Straßenverkehr O du schöner Schilderwald

Wolfgang Tiefensee will den Blick der Autofahrer wieder auf das Wesentliche lenken. Deshalb plant der Verkehrsminister, zahlreiche Schilder im Straßenverkehr abzuschaffen. Experten sehen darin eine Gefahr für die Sicherheit - zudem würde eine ganz eigene Ästhetik verschwinden.

Berlin - Grundsätzlich stoßen die Pläne Wolfgang Tiefsees auf ein positives Echo. Verkehrspolitiker und Autoclubs halten die Idee für richtig, die Zahl der Verkehrsschilder zu verringern. Aber bitte schön nicht so.

Insgesamt sollen 22 Warnschilder aus der Straßenverkehrsordnung gestrichen werden. Darunter das Warnschild vor Eis- und Schneeglätte, der Warnhinweis vor Splitt oder Schotter sowie das Hinweisschild auf Flugbetrieb. Und das bewerten Experten als falsch: Gerade diese Schilder seien wichtig, erklären etwa Automobilclubs.

So kritisierte der ADAC die Auswahl, die Tiefensee abschaffen will, als zu willkürlich. Auch der Automobilclub von Deutschland (AvD) ist damit nicht einverstanden. Das dreieckige Warnschild vor Flugbetrieb habe in der Nähe von Flughäfen seine Berechtigung, um Autofahrer vor plötzlich auftauchenden Flugzeugen vorzeitig zu warnen. Das dreieckige Warnschild vor Splitt und Schotter sei insbesondere für Motorradfahrer nicht zu unterschätzen. Dieses Schild würde der ADAC ebenfalls gern erhalten sehen. Auch aus der FDP gibt es Kritik an der Auswahl. Der Verkehrsexperte der Partei im Bundestag, Patrick Döring, sagte der "Bild"-Zeitung: "Minister Tiefensee setzt an der falschen Stelle an. Sicherheitsrelevante Schilder wie 'Glätte' und 'Steinschlag' müssen erhalten bleiben."

Bei der CSU stößt Tiefensees Vorschlag ebenfalls auf Kritik. "Ich bin sehr dafür, den Schilderwald zu reduzieren. Das darf aber nicht auf Kosten der Verkehrssicherheit gehen", sagte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann dem "Münchner Merkur". Auch er halte Gefahrenhinweise für unverzichtbar. "Bayern wird daher einer ersatzlosen Streichung dieser Verkehrsschilder auf keinen Fall zustimmen", sagte Herrmann.

Trotz der unterschiedlichen Einschätzungen im Detail loben die Automobilclubs grundsätzlich Tiefensees Pläne. "Er ist der erste Minister, der sich damit beschäftigt", sagte ADAC-Experte Thomas Hessling. Mit 600 Zeichen in der Straßenverkehrsordnung stehe Deutschland weltweit an der Spitze. Die Millionen Verkehrsschilder auf deutschen Straßen seien Ausdruck einer unvergleichlichen "Regelungswut". Zeichen mit gastronomischen Hinweisen etwa hätten sich überlebt und seien durchaus verzichtbar - wenn auch vor allem mit ihnen eine ganz eigene Ästhetik im Straßenverkehr verschwindet. "Wir haben in Versuchen festgestellt, dass mindestens ein Drittel dieser Schilder überflüssig ist", sagte Hessling. Zudem koste das Aufstellen eines Verkehrsschildes rund 300 Euro.

Auch der AvD sieht einen "guten Anfang". "Wir haben in Deutschland einen komplizierten Schilderwald", sagte AvD-Sprecher Dirk Eickmeyer. Studien hätten immer wieder gezeigt, dass Autofahrer gar nicht in der Lage seien, alles wahrzunehmen. Die Abschaffung von Schildern müsse allerdings noch weiter gehen.

Neue Schilder für Pferdekutschen und Reiter

Tiefensee erklärte seine Initiative am Freitag: "Ich möchte den Schilderwald lichten", sagte der Minister. "Weniger ist oft mehr." Veraltete Zeichen ohne Nutzen "sollen weg. Aus meiner Sicht sind viele Verkehrsschilder überflüssig."

Allerdings hat er auch Ideen für neue Schilder. Dazu gehört wegen der steigenden Zahl von Pferdekutschen als Touristenattraktion in Großstädten das Sinnbild Gespannfuhrwerke. Auch soll dem Minister zufolge ein spezielles Gefahrzeichen auf Reiter hinweisen. Zudem sollen die Ausfahrtschilder, die man von Autobahnen kennt, auch an Kraftfahrstraßen oder autobahnähnlich ausgebauten Straßen aufgestellt werden können.

Einer Sprecherin Tiefensees zufolge sind die Pläne in gemeinsamen Arbeitsgruppen mit den Ländern erarbeitet worden. Die Vorschläge seien derzeit in der Anhörung und Stellungnahmen der Länder lägen vor. Jetzt werde geschaut, welche Zeichen gestrichen und welche erhalten werden.

In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion begründe das Ministerium die Abschaffung der Verkehrszeichen mit dem Hinweis, sie seien entbehrlich oder irreführend. So vermittele das Steinschlagschild, das vor Steinen auf der Fahrbahn warnen soll, den falschen Eindruck, als wenn mit Steinen "von oben" zu rechnen sei.

Die Fahrlehrerverbände bezeichneten die Streichliste als sinnvoll. Es gebe ein allgemeines Verkehrszeichen für Gefahrenstellen. Deshalb seien Schilder, die einen Bahnübergang ankündigten oder vor Steinschlag warnten, nicht extra notwendig.

ler/dpa/ddp/AFP/AP

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