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21. Oktober 2014, 19:27 Uhr

Porsche-Designer Erwin Komenda

Streit um eine Ikone

Aus Stuttgart berichtet

Erwin Komenda ist der Designer des ersten Serien-Porsches: Er entwarf die Karosserie des Modells 356. Dieses Verdienst wird von dem Konzern jedoch kaum gewürdigt, behauptet jetzt seine Enkelin.

Können Autos Kunst sein? Bei den Porsche-Modellen 356 und vor allem beim 911 ist das wohl der Fall. Design-Ikonen sind es zweifelsohne. Um die Frage, wie viel Anteil der ehemalige Porsche-Chefkonstrukteur Erwin Komenda an diesen beiden Sportwagen hatte, ist es am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Stuttgart gegangen. Geladen hatte Iris Steineck, die Enkelin Komendas. Zwischen ihr und dem Autobauer Porsche gibt es eine Menge Ärger.

Erwin Komenda hat von 1931 bis zu seinem Tod 1966 bei Porsche als Chefkonstrukteur gearbeitet. Er sei, sagt Steineck, der geistige Urheber der "Porsche-DNA", der "künstlerischen Evolutionslinie", die über die Modelle 356 und 911 bis zum VW Käfer das gesamte Design der Zuffenhausener präge, so die Wiener Ärztin.

Und dieser maßgebliche Beitrag sei bisher nicht gewürdigt worden. Weder finanziell, noch ideell, findet Steineck.

"Es werde Licht"

Zur Untermauerung ihrer These lächelt bei der Pressekonferenz am Dienstag in einem Stuttgarter Hotel nun eine Abbildung von Leonardo da Vincis Mona Lisa von der Leinwand. Die Botschaft soll heißen: Da Vinci kennt jeder, aber wer kennt den Auftraggeber des Meisterwerks? Der Auftraggeber, das ist bei diesem Gleichnis Porsche, der Künstler, das ist Komenda. Die Power-Point-Präsentation beendet Steineck mit einem Spruch aus der Genesis. "Fiat lux", "Es werde Licht". Kleiner geht es offenbar nicht.

Gleich mehrere Stufen darunter siedelt man bei Porsche den Fall an. Das Unternehmen verwahrt den Arbeitsvertrag Komendas im Archiv, sagt Firmensprecher Achim Schneider gegenüber SPIEGEL ONLINE. Aus ihm gehe hervor, dass alle finanziellen Ansprüche der Komenda-Seite mit dessen Gehalt abgegolten seien. "Frau Steineck vermischt alle möglichen Dinge." Möglicherwiese werden die Gerichte prüfen, wer Recht hat.

Mehrfach betonte Steineck in Stuttgart, dass sie auf eine gütliche Einigung hoffe. Weitere Nachfragen sind ihr sichtlich unangenehm. Sie gehe von einem "sehr hohen Streitwert aus", lässt sie irgendwann wissen. Im neunstelligen Bereich? Schulterzucken.

Dabei sind die beiden Parteien in manchen Punkten sogar nah beieinander. Dass Komenda den 356 designt habe, bestreitet man in Zuffenhausen nicht. Der 911 sei hingegen nicht in seinem Verantwortungsbereich entstanden - was wiederum die Enkelin nicht dementiert. Sie argumentiert anders: Ohne die Vorarbeiten ihres Großvaters hätte es den 911 nie in dieser Form gegeben. "Das ist ein Entwicklungskontinuum", sagt Steineck. Auch hier widerspricht der Porsche-Sprecher nicht: Es stehe außer Frage, dass das Design des 911 eine Fortsetzung des Porsche 356 sei. "Es sollte eine bewusste Familienähnlichkeit zwischen dem 911 und seinem Vorgänger bestehen", sagt Schneider. Trotzdem beruhe die endgültige Form des 911 auf dem Entwurf aus der Feder eines Dynastie-Sprösslings: Ferdinand Alexander Porsche.

Dass Steineck außerdem von "Urheberrechtsverletzungen" spricht, will Schneider nicht gelten lassen: Das ließe sich mit den Vereinbarungen in Komendas Arbeitsvertrag widerlegen.

Rauswurf vor 13 Jahren

Ginge es allein um den Arbeitsvertrag, hätte Frau Steineck wohl schlechte Karten. Sie versucht auf der Pressekonferenz deshalb immer wieder, dem Streit eine andere Dimension zu geben: "Kunst ist Kulturgut", sagt sie. Und: "Die Öffentlichkeit hat das Recht, den Namen des Schöpfers zu erfahren." Ein pathetischer Satz, der eigentlich gar nicht zu der Frau mit der leisen Stimme passt.

Ihre Wut rührt offenbar noch von einem Erlebnis her, das sich vor 13 Jahren abspielte. Damals, 2001, ging Iris Steineck zum ersten Mal mit ihrer Mutter durchs Porsche-Museum. Die ältere Dame sei schwer getroffen gewesen, dass sie kaum auf Spuren ihres Vaters gestoßen sei. Als Iris Steineck dann um Zugang zu den Porsche-Archiven bat, weil sie eine Biografie über ihren Großvater plante, sei sie abgewiesen worden.

"Leute, die damals dabei waren, berichten, dass sich Frau Steineck unmöglich aufgeführt hat", erklärt Porsche-Sprecher Schneider. "Wir unterstützen jeden Tag Menschen, die zu Porsche forschen, bei ihrer Arbeit." Ilse Steineck hat das anders empfunden. "Schäbig" und "arrogant" habe sich der Konzern damals präsentiert, sagt Steineck. "Und auch jetzt verschanzen sie sich hinter Paragrafen."

Warum sie erst jetzt, 13 Jahre danach, an die Öffentlichkeit geht, kann sie aber nicht schlüssig erklären: "Der Vulkan hat all die Jahre gebrodelt."

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