SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. Juli 2013, 11:21 Uhr

60 Jahre Matchbox-Autos

Das Winzige muss ins Eckige

Von

Carsten Oettler besitzt 10.000 Fahrzeuge - in Matchbox-Größe. Sein Laden in Berlin ist eine Schatzkammer für Sammler. Einige Exemplare sind so teuer wie echte Neuwagen - vorausgesetzt, die Verpackung stimmt.

Nein, der Laden von Carsten Oettler im Berliner Stadtteil Wilmersdorf ist kein Paradies für Kinder. In dem Geschäft wimmelt es zwar von Spielzeugautos - aber besucht wird es hauptsächlich von Erwachsenen. Denn die Kunden im Cars and Boxes wollen in der Regel nicht ihren Spieltrieb befriedigen, sondern frönen ihrer Sammelleidenschaft, den Matchbox-Autos.

Vor 20 Jahren eröffnete Oettler das Geschäft, inzwischen ist der 45-Jährige eine Instanz in der Welt der Modellauto-Maniacs. Zu seinen Kunden gehören Leute, die es sich auch leisten könnten, echte Autos zu sammeln. Der Südamerika-Chef des Nestlé-Konzerns, ein Mobilfunkmillionär aus der Türkei und ein sammelwütiger Unternehmer aus China: Sie alle bestellen laut Oettler via Internet oder schauen bei Berlin-Besuchen persönlich in dem winzigen Laden im schmucklosen Wohnviertel vorbei.

Der Herr der Sammlerträume begnügt sich mit zwei Modellen

In dem Raum sind die Wände mit Regalen und Vitrinen zugestellt, überall stapeln sich Kisten und Körbe mit Autos. Vor der Mischung aus Schreibtisch, Tresen und Kassentheke passt nicht mal mehr ein Stuhl. Auch die maßgeschneiderten Apothekerschränke im Hinterzimmer bergen die metallenen Kleinodien. "Mehr als 10.000 Matchbox-Autos sind auf Lager", sagt Oettler, der Herr über diese Garage der Sammlerträume.

Die Szene besteht allein in Deutschland aus mehr als tausend Sammlern - und ein paar wenigen Sammlerinnen. "Manche von ihnen sind mit wenigen Dutzend Autos oder einzelnen Jahrgängen zufrieden, andere besitzen Tausende von Fahrzeugen aus mehreren Jahrzehnten", sagt Oettler und schätzt, dass da schnell Werte von mehreren hunderttausend Euro zusammenkommen.

Er selbst hat sich aus dieser Liga längst verabschiedet, er fürchtete nämlich "Suchtgefahr". Bei ihm zu Hause stehen nur noch zwei Matchbox-Autos in der Vitrine: spezielle Umbauten, die er zur Hochzeit geschenkt bekam.

Riesige Summen für winzige Autos

Gerade in diesem Jahr ist das Sammelfieber anderer Matchbox-Fans dagegen besonders hoch: Die Marke feiert ihren 60. Geburtstag. Dank des Jubiläums brummt das Geschäft bei Oettler, ständig klingelt das Telefon, und der Posteingang ist vollgestopft mit E-Mail-Anfragen. Da wird zum Beispiel dringend ein cremefarbener Vauxhall Cresta aus den späten fünfziger Jahren gesucht, ein NASA-Command-Bus aus den Achtzigern oder ein blauer Lotus Europa aus den Siebzigern.

Die exotischen Wünsche vermitteln eine Ahnung davon, wie gewaltig die Auswahl bei den Spielzeugautos ist. Seit Jahrzehnten parkt in fast jedem Kinderzimmer mindestens eines der Miniaturmodelle. Matchbox hatte fast alles im Programm: Die zur jeweiligen Zeit aktuellen Serienmodelle der Autohersteller aus Asien, Europa und Amerika, natürlich besonders spektakuläre Filmfahrzeuge und Phantasiemodelle aus Märchen- oder Weltraumwelten. Außerdem Tuningtypen, dazu Lokomotiven, Hoovercraft-Fähren oder Raketen. Oettler kennt sie fast alle, und viele davon hat er im Sortiment.

Allerdings sprengen die meisten seiner Exemplare das gewöhnliche Taschengeld-Budget. Während die allerersten Matchbox-Modelle 1953 in England für 7,50 Pence verkauft wurden und aktuelle Autos heute kaum mehr als 1,50 Euro kosten, tragen die Typen bei Oettler meist Preisschilder von 20 Euro aufwärts. Mal abgesehen von den leicht lädierten Fahrzeugen in den Grabbelkisten und Wäschekörben. Für die teuersten Sammlerstücke wurden in der Szene dagegen auch schon mal fünfstellige Summen gezahlt.

Bei Matchbox zählt nicht nur der Inhalt

Nachschub für sein Sortiment besorgt sich Oettler aus Nachlässen und bei Insolvenzen von Spielzeugläden. Auf Börsen und Flohmärkten wird er ebenfalls oft fündig, manchmal werden ihm auch Bestände angeboten, die in Speichern und Kellern lagerten.

Stammen die Autos von Sammlern, ist das für Oettler gut - wird dagegen ein altes Kinderzimmer entrümpelt, winkt er meist vorher schon ab. "Sobald die Autos mal in Kinderhand waren, sind sie für die Sammler praktisch wertlos", sagt er. Denn die Minifahrzeuge sind dann oft mit Unfallschäden übersät, und meistens fehlt auch noch ein sehr wichtiger Zusatz: die Originalverpackung. Und ohne die Pappschachtel sind die Modelle nur noch die Hälfte wert.

Dass Matchbox-Sammler so großen Wert auf die Schachteln legen, liegt wohl am Namen und der Entstehungsgeschichte der Modellautos. Denn erfunden hat sie der englische Ingenieur Jack Odell angeblich deshalb, weil er seiner Tochter Anne etwas zum Spielen mit in die Schule geben wollte. Weil die Schulleitung aber nur Spielzeug erlaubte, das in eine Streichholzschachtel (Matchbox) passte, bastelte Odell ein Auto in der passenden Größe.

Auf diesem netten Einfall gründete sich die wohl berühmteste Spielzeugautomarke der Welt. Ein Zufall machte es auch möglich, dass der Arbeitgeber von Odell, der Spielwarenhersteller Lesney, über genügend Geld für die Produktion der Erstauflage von Matchbox-Autos verfügte: 1953 wurde Queen Elizabeth II. nämlich zur Königin von England gekrönt - und Lesney verdiente ordentlich an einem Miniaturmodell der Krönungskutsche.

Ein Geschäft ohne Zukunft

Heute gehört die Marke Matchbox einem großen US-Spielzeugkonzern. Die aktuellen Produktionszahlen werden wie ein Staatsgeheimnis gehütet, doch laut Angaben aus dem Jahr 2007 wurden bis zum damaligen Zeitpunkt insgesamt drei Milliarden der Minimodelle hergestellt. Dagegen verblassen selbst Autogiganten wie VW oder Toyota.

Für die Zeit nach dem Jubiläum erwartet Oettler weiter steigende Umsätze. "Die meisten Sammler fangen das Hobby im Alter zwischen 30 und 40 Jahren an und kaufen die Autos ihrer Kindheit. Deshalb stehen jetzt gerade die Modelle der siebziger und achtziger Jahre hoch im Kurs."

Langfristig sieht er allerdings schwarz für sein Geschäft - denn er hat sehr wohl registriert, dass Autos als Statussymbole mittlerweile ausgedient haben, sowohl richtige Exemplare als solche im Maßstab 1:64. "Wenn die Kinder von heute mal erwachsen sind, werden sie sich wohl kaum für Matchbox-Autos interessieren", sagt er. "Deshalb kann ich meinen Laden in 20 Jahren dichtmachen - oder muss das Sortiment auf die Software der ersten Spielekonsolen umstellen."

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung