Stadtrad Hamburg im Test Fummeln am Seilschloss

Nirgends wird so viel mit den Leihrädern der Deutschen Bahn gefahren wie in Hamburg. Nun baut die Stadt ihren öffentlichen Pedalverkehr mit einer moderneren Variante aus. Was taugt das neue Stadtrad?

Lena Frommeyer/ SPIEGEL ONLINE

Was für Autofahrer die Parkplatzsuche zum Feierabend, ist für Stadtradnutzer die Rushhour an den Leihstationen: In manchen Gegenden ist einfach nichts zu machen. Im Januar 2019 betraf das sogar ganz Hamburg: Einen Monat lang wurden alle Räder aus dem Verkehr gezogen, damit die komplette Flotte ausgetauscht werden kann. 2600 neue Bikes wurden auf die mehr als 200 Stationen in der Hansestadt verteilt.

Die Räder sind vor allem im Norden beliebt: Stadtrad gehört zur Call-a-Bike-Familie der Deutschen Bahn mit 15.000 Rädern in 70 Städten. Nirgends wird so viel ausgeliehen wie in Hamburg. Die jährlich rund drei Millionen Fahrten erreicht kein anderes System in Deutschland, sagt Susanne Meinecke, Pressesprecherin der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation in Hamburg. Jedes Stadtrad lege im Durchschnitt etwa 10.000 Kilometer im Jahr zurück. Zum Vergleich: Im Durchschnitt fuhr ein Auto 2017 laut Kraftfahrt-Bundesamt 13.257 Kilometer.

Und die Stadt hat große Pläne: Die Flotte soll anwachsen: 4500 Räder, 70 Lasten-Pedelecs und 350 Ausleihstationen sind das Ziel. Geplant sei die Vollabdeckung des Stadtgebiets mit den neuen Rädern. Grund genug, das Nachfolgemodell einmal genau unter die Lupe zu nehmen, bei einer Fahrt von Ost nach Süd. 9,4 Kilometer.

App starten, entriegeln, losfahren

So ein Stadtrad ist kein Renner. Soll es auch nicht sein, sondern möglichst robust und intuitiv zu bedienen. Niedrige Einstiegshöhe, Höhenskala an der Sattelstütze, Ringklingel und Shimano-Nexus-Schaltung mit sieben Gängen machen einen soliden Eindruck. Markanteste Neuerung ist das digitale Bedienfeld am Lenker. Ein Display, eingefasst von analogen Infografiken. Vorher musste man sich runter bis zur Hinterradstrebe beugen, um die Einheit zu erreichen. Sie zeigt an, was zu tun ist: Nummer über die App eingeben, Rad entriegeln, losfahren.

Die Räder sind massiv. Man sitzt aufrecht, wie auf einem Trimm-dich-Gerät. Das alte Modell hat 24,9 Kilogramm auf die Waage gebracht, die neue Generation wiegt laut Deutscher Bahn etwa 23,8 Kilogramm.

Fotostrecke

8  Bilder
Stadtrad Hamburg: Fummeln am Seilschloss

Dabei läuft es flüsterleise, kein Vergleich zur Billigvariante aus Asien, das quengelnd quietschend schon von Weitem zu hören ist. Produziert werden die Stadträder laut Betreiber von einem deutschen Hersteller. Von wem genau, wird aus wettbewerbstechnischen Gründen aber nicht verraten.

Die neuen Modelle haben den charakteristischen Gepäckträger behalten: Die Halbschale aus Metall wird gern auch zum Transport von Mitfahrern genutzt. Erlaubt ist das nicht: Sie ist nur für eine Zuladung von 15 Kilogramm zugelassen, so steht es im Nutzervertrag. Der Lackschutz am Rahmen ist ebenfalls geblieben - an den Stellen, an denen die coolen Kids bergab ihre Füße parken.

Die Bremsgriffe zeigen für kleine Hände etwas zu weit nach unten. Auch könnte die Bremskraft stärker sein - das Rad stoppt zögerlich beim ersten Anziehen. Zieht man die Hebel aber kräftig durch, stoppen die Räder zuverlässig.

Feste Stationen sind Vorgabe der Kommunen

Insgesamt sind die Hamburger Nutzer sehr zufrieden mit den neuen Modellen. Das erfährt man bei Gesprächen an den Leihstationen und über Facebook. Lob gibt es für die neue Position des Displays und die neue Biegung am Kolben des Seilschlosses. Auch rutsche man von den Sätteln nicht mehr so leicht runter und die Höhenmarkierung an der Sattelstütze sei praktisch. Geschimpft wird über das An- und Absperrsystem im Allgemeinen und die von vielen als ewige Fummelei empfundene Verbindung von Speichen- und Seilschloss an den festen Stationen im Besonderen.

Die Deutsche Bahn verweist bei der Kritik auf die Stadt: "In Hamburg und in Stuttgart betreiben wir die Systeme im Auftrag. Die Ausgestaltung, also in diesem Fall mit festen Stationen und mit Seil, ist Teil der Ausschreibung, beziehungsweise eine Vorgabe der Kommune", sagt ein Bahnsprecher.

"Die Freie und Hansestadt Hamburg hat sich bei der Neuausschreibung des Systems aus stadtgestalterischen und ordnungspolitischen Gründen erneut für ein System mit ortsfesten Leihstationen entschieden", sagt Susanne Meinecke, Pressesprecherin der Verkehrsbehörde. Auch sei es wirtschaftlich, die vorhandenen Abstellpoller und Terminals weiter zu benutzen. Insgesamt sei so ein sehr guter Preis erzielt worden, der ermögliche, das Netz weiter auszubauen.

Mit diesem Trick fährt man umsonst

Geschafft: Nach 40 Minuten ist die Teststrecke abgeradelt. Damit hat die Fahrt genau einen Euro gekostet. Neben der Jahresgebühr von fünf Euro, die bei der Erstanmeldung als Fahrtguthaben gutgeschrieben wird, zahlt man zehn Cent pro Leihminute. Die ersten 30 Minuten sind jedoch kostenlos, bei jeder Fahrt.

Das schreit nach einem Test im Test beim Rückweg: fliegender Radwechsel auf etwa der Hälfte des Weges. Funktioniert. Das persönliche Fahrtkonto ist an der Zwischenstation wieder auf null gestellt und damit die Fahrt kostenfrei. Wichtig: Für den Radwechsel unbedingt eine Station ansteuern, an der durchgehend Räder stehen.



insgesamt 32 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ihlk 15.07.2019
1. Ich weiss nicht
ob die Deutsche Bahn und der Kunde so gut fahren mit solch einem schweren und relativ aufwendigen Rad. Jeder Hügel wird hiermit zum schweisstreibenden Aufstieg, und eine 7-Gang Schaltung ist reparaturanfällig. Ein Blick über die Grenze in die Niederlande lohnt heir vielleicht: Deren Räder wiegen mehr als 5 kg weniger, und haben keine Gangschaltung, was durch das deutlich niedrigere Gewicht aber auch nicht nötig ist. Die Räder gehen hierdurch weniger kaputt und sind wartungsärmer. Die niederländische Bahn setzt 20.500 Räder flächendeckend im ganzen Land ein, man kann sie an 300 Stationen 24h lang für € 3,85 leihen und das System kommt auf fast 5 Millionen Fahrten im Jahr.
observerlbg 15.07.2019
2. Bike sharing, ist doch fantastisch!
Bei der hohen Diebstahlrate in den Fahrradhochburgen eine geniale Idee. Die Hemmschwelle Räder zu klauen ist drastisch gesunken, da sind diese Leihräder ein Weg aus dem Irrsinn.
dasfred 15.07.2019
3. Ich mag die festen Stationen
So weiß der Kunde, wo er suchen muss und die Räder werden nicht einfach in der Landschaft abgestellt. Ich selbst nutze diese Leihräder zwar nicht, aber die Nutzer, die ich kenne, sind zufrieden damit. Nach den Berichten über private Verleiher in anderen Städten, wo die Räder überall rumliegen, bin ich doch recht froh über dieses Angebot.
Sibylle1969 15.07.2019
4.
Es ist klar, dass Leihräder robust sein müssen, aber 23 kg sind für ein herkömmliches Fahrrad definitiv zu schwer. In Hamburg ist es ja flach, aber in Städten, in denen es auch Steigungen gibt, ist das zu viel zu viel! Es gibt auch äußerst robuste Fahrräder, die nur 17 kg wiegen, wobei auch das für meinen Geschmack zu viel ist.
bronck 15.07.2019
5. Info fehlt
Eine Information über die Höhe des jährlichen Betrages der aus den Steuereinnahmen durch Hamburg an den Betreiber gezahlt wird fehlt dem Artikel.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.