Smart in Hollywood Zwerg in der Traumfabrik

Nichts beschreibt die Stimmung auf dem US-Automarkt besser als die Karriere von Vinnie Mandzak. Bislang versorgte der Mercedes-Verkäufer die Stars in Hollywood mit potenten Sportwagen von AMG. Jetzt verkauft Mandzak Smart – und kann sich vor Andrang kaum retten.

Aus Los Angeles berichtet


Die Karriere von Vinnie Mandzak hat etwas von der Verwandlung von Saulus zu Paulus. Noch bis vor einem Jahr lachte der Starverkäufer von Mercedes-Benz of Beverly Hills verächtlich über Typen wie die Mercedes C-Klasse. S 63 AMG, CLK Black Series, Maybach oder SLR – das waren die Autos, die seine Kunden aus dem Speckgürtel der Traumfabrik Hollywood begehrten. Heute steht Vinnie the Magic ein Autohaus weiter im Showroom und wirkt wie ein anderer Mensch.

Statt der feudaler Luxusmodelle wacht er jetzt über den Verkauf des Smart. "Ich habe von Horsepower zu Miles-per-Gallon gewechselt", umschreibt er seine neue Rolle und seinen neuen Arbeitsplatz. Hier sind in lichtem Ambiente ein halbes Dutzend Winzlinge aus Europa aufgereiht, und an den Scheiben kleben statt Autogrammkarten bunte Kinderzeichnungen, auf denen der Nachwuchs Smart-Modelle ausgemalt hat.

Vieles hat sich geändert, sagt Mandzak, nur eines sei gleich geblieben: Nach wie vor stünden bei ihm Stars und Sternchen Schlange, und nach wie vor kämpft er mit langen Lieferfristen. Denn der Smart ist zum It-Car avanciert. Insgesamt habe Mercedes in den USA für den Winzling mehr als 63.000 Reservierungen in den Orderbüchern, berichtet Mandzak. Gerade wurde das 20.000 Auto ausgeliefert, in Kalifornien sind bereits 2500 Smart zugelassen. Jedes fünfte Auto bei Mercedes in Beverly Hills ist ein Smart. "Es könnten noch viel mehr sein, wenn die Lieferfristen nicht wären", klagt Mandzak.

Für wichtige Kunden wie Sting, Snoop Dog, die Foo Fighters und all die vielen Schauspieler aus Hollywood kann er mit seinen Verbindungen auch schneller ein Auto beschaffen. "Doch wer heute in den Laden kommt und unterschreibt, muss rund ein Jahr auf den Smart warten." In Hollywood ist das Gift fürs Geschäft. Vielleicht aber ändert sich die Lage. Seit Mercedes-Chef Dieter Zetsche den Smart als neuen Liebling entdeckt hat, geht in Stuttgart bereits die Kunde von einer zweiten Fabrik, die aus Südamerika unter anderem den US-Markt beliefern soll.

Wie lange bleibt der Smart ein Kult-Accessoire?

Doch die Lieferfristen sind nur das eine Problem von Mandzak. Das andere sei das mangelhafte Marketing und die zu laxe Bindung an Mercedes. "Wenn die Marke ihre Absatzzahlen verkündet, wird der Smart gern mitgezählt, um die US-Bilanz zu schönen. Aber Vertrieb und Auftritt sind deutlich getrennt", klagt Mandzak. Er hielte es für richtig, wenn jeder Mercedes-Händler auch den Smart im Angebot hätte. Schon als Sicherheit. Mandzak: "Wer weiß schon, ob es dem Smart geht wie einem angesagten Restaurant in Venice Beach, das heute ausgebucht und morgen gähnend leer ist?"

Bereits jetzt ist es in seinem Verkaufsraum ruhiger geworden. "Als der Benzinpreis noch bei fünf Dollar pro Gallone lag, standen sich die Kunden hier drin gegenseitig auf den Füßen", berichtet Mandzak aus dem Sommer. Heute dagegen sei Sprit wieder billiger und die Unsicherheit größer denn je. "Die letzten acht Jahre mit Cowboy Bush waren ein rauer Ritt. Aber wann und wie es mit Barak Obama besser wird, kann noch keiner absehen."

Die US-Tuner haben den Autozwerg entdeckt

Als typisches Must-have-Accessoire ist der Smart in Beverly Hills nur selten im Serienzustand zu sehen. Vinnie Mandzaks Kunden wollen zwar ein kleines und verbrauchsgünstiges Auto, aber ernsthaft sparen müssen Hollywoodstars natürlich nicht. "Viel wichtiger ist ihnen, dass sie etwas Besonderes fahren und darin auch auffallen", erzählt Mandzak. Das ist gut fürs Geschäft, denn viele Promis takeln einen 15.000-Dollar-Smart gleich für weitere 20.000 bis 30.000 Dollar auf.

Längst hat sich in den USA eine Tuning-Szene entwickelt, die den Smart rundum verdelt. Es gibt Xenonscheinwerfer und Flügeltüren, beim Modelabel ED Hardy wird der Zweisitzer tätowiert, und auch Mandzak mischt mit: Mindestens zehn Autos pro Monat werden in seinem Betrieb zum Einzelstück hochgerüstet. "Wir bieten Body-Kits an, bauen Stereoanlagen für mehrere Tausend Dollar ein, färben die Felgen passend zum Auto und haben Sonderfarben entwickelt", sagt der Verkäufer und zeigt auf den Fortwo in Blassgold-Metallic am Eingang des Showrooms. Noch zu schlicht? "Wie wäre es dann mit Pink, Lila oder Babyblau? Alles kein Problem", sagt Mandzak.

Demnächst soll der Smart einen Temporekord aufstellen

Noch mehr freut ihn, dass pünktlich zur Motorshow in Los Angeles auch der Smart Brabus endlich in den USA auf den Markt kommt. "Allerdings bekommen wir nur den Body-Kit und nicht den Motor", klagt Mandzak. Die Kundschaft, das hält er für ausgemacht, hätte den Smart gern etwas schneller und giftiger.

Vinnie Mandzak muss für so ein Gerät nur runter in die Tiefgarage. Denn den schärfsten Smart Hollywoods fährt der Chefverkäufer selbst: Mit dem grünkarierten, getunten Kraftzwerg, der klingt wie ein Mercedes SLR mit drei Zylindern, eine 6000-Dollar-Musikanlage an Bord hat und einen rotierenden Aufziehschlüssel am Heck, plant Mandzak die Teilnahme an der Tempohatz auf den großen Salzseen. Dort soll sein Smart den Rekord in der Ein-Liter-Klasse brechen. Der wird von einem Subaru Justy gehalten, der 200 km/h erreichte. Mandzak will mit dem Smart schneller sein.



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