Elektroauto-Irrsinn Strom für Geländewagen ist oft billiger als für Kleinwagen

Wer sein Elektroauto an öffentlichen Säulen laden will, erlebt mitunter böse Überraschungen - das bestätigt eine Recherche der Stiftung Warentest. Bei den Preisen herrsche Chaos.

DPA

Sich erst mühsam an der Tankstelle registrieren und dann nur halb so viel Treibstoff fürs Geld bekommen wie erhofft: So etwas ist für Fahrer von Diesel- oder Benzinautos unvorstellbar - an öffentlichen Elektroauto-Ladesäulen dagegen Alltag. Das hat eine Recherche der Stiftung Warentest ergeben.

Demnach herrscht bei den Preisen nach wie vor Chaos. Nicht nur, dass Autofahrer je nach Vertrag an ein und derselben Säule völlig unterschiedlichen, zum Teil extrem teuren Tarifen unterliegen - sie wissen zu Beginn des Ladevorgangs oft auch nicht einmal, wie viel sie die Kilowattstunde Strom am Ende kostet.

Damit setzt sich das jahrelange Ladewirrwar, über das der SPIEGEL immer wieder berichtet hat, offenbar fort. Das Aufkommen leistungsstarker Schnelllader hat die Lage zumindest teilweise eher noch verkompliziert.

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"Wer auf öffentliche Ladestationen angewiesen ist, braucht gute Nerven", zitiert die Stiftung Gregor Kolbe vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Vor allem zeitbasierte Modelle hätten ihre Tücken. Bei solchen Angeboten zahlen Fahrer nicht pro Kilowattstunde, sondern beispielsweise pro Minute Ladezeit.

In einem solchen Tarif, aber auch bei Pauschalpreisen pro Ladevorgang, wissen Kunden der Stiftung zufolge oft nicht, wie viel Strom sie bekommen - und somit, was sie das Stromtanken am Ende kostet. Denn das hängt nicht nur davon ab, wieviel die Säule leistet, sondern auch von der Leistung des im Auto eingebauten Bordladers. Deren Leistung variiert in einzelnen Modellen oft zwischen 3,7 und 11 Kilowatt. Vor allem große, schwere Autos haben oft stärkere Bordlader.

"Steht ein Kleinwagen an einer Säule, die pro Minute abrechnet, zieht er in derselben Zeit weniger Strom als ein großer Geländewagen", schlussfolgert die Stiftung Warentest. Auch Wetter und Standort beeinflussten demnach die Ladeleistung. Der Fahrer hat darauf keinen Einfluss und tappt oft im Dunkeln.

Doch der Preis bleibt an den öffentlichen Ladesäulen häufig nicht nur unklar, er ist mitunter auch sehr hoch: An Säulen, die nach Strommenge abrechnen, können bis zu 54,5 Cent pro Kilowattstunde fällig werden. Haushaltsstrom kostet im Schnitt etwa 30 Cent. Als Grund für den Preisunterschied nennt die Stiftung Warentest die teure Installation und den Betrieb der Ladesäulen.

Das Chaos komplett macht die Zahl unterschiedlicher Abrechnungsmodelle. Einige Beispiele:

  • Bei einigen Stadtwerken kostet ein Ladevorgang pauschal 7 Euro.
  • Ein Tarif von ChargeNow kostet 9,50 Euro im Monat, das normale Laden mit Wechselstrom kostet tagsüber 4 Cent pro Kilowattstunde, nachts 2.
  • Innogy verlangt eine Grundgebühr von 4,95 Euro im Monat und 30 Cent pro Kilowattstunde.
  • Für 35 Euro monatlich gibt es dagegen bei den Stadtwerken Düsseldorf unbegrenztes Normalladen.
  • Die Stadtwerke Frankfurt (Oder) verlangen zusätzlich zu 5 Euro monatlicher Grundgebühr 32 Cent pro Kilowattstunde sowie zusätzlich 2 Cent pro Minute.
  • Bei Supermärkten kann man oft gratis laden, einige Parkhäuser in Osnabrück verlangen fürs Laden dagegen 3 Euro pro Stunde, Parken inklusive.

Besserung innerhalb des nächsten Jahres

Ein Ausweg aus dem Tarifdschungel ist laut Stiftung Warentest jedoch in Sicht, in Form geeichter Zähler, die exakt nach Kilowattstunden abrechnen. Diese sind allerdings noch nicht für alle Ladesäulen verfügbar. "Bis endlich alle Säulen geeichte Zähler haben, kann es durchaus noch ein Jahr dauern", sagt Verbraucherschützer Kolbe.

Wann E-Autofahrer sich nicht mehr bei mehreren Anbietern registrieren müssen, um unterwegs auch wirklich Strom zu bekommen, bleibt allerdings weiterhin unklar. So verlangt die Ladesäulenverordnung zwar , dass jeder E-Autofahrer die Säulen ohne Registrierung nutzen kann - allerdings nur bei Geräten, die seit dem 14. Dezember 2017 in Betrieb sind.

ene



insgesamt 188 Beiträge
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Seite 1
Stäffelesrutscher 18.06.2019
1.
Lassen Sie mich raten: Der Vorschlag, nur Ladesäulen zu genehmigen, die alle Systeme bedienen können und an denen man nicht übers Ohr gehauen wird, ist damals sicher von Regierung und Industrie als "Gängelung" und "Behinderung des freien Wettbewerbs" diffamiert worden.
michbo 18.06.2019
2. So weit, so gut
Der Beitrag beschreibt die misslichen Symptome zutreffend, belässt es dabei aber auch. Interessant wäre es gewesen, etwas dazu zu sagen, warum es diese unterschiedlichen, nicht an die abgegebene Strommenge anknüpfenden Abrechnungsmodelle gibt. Dies begründet sich nämlich darin, dass der aktuelle Rechtsrahmen nach Auffassung der zuständigen BNetzA eine abgabebezogene Abrechnung nicht zulässt....
derjuergie 18.06.2019
3. Mit unserem
Bürokratismus und Lobbyismus schaffen wir es wieder einmal jegliche Innovation und Lust am Neuen im Keim zu ersticken. Siehe E-Roller.
ddcoe 18.06.2019
4. Das Deutsche Elend
Ich erkenne an dieser Situation klar - weder die Verkehrskasper aus der CSU, noch Merkel für die CDU hatten jemals ein ernsthaftes Interesse daran, das EAutos wirklich angenommen werden. Es wäre ein Leichtes gewesen das herrschende Chaos an den Ladestationen einheitlich zu regeln. Aber man hat ja lieber um das Treckerchen geweint.
nach-mir-die-springflut 18.06.2019
5.
Im Verbrenner und Elektroautos herzustellen, muss man Parität herstellen in Sachen Energiepreis. Ein Liter Elektrolysebenzin soll 27 kWh brauchen in der Herstellung.
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