Stolpes Erleuchtung Ab Samstag Scheinwerfer einschalten

Auf deutschen Straßen soll ab 1. Oktober auch am Tag das Abblendlicht eingeschaltet werden. Lichtmuffel werden jedoch nicht mit Bußgeld zur Verantwortung gezogen - zunächst ist die Maßnahme freiwillig und ein inniger Wunsch von Bundesverkehrsminister Stolpe.


Berlin - Die dunkle Jahreszeit wird in diesem Jahr von Millionen zusätzlicher Lichter erhellt werden - wenn es nach dem Willen von Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) geht. Er hat vor zwei Wochen empfohlen, dass die deutschen Autofahrer aus freien Stücken ab Oktober, also ab Samstag aus Sicherheitsgründen tagsüber das Abblendlicht einschalten. Sein Appell, am 14. September kurz vor der Wahl öffentlich ausgesprochen, ist umstritten, und auch in der Öffentlichkeit wird er nicht mehr groß wahrgenommen.

Abblendlicht am Tag: In vielen EU-Ländern schon Pflicht
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Abblendlicht am Tag: In vielen EU-Ländern schon Pflicht

"Mit der Einführung des Tagfahrlichts können durch eine einfache Aktion Menschenleben gerettet werden", erklärte Stolpe. "Am Tag ist ein Auto mit Licht schneller zu erkennen als eines ohne Licht." Er berief sich auf Untersuchungen, unter anderem von der Bundesanstalt für Straßenwesen, denen zufolge die Sicherheit im Straßenverkehr mit einer solchen Regelung erhöht würde. Fachleuten zufolge werden 50 Prozent aller Unfälle an Kreuzungen tagsüber durch das nicht rechtzeitige Erkennen anderer Verkehrsteilnehmer verursacht.

Licht frisst 0,25 Liter Sprit pro 100 Kilometer

In zahlreichen EU-Ländern ist das Fahren mit Licht tagsüber bereits Pflicht. Das bekannteste Beispiel ist Schweden, wo es wegen der besonderen nordischen Verhältnisse unmittelbar einleuchtet. Aber auch etwa in Italien muss außerorts mit Licht gefahren werden. In Frankreich soll die Regelung von Oktober bis März versuchsweise eingeführt werden. Für Stolpe steht außer Frage, dass eine EU-weite Regelung in Kürze kommen wird. Seine Initiative zielt darauf ab, dies vorwegzunehmen.

Lichtmuffel werden ab Samstag gleichwohl nicht mit Ordnungs- oder Bußgeld zur Verantwortung gezogen. Fährt er mit Licht, genießt er größere Sicherheit im Straßenverkehr. Bestraft wird er doch, nämlich an der Zapfsäule. Eine herkömmliche Lichtanlage aus Stand- und Abblendlicht, Rückleuchten und Nummernschildbeleuchtung frisst etwa 180 Watt, was sich nach Angaben von Fachleuten in Mehrverbrauch von etwa 0,25 Liter Sprit pro 100 Kilometer bemerkbar macht. Abhilfe kann ein "Tagfahrlicht" schaffen. Es besteht aus zwei Halogenscheinwerfern. Diese Lösung ist etwa in Kanada, wo auch das ständige Fahren mit Licht propagiert wird, bereits weit verbreitet. Die Lampen sind stärker als das Standlicht, aber schwächer als das Abblendlicht und reduzieren den Zusatzverbrauch nach Angaben eines Audi-Sprechers auf unter 0,1 Liter. Audi zum Beispiel bietet sie in "nahezu allen" Modellen an.

Motorradfahrer werden schwerer erkennbar

Die Hightech-Lösung, die sich das Verkehrsministerium wünscht, aber sind zwei LED-Strahler vorne, die nur einen Bruchteil der herkömmlichen 45-Watt-Scheinwerfer verbrauchen und deren Nutzung keinen messbaren Mehrverbrauch verursacht. Sie gibt es bislang nur in absoluten Luxusmodellen. Hinten leuchtet bei diesen Lösungen nichts, und das ist nach Angaben des Verkehrsministeriums von den EU-Bestimmungen auch gedeckt. Kombiniert mit den Regen- und Lichtsensoren, die als Zubehör gerade ihren "Abstieg" in die automobile Mittelklasse antreten, bedeutet das: Beim Anlassen des Wagens schaltet sich das Tagfahrlicht ein, bei Dunkelheit, bei der Fahrt in Tunnel, Regen, Nebel, Schnee oder Parkhaus wird es automatisch vom vollständigen Abblendlicht abgelöst.

Automobilclubs stehen den von Stolpe angeregten Maßnahmen und den erwarteten EU-Regelungen skeptisch gegenüber. Sie führen unter anderem an, dass sich wegen der schlechteren Erkennbarkeit von Motorradfahrern deren Sicherheitsrisiko erhöhe. Im Verkehrsministerium ist das Problem bekannt, und es wird daran gearbeitet, den Zweiradnutzern eine "differenzierte Wahrnehmung" zu verschaffen, etwa zusätzliche gelbe Leuchten.

Dass Stolpes Initiative gerade zum 1. Oktober greifen soll, hat also möglicherweise mehrere Gründe: einerseits Herbst und Winter zu nutzen, wenn zum Beispiel Pendler ohnehin morgens und abends mit Licht fahren. Andererseits sind in diesen Monaten weniger Motorradfahrer unterwegs. Ob die Befolgung seiner Anregung messbare Erfolge zeitigt, ist dennoch zweifelhaft: Eine begleitende Untersuchung wurde nach Ministeriumsangaben nicht in Auftrag gegeben.

Von Thomas Rietig, AP



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