Superbillig-Auto Nano Genf im Tata-Taumel

Der eigentliche Star der Show kam aus Mumbai: Auf dem Genfer Salon präsentierte der indische Konzern Tata Motors eine Luxus-Version seines Discount-Autos Nano. In Europa wird es den Billigheimer zunächst nicht geben – andere Modelle aus Mumbai hingegen schon.


Eine Pressemappe ist normalerweise kein Grund, handgreiflich zu werden – vor allem wenn ihr Nachrichtenwert bescheiden ist. Am Tata-Stand wurde dennoch gerangelt, geschubst und gerissen. Wie der Rest der Automobilwelt befindet sich auch Genf im Tata-Taumel. Seit Firmenchef Ratan Tata im Januar auf der Delhi Motor Show den 1700 Euro teuren Nano enthüllte, gerät jeder seiner Auftritte zum medialen Großereignis.

Am Dienstag nutzte der Manager den Genfer Salon, um der europäischen Öffentlichkeit sein gesamtes Fahrzeugportfolio schmackhaft zu machen. Im Mittelpunkt stand auch diesmal der Nano, der als billigstes Auto der Welt die indischen Massen mobilisieren soll. In der Schweiz war erstmals die "Luxusversion" des Wägelchens zu sehen. Auch die teurere Variante sieht aus wie ein fahrender Altglascontainer, besitzt aber beispielsweise eine Klimaanlage.

Einen Preis für den Edel-Nano nannte das Unternehmen zunächst nicht. Doch selbst, wenn das Auto doppelt viel kostete wie die Basisversion, wäre es nur halb so teuer wie der Discountwagen Dacia Logan. "Wir hoffen, dass die Highend-Version des Nano eines Tages auch in Europa erhältlich sein wird", sagte Ratan Tata.

Bis dahin setzt Tata in Europa auf seine umfangreiche Flotte aus Geländegängern und Mittelklasseautos. Die neue Version des Kompaktwagens Indica werde in Italien, Spanien und demnächst auch der Türkei verkauft, sagte Kommunikationsschef Debaris Ray SPIEGEL ONLINE. Theoretisch sei das Fahrzeug auch für Deutschland oder Frankreich geeignet, "doch vermutlich macht es mehr Sinn, erst die Märkte in Europa zu konsolidieren, wo wir schon sind".

Nano, Range Rover, DBS

Schon in Kürze dürfte Tata dank eines prominenten Zukaufs ohnehin in fast allen europäischen Ländern vertreten sein. Die Inder verhandeln derzeit mit dem US-Konzern Ford und werden wohl demnächst dessen Premiummarken Land Rover und Jaguar übernehmen. Ray wollte auf Nachfrage keinen Termin für den Verkauf nennen. "Stolpersteine gibt es jedoch keine mehr", sagte er.

Hintergrund: Tata Nano
Technische Daten
AFP
Der Nano wird mit einem 33 PS starken 623-Kubikzentimeter-Zweizylindermotor angetrieben, der im Heck untergebracht ist. Die dreitürige Basisversion ist 3,10 Meter lang, 1,50 Meter breit und 1,60 Meter hoch. In Europa soll der Wagen ein Dreizylinder-Aggregat erhalten.
Preis
Mit rund 1700 Euro kostet der Nano die Hälfte des bislang weltweit billigsten Modells. Der QQ3 des chinesischen Herstellers Chery wird bei den Autohändlern in der Volksrepublik für rund 3400 Euro angeboten. Der Nano soll im März 2009 in den Verkaufsräumen der indischen Händler stehen. Experten erwarten, dass der Viersitzer weltweit in vielen Schwellenländern Käufer finden wird. In Europa wird es das Fahrzeug vermutlich ab 2012 geben - für rund 5000 Euro.
Sicherheit
Der Nano hat eine Metallkarosserie und serienmäßig Sicherheitsvorkehrungen wie Knautschzone, verstärkte Türen und Sicherheitsgurte. Er erfüllt nach Herstellerangaben die indischen Sicherheitsstandards. Die Europa-Version erhält Airbags und ein NCAP-Crashtest-Rating.
Umweltschutz
Durch die Verarbeitung von Kunststoffen ist das Auto leicht und verbraucht weniger als vier Liter Benzin auf 100 Kilometer. Das entspräche CO2-Emissionen von 94,8 g/km. Umweltschützer befürchten aber, dass durch hohe Verkaufszahlen der sparsame Verbrauch relativiert wird. Dem Chef des Weltklimarats, Rajendra Pachauri, bereitet der Kleinwagen nach eigenen Worten "Alpträume".

Auf ein Europa-Startdatum für den Nano will sich Tata weiterhin nicht festlegen. Ferdinand Dudenhöffer vom Center of Automotive Research an der Fachhochschule Gelsenkirchen geht davon aus, dass es die Inder zunächst ohnehin eher auf China sowie auf Südamerika abgesehen haben. "Da fahren die Leute noch in alten Käfern rum, dort passt der Nano."

Billigautos europäischer Hersteller gab es in Genf nicht zu sehen. Zwar wollen Volkswagen oder Opel entsprechende Fahrzeuge entwickeln, aber bis zu deren Marktreife wird es vermutlich noch einige Jahre dauern. Dudenhöffer glaubt, dass die westlichen Autohersteller nicht radikal genug denken. "Die wollen ein Auto für 8000 Euro bauen. Das ist viel zu viel, die verwechseln Euro mit Dollar." Der Nano sei die grösste Brancheninnovation seit 15 Jahren.

Bei einer geschätzten Entwicklungszeit von drei Jahren dürften VW und Konsorten frühestens auf dem Genfer Salon 2011 oder 2012 einen Konkurrenten zum Nano präsentieren. Zu etwa diesem Datum wird Tata nach Einschätzung von Analysten bereits den Nano 2 auf den Markt bringen.



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