Spannungsverhältnis Trittin auf Autoschau

Bundesumweltminister Jürgen Trittin hat am Dienstag die IAA in Frankfurt besucht. Der kommissarische Verkehrsminister ohne Führerschein interessierte sich eigentlich nicht für die Publikumsmagneten und nahm nur widerwillig im Mercedes Vision SLR Roadster Platz.


Bundesumweltminister Trittin im fahrbereiten Lupo
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Bundesumweltminister Trittin im fahrbereiten Lupo

Trittins Auftritt bei den Autoherstellern war gleich in mehrfacher Hinsicht brisant. Zum einen ist er als Autofeind verschrieen, der sich aus Überzeugung standhaft weigert, einen Führerschein zu machen, und zum anderen leitet er kommissarisch das Bundesverkehrsministerium, seitdem sich Franz Müntefering nur noch der SPD-Parteiarbeit widmen will. "Ich bin der erste Verkehrsminister ohne Führerschein", sagte der Grüne während seines Messebesuchs. Das hielt ihn aber nicht davon ab, sich probeweise hinter die Lenkräder einiger Autoneuheiten zu setzen.

Auf dem VW-Stand informierte er sich beispielsweise über den Drei-Liter-Lupo und nahm zum Fototermin auf dem Fahrersitz Platz. Der kommissarische Verkehrsminister übersah wohl den aufgesteckten Zündschlüssel, ansonsten hätte er mit Sicherheit die Sitzprobe abgelehnt. Ist es doch zumindest eine Ordnungswidrigkeit, einem Nicht-Führerscheininhaber ein fahrbereites Auto hinzustellen. Andererseits woher sollte er das wissen, wenn er doch nie Fahrstunden hatte.

Trittin informierte sich auf seinem zweistündigen Messerundgang vorrangig über umweltfreundliche Technologien. Er befragte die Aussteller über Wasserstoff- oder Erdgasantrieb und ließ sich die neusten Entwicklungen zum Spritsparen erklären. Doch die Publikumsmagneten der IAA lockten den Umweltminister nicht. Den Formel-1-Wagen von Mika Häkkinen würdigte er keines Blickes. Selbst auf Zuruf stiegt er zunächst in keine Luxuskarosse. Als Trittin sich aber doch überreden ließ, setzte er sich widerwillig hinter das Lenkrad des neuen Vorzeigeautos von Mercedes: des SLR Roadsters. Die Zuschauer dankten es mit Beifall und Johlen. Doch Trittin ergriff nicht mit 320 Stundenkilometern die Flucht, sondern ließ das Spektakel über sich ergehen. Einige Mercedes-Mitarbeiter hatten sogar gewettet, ob der Grüne sich in das Nobelauto setzt. Doch der prominente Gast hat sogleich eine Erklärung parat: "So eine Messe lebt auch von Verrücktheiten, ich habe bewusst bei den Autos begonnen, die für die Zukunft bedeutsamer sein werden als die Bugattis und andere".

Am Ende seines Besuches stellte Trittin fest, dass viele Autohersteller sich mit umweltfreundlichen Technologien beschäftigen - und gerade deshalb verteidigt er eine "vorsichtig kalkulierte Steigerung der Benzinpreise". Denn so könne ein Anreiz zum Kauf eines verbrauchsarmen Autos gegeben werden. Er sei als Umweltminister gekommen, das Verkehrsressort verwalte er nur, stellte er klar. Das Doppelamt an sich sei problematisch: "Wenn ich einen Konflikt zwischen Umwelt- und Verkehrsministerium sehe, kann ich einen stillen Dialog mit mir selbst führen". Und eins habe er in seiner bisherigen Amtszeit gelernt: "Beide Posten eignen sich hervorragend, sich unbeliebt zu machen".



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