Sportwagen Dino Der Ferrari, der keiner sein sollte

Vor 40 Jahren präsentierte Ferrari der Welt einen Sonderling: Der reinrassige Sportwagen Dino hatte seinen Motor in der Mitte und brachte es auf 220 km/h. Doch er durfte nicht den Namen der legendären Autoschmiede von Maranello tragen. Über die Gründe wird bis heute gerätselt.


Maranello - Eigentlich ist die Sache ganz einfach: Wenn ein Autohersteller einen Wagen baut, trägt der natürlich dessen Namen. So hält man es bei Opel, bei Volkswagen und auch bei Ferrari. Fast immer jedenfalls. Denn der italienische Sportwagenbauer hat einmal eine Ausnahme gemacht, über deren Hintergründe die Experten immer noch streiten. In den sechziger Jahren erschien ein Ferrari, der zwar auf den ersten Blick als reinrassiges Sportmobil aus den Werkshallen in Maranello zu identifizieren war. Er wurde aber an keiner Stelle als Ferrari gekennzeichnet. Stattdessen trug der Wagen den Namen Dino.

Der Name war nicht das einzig Ungewöhnliche an dem Auto: Er war Rückschritt, Fortschritt und Wegbereiter in einem. Vorgestellt wurde das, was später als Dino auf die Straßen kommen sollte, erstmals im Jahr 1965 in Form einer Studie. Ein Prototyp Dino 206 GT folgte dann ein Jahr später - also vor genau 40 Jahren. Abgesehen vom Namen gab es noch weitere Besonderheiten an dem Neuling.

Bis zu diesem Zeitpunkt röhrten in einem echten Ferrari durchweg Motoren mit zwölf Zylindern. Der Dino dagegen hatte gerade einmal sechs Zylinder, diese kamen zusammen auf nur zwei Liter Hubraum. Zudem war der Motor weder hinten im Heck noch vorne unter der Haube montiert. Er saß vielmehr mittig, fast direkt hinter den Sitzen. Im Endeffekt stand im Scheinwerferlicht also nichts anders als der erste Sechszylinder Mittelmotor-Sportwagen von Ferrari - und dazu eben noch der erste, der nicht den Namen tragen durfte.

Tiefe Trauer um den Sohn

Hinter der Bezeichnung Dino steht eine ebenso lange wie tragische Geschichte. Firmengründer Enzo Ferrari baute nicht nur Autos, er war auch ein Familienpatriarch. Im Jahr 1932 kam der Sohn Alfredo Ferrari zur Welt, dessen Spitzname bald Dino lautete. Schon in jungen Jahren beschäftigte sich auch der Ferrari-Sohn eifrig mit der Konstruktion von Renn- und Sportwagen. Ihm sollte jedoch nicht viel Zeit bleiben, seine Talente in die Tat umzusetzen. Dino Ferrari litt an Muskelschwund und starb bereits 1956 mit nur 24 Jahren an Nierenversagen. Enzo Ferrari soll über den frühen Tod seines Sohnes so betrübt gewesen sein, dass er über Jahre hinweg eine schwarze Krawatte trug.

Zehn Jahre nach dem Tod des Sohnes stand dann ein Auto mit dem Namen Dino vor der Serienfertigung. Schon früh rankten sich die unterschiedlichsten Geschichten darum. So rümpfte mancher die Nase, weil der Dino auch für eine Zusammenarbeit mit dem Großkonzern Fiat stand. Der Motor war zwar bei Ferrari entwickelt worden und wurde zu einem großen Teil auch dort gebaut. Ein Teil der Arbeit wurde aber von Fiat übernommen. Außerdem baute Fiat das Aggregat in einen eigenen Sportwagen ein - in den Fiat Dino.

Der Dino 206 GT von Ferrari kam 1967 als offizielles Modell auf die Straßen. Wie schon an den Prototypen war an keiner Stelle des Autos ein offizieller Hinweis auf den eigentlichen Hersteller zu erkennen, kein Schriftzug, kein Emblem mit dem springenden Pferd. Abgesehen davon war der Wagen das, was ein "Ferraristi" erwarten konnte: ein reinrassiger Sportwagen. Die Konstruktion mit dem mittig angebrachten Motor machte den Dino ausgesprochen wendig. Die anfangs 180 PS reichten durchaus für eine recht sportliche Fortbewegung - gut 220 Stundenkilometer sollen möglich gewesen sein.

Kein Gepäckraum, aber lautes Dröhnen

Damit verbunden waren aber auch die typischen Nachteile eines Autos mit Mittelmotor. Denn ein Motor wird bekanntlich zum einen recht warm, zum anderen verursacht er einigen Lärm. Wenn er dann noch direkt hinter den Sitzen seiner Arbeit nachgeht, hat nicht nur das Autoradio einige Mühe, sich Gehör zu verschaffen. Zudem gab es im Dino nichts, das die Bezeichnung Gepäckraum wirklich verdiente. Auch die Sicht nach hinten war eher schlecht.

Alles in allem gab es den Dino 206 nur zwei Jahre lang zu kaufen. Das lag allerdings nicht an den erwähnten Nachteilen. Im Jahr 1969 erschien der Nachfolger 246 GT, der sich optisch kaum von dem Vorgänger unterschied. Auch er hatte die typische nach hinten fließend abfallende Dachlinie sowie das so charakteristische Gesicht mit den in die Kotflügel modellierten Scheinwerfern.

Die Unterschiede zwischen den beiden Modellen betrafen in erster Linie zwei Punkte: Der 246 bekam einen um fünf Zentimeter verlängerten Radstand und einen stärkeren Motor. Dieser hatte 2,4 statt bisher 2,0 Liter Hubraum und leistete 195 PS. Die Hubraumaufstockung erklärt auch die Typenbezeichnung - aus 2,4 Litern Hubraum und der Zylinderzahl 6 kombinierte man die 246.

Obwohl sich der 246 gut verkaufte - von 2800 gebauten GT und 1200 GTS ist die Rede - durfte auch er nicht den Namen Ferrari tragen. Über die Gründe ist viel gerätselt worden. Die einen sind überzeugt, dass Enzo Ferrari sich scheute, den "kleinen" Wagen mit dem Namen der echten Ferraris zu schmücken. Daraufhin fragen andere, ob es sinnvoll sei, ein "minderwertiges" Produkt mit dem Namen des geliebten und früh verstorbenen Sohnes zu versehen.

An dieser Stelle kommt eine weitere Theorie ins Spiel: Anders als bei den Straßensportwagen, hatte es bei Rennen bereits Ferrari mit Sechszylindermotor gegeben. Deren Bau ging auf Ideen von Dino zurück, die Autos trugen die Bezeichnung Ferrari Dino. Womöglich wollte Enzo Ferrari seinem Sohn mit dem kleinen Serienmodell also ein Denkmal setzen. Ob es wirklich so war, sagte der "Commendatore" bis zu seinem Tod nicht.

Heiko Haupt, gms



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.