Smart in den USA Das Spiel-Mobil

Ein Autozwerg im Land der Straßenkreuzer. Ab 2008 soll der Smart in den USA verkauft werden und so endlich aus den Miesen fahren. Gut möglich, dass es klappt: Bei einer ersten Testfahrt von SPIEGEL ONLINE war der Knirps auf Anhieb der Star von Hollywood.

Da kann Marilyn Monroe noch so verführerisch mit den Augen klimpern - in diesem Fall muss sie zurückstecken. Die Aufmerksamkeit der Touristen vor dem berühmten Mann'sChinese Theatre auf dem Hollywood-Boulevard gehört heute nicht dem lasziven Double der Filmdiva. Und auch nach den anderen Laiendarstellern im Kostüm berühmter Schauspieler schaut gerade keiner. Im Blickpunkt steht stattdessen ein kleines rotes Auto, das für die Amerikaner etwa so ungewöhnlich ist wie für Menschen hierzulande eine acht Meter lange Stretch-Limousine: der Smart.

Offiziell kommt der Auto-Winzling erst im nächsten Jahr über den Atlantik. Doch um die Reaktionen der Amerikaner zu testen, war SPIEGEL ONLINE mit dem Auto schon jetzt einen Tag in Los Angeles unterwegs – und der Zweisitzer stand in Beverly Hills, Bel Air oder Santa Monica stets im Mittelpunkt des Interesses. Denn in einer Stadt, deren Straßen von Ferrari und Bentley bevölkert werden, fällt ein 2,70 Meter kurzer Zweisitzer beinahe so sehr auf, als würde man in einem Formel-1-Wagen über den Sunset Boulevard jagen.

Ganz so schnell geht es mit dem Smart freilich nicht. Doch mit 84 PS macht der Zweisitzer im dichten Stadtverkehr gar keine schlechte Figur. Zwar geht er zwischen den Stretchlimousinen und Geländewagen auf dem Rodeodrive fast unter. Und man fühlt sich etwas deplatziert, weil die drei Zylinder im Heck zusammen weniger Hubraum haben als ein Zylinder des Chevrolet nebenan. Doch kommt man an der Ampel prima weg, findet immer die richtige Lücke und steht permanent im Mittelpunkt. Sogar die Streifenwagen kurven neugierig um den kleinen Fremdling aus Europa. Nur die Vorstellung, mit dem Smart auf dem Highway zu kreuzen, ist etwas befremdlich. Wenn sich dort auf acht Spuren die Autos stauen und man zwischen Trucks, Pick-ups und Geländewagen förmlich verschwindet, fühlt man sich doch ein wenig verloren.

Doch in der Stadt rollt der Knirps vorneweg. Nicht nur an einer Kreuzung beugt sich eine junge Dame übers geöffnete Cabriodach und fragt nach einer Mitfahrgelegenheit. Und allerorten drehen sich die Köpfe, man blickt in staunende Gesichter, sieht strahlende Augen und liest auf den Mündern im Vorbeifahren stets dieselbe Frage: "Was bitte ist das?"

Die PR-Kampagne für den Smart läuft langsam an

Die Antwort darauf wird in den nächsten Wochen Mercedes liefern müssen. Denn gemeinsam mit dem Rennfahrer, Spediteur und Autogroßhändler Roger Penske bereiten die Schwaben derzeit den Export ihres kleinen Sorgenkindes vor. Der Smart soll mit neuen zusätzlichen Kunden aus den USA in der zweiten Modellgeneration endlich in die Gewinnzone fahren. Bislang allerdings kocht die PR-Küche auf Sparflamme: Ein Messeauftritt bei der Motorshow in Detroit und eine aufwändige Website sind bislang die einzigen Maßnahmen der Marketing-Maschine. Erst in ein paar Wochen wird der Smart auf einer Roadshow quer durch den Kontinent dort vorgestellt, wo Mercedes und Penske die Kunden vermuten: An Universitäten, in Großstädten und im Milieu der Intellektuellen und Umweltschützer.

Doch schon heute wissen die Amerikaner überraschend viel über den Kleinwagen, der da so fremdartig durch Hollywood kullert. Etwa jeder Zweite, so zeigt die spontane Erhebung am Straßenrand, hat von dem Auto zumindest schon einmal gehört – auch wenn viele ihn für ein Elektroauto halten. Oft geht das Interesse beim Fotostopp, an der roten Ampel oder auf dem Restaurantparkplatz über die Beigeisterung für die niedlichen Form hinaus. Zwar fragen noch immer die meisten nach dem Motor, nach der Leistung und der Höchstgeschwindigkeit. Aber häufig hört man auch die Frage nach dem Verbrauch, der den Amerikanern offensichtlich immer wichtiger wird.

Hohe Preise für den kleinen Spritsparer

Mehr als 60 Meilen pro Gallone? Das will kaum einer glauben, so weit kommen schließlich nicht mal die Hybridautos, die in Los Angeles fast so häufig sind wie hierzulande Dieselmodelle. Da verliert dann sogar der Grundpreis von "unter 12.000 Dollar" für das Coupé und "unter 17.000 Dollar" für das Cabrio seinen Schrecken. Obwohl man für diese Summe fast einen ausgewachsenen Pick-up bekäme, bei dem der Smart mühelos auf die Ladefläche passen würde, fragen viele spontan, wo und ab wann man das Auto kaufen kann.

Solche Reaktionen bestärken Klaus Maier in seinem Optimismus. Denn wenn der Vertriebsvorstand der Mercedes Car Group an den neuen Smart und seinen Weg in die USA denkt, ist ihm nicht mehr bange. Mag sein, dass es der Zweisitzer in Europa nicht leicht hatte, doch an einem Erfolg jenseits des Atlantiks hat Maier angesichts der Stimmungslage im Reich der Riesen keine Zweifel mehr. Zwar gibt es noch immer kein Land, in dem mehr große Geländewagen und antiquierte Pick-ups fahren. Aber "big is beautiful" ist längst nicht mehr die einzige Devise der Autokäufer. Stattdessen hätten sie ein "wachsendes Interesse für erschwingliche, spritsparende Kleinwagen", sagt Maier. Sein Fazit: "Jetzt ist der Zeitpunkt für eine Markteinführung in den USA gekommen."

Das passende Auto für Klima-Kritiker

Bestätigt fühlt er sich auch von der Tatsache, "dass sich Trendsetter plötzlich stark mit den Themen Klimawandel und Kraftstoffverbrauch auseinandersetzen und Alternativen für ihre Mobilität in urbanen Zentren suchen". Dabei könnte der Smart durchaus den Prius als Dienstwagen der prominenten Bedenkenträger ablösen, so die unausgesprochene Hoffnung der Schwaben. Ebenfalls Zuversicht schöpfen kann Maier beim Blick auf die amerikanische Internetseite des Smart.

Nachdem sich dort in den letzten Monaten zigtausend unverbindliche Interessenten eingetragen hatten, wagten die Schwaben vor ein paar Wochen die Probe aufs Exempel und baten um Bestellungen samt Anzahlung. Auch danach herrsche noch Begeisterung. "Die Resonanz ist überwältigend. Uns liegen bereits mehr als 10.000 Bestellungen vor", schwärmt Maier. Vielleicht sollte er schnell mal wieder auf seinen Rechner schauen: Wenn auch nur die Hälfte der Passanten, die wir während der Testfahrt durch Los Angeles trafen, Wort halten, könnten schon wieder ein paar neue dazu gekommen sein.

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