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Snack-Test im Auto Nächste Ausfahrt Essen

Wer mit dem Auto in den Urlaub fährt, hat Proviant dabei. Doch wie einfach lassen sich Fast Food und Süßigkeiten während der Fahrt verzehren? Und wie gefährlich ist das? Ein Selbstversuch.

Eine Katastrophe bahnt sich an. Rechts halte ich einen Burger in der Hand, mit der linken das Lenkrad des geliehenen Opel Astra Kombi. Ich beiße, ich blinke, ich bete - und schaffe es sicher auf die linke Spur. Doch der Unfall scheint unausweichlich. Nicht, dass ich einen Crash auf der Autobahn fürchte. Mehr Angst macht mir eine wacklige Tomate. Gleich flutscht sie vom Burger auf meinem schwarzen Faltenrock.

Zwar ist Essen anders als Telefonieren am Steuer vom Gesetzgeber nicht verboten, doch Sven Rademacher, Sprecher des Deutschen Verkehrsicherheitsrats , hält es für fast ebenso gefährlich. "Ablenkung am Steuer wird unterschätzt", sagt Rademacher. "Autofahrer sollten sich bewusst werden über die Gefahren."

Glaubt man den Umfragen, tun das bisher die wenigsten. Nach einer Erhebung des Allianz Zentrums für Technik (AZT) aus dem Jahr 2011 isst oder trinkt die Hälfte aller Fahrer auch beim Lenken. Ob und wie viele Unfälle dadurch verursacht werden, weist bisher keine Statistik aus. Nur etwas allgemeiner: Nach einer Allianz-Studie wird etwa jeder zehnte Verkehrsunfall durch abgelenkte Autofahrer verursacht.

Die Frikadelle folgt der Fliehkraft

Aber nimmt die Konzentration durch das Knabbern von Keksen tatsächlich so stark ab, dass es brenzlig wird? Und gilt das für Gummibärchen gleichermaßen wie für Chips oder Schokolade? Wir probieren es auf der Autobahn Richtung Ostsee aus - mit mehrfachem Sicherheitsabstand zum Vorderwagen. Weder uns noch andere wollen wir durch das Experiment gefährden.

An einer Raststätte kaufe ich ein: Kekse, Eistee, Nüsse, Schokolade, Gummibärchen, Chips, Wasser und Burger mit Pommes. Nicht besonders gesund, dafür typisches Essen für unterwegs. Alles kommt in eine Tüte, die sicher im Fußraum hinter den Fahrersitz verstaut wird. Nur Burger und Pommes liegen auf meinem Schoß, sie sollen zuerst gegessen werden.

Gang rein, rauf auf die Autobahn, das Experiment kann beginnen. Problemlos fingere ich den Burger aus Pappbox und Tüte, beiße zu - lecker ohne Klecker. Doch mit jedem Bissen löst sich der Burger mehr auf. Die Tomate verrutscht, die Frikadelle folgt der Fliehkraft, das Brötchen zerbröselt. Je komplizierter das Essen wird, desto mehr drossele ich das Tempo. Schwimme ich noch mit oder blockiere ich bereits die Bahn? Die Tachonadel zeigt Tempo 95.

Ein Faltenrock mit Flecken

Nächster Versuch. Stilles Wasser, verpackt in einem Getränkekarton mit Drehverschluss. Mit einer Hand lässt sich das Wasser nicht öffnen, deshalb nehme ich den Verschluss zwischen meine Zähne. Mit einem sanften Knacken dreht der Verschluss lose, doch die Verpackung kann das Wasser nicht halten. Ein Schwall landet auf meinem Schoß.

Egal, ob Pommes oder Kekse - fast nichts lässt sich ohne Schweinerei öffnen. Mit Ausnahme einer Packung Nüsse und der Gummibärchen. Zwar habe ich während der Fahrt den Eindruck, alles im Griff zu haben, doch die späteren Filmaufnahmen zeigen, dass mein Blick aufgeregt wandert. Von der Pommes-Tüte auf die Fahrbahn, von der Fahrbahn in den Rückspiegel, vom Rückspiegel auf die Keksverpackung. Dabei sollen doch gerade Frauen in der Lage sein, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen - ohne, dass eine der Tätigkeiten darunter leidet.

Nach einer Studie des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG)  ist das aber Quatsch. Unabhängig vom Geschlecht wird bei zwei Tätigkeiten eine zugunsten der anderen zur Nebensache. Bei mir war es definitiv das Verspeisen meiner Einkäufe.

Die Bilanz des Experiments: ein Faltenrock mit Flecken und die Erkenntnis, dass ich sicher nicht langsamer am Ziel angekommen wäre, wenn ich mir auf dem Rasthof die Zeit für eine Snack-Pause genommen hätte.

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