wollen. Sie gehen mit der Mode, orientieren sich an modernen Werten und denken an die Umwelt", sagt Daimler-Manager Walker. Für diese Kunden ist ein Auto weniger ein Fahrzeug als ein Accessoire - viele von ihnen fahren bislang Mini. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 3000 Mini-Exemplare in China verkauft, in den ersten drei Monaten dieses Jahres sind bereits mehr 1000 Bestellungen bei BMW eingegangen.

17 Smart-Verkaufszentren wurden vorerst eingerichtet

Um diese Zielgruppe zu erreichen, hat Mercedes zunächst 17 Smart-Showrooms in großen Städten eingerichtet. Einen davon betreut Maggie Zhang. Nur einen Steinwurf entfernt vom imposanten Peoples Square in Shanghai sitzt sie im dritten Stock eines Bürokomplexes in einer coolen Lounge, die so auch in Mailand, München oder Madrid aussehen würde. Nachts werden hier Partys gefeiert, um den Wagen in der Szene bekannt zu machen; tagsüber führt Frau Zhang, gekleidet in einer spezielle Smart-Uniform, Verkaufsgespräche. Dabei dreht es sich allerdings weniger um Sicherheitstechnik oder die Start-Stopp-Automatik für den 71 PS starken Benziner, die in China serienmäßig an Bord ist. "Am meisten diskutieren die Kunden über die Farben", sagt Zhang. Die Favoriten? "Rot und weiß."

Während Maggie Zhang mit der Schickeria schäkert, grübelt Testfahrer Ken noch immer über die Chancen des Zwerges. Ihm ist der Preis nicht nur viel zu hoch, sondern das Auto auch viel zu klein. "Chinesen lieben große Autos mit vielen Sitzplätzen, viel Beinfreiheit und großem Kofferraum", sagt Ken. In der Provinz sind vor allem Kleinbusse unterwegs, und wer in der Stadt etwas auf sich hält, lässt sich in der chinesischen Langversion des Audi A6 oder BMW 5er chauffieren. "Wer genug Geld hat, wird am Smart aber sicher Spaß haben", sagt Ken. Damit übernähme der Zwerg die Rolle eines Zweitwagen. Doch in einem Land, in dem die überwiegende Mehrheit wenn überhaupt, dann mit einem Mofa motorisiert ist, ist der Gedanken an ein zweites oder gar drittes Auto noch kaum verbreitet.



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