SUV-Boom Hochrädrig durch den Großstadtdschungel
Berlin/Wien - Seit die SUVs die Straßen Deutschlands erobern, stellt sich die Frage nach dem Warum. Zumal die Offroad-Tauglichkeit offenbar gar nicht mal im Vordergrund steht: Nach Ansicht von Experten wollen die meisten Besitzer der teuren "Sports Utility Vehicles" (SUV) mit ihren Ungetümen nicht mehr als die nächste Bordsteinkante erklimmen.
"Die Kaufgründe sind sehr vielschichtig, aber es hat sicher etwas mit Beherrschung zu tun. Der Mann sagt beispielsweise, ich beherrsche das Auto völlig, es macht alles, was ich will", erklärt der Mobilitätsforscher Michael Praschl aus Wien. Bei Frauen gehe es um Sicherheit: "SUVs sind inzwischen bei Frauen sehr beliebt. Man sitzt hoch und die Autos sind besser geschützt. Das Auto ist dann ein Kompromiss zwischen den Bedürfnissen der Frau und denen des Mannes."
Während die meisten Werbespots die Klettereigenschaften der Fahrzeuge betonen, geht der japanische Hersteller Subaru einen anderen Weg: Kinderspielzeuge statt Hobby-Jäger zieren die doppelseitige Farbanzeigen für den neuen Forester: "Erzählen Sie Ihrer Frau, er wäre der perfekte Familienwagen... Aber waschen Sie ihn lieber vorher", heißt es unter dem Bild des schlammbefleckten Allradlers.
Laut Praschl heimsen so genannte Edel-SUVs wie die M-Klasse von Mercedes-Benz, der BMW X5, der VW Touareg, der Porsche Cayenne oder auch der Volvo XC 90 inzwischen mehr Bewunderung ein als Sportwagen. Laut Jochen Frey, Pressesprecher bei BMW in München, suchen viele Kunden eine Art "Mum's Taxi": "Das Auto soll praktisch sein und diese Anforderungen erfüllen, aber eben nicht so bieder aussehen."
Die wachsende Begeisterung für das gut gepolsterte Offroad-Vergnügen lässt sich auch mit Zahlen belegen. Im SUV/Geländewagen-Segment wurden nach Auskunft des Kraftfahrt-Bundesamtes in Flensburg im Jahr 2002 insgesamt 125.714 solcher Fahrzeuge zugelassen - ein Zuwachs von fast 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Laut einer Studie des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA) in Nürtingen wurde der Anstieg bei den Geländewagen nahezu ausschließlich von Fahrzeugen wie dem BMW X5 und der Mercedes M-Klasse getragen. Klassische Offroader spielen demnach nur eine untergeordnete Rolle.
Gegen die benzinfressenden Geländewagen hat sich in den USA aber bereits Widerstand formiert. Umweltschützer machen dort mobil gegen die wuchtigen Fahrzeuge vom Typ des Hummer H2 aus dem General Motors-Konzern - ein ziviler Ableger des Militärfahrzeugs "Humvee", das im Golfkrieg um Kuweit Berühmtheit erlangte. Für viele sind diese Autos das Sinnbild einer verschwenderischen Gesellschaft. "Die martialischen Geländewagen in den USA sind Teil einer amerikanischen Entwicklung. Das ist ein Sonderweg," stellt Weert Canzler vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) fest. "Die Autos für den deutschen Markt sind 'Soft-SUVs', eher abgerüstet."
"Aber so ein Auto zu fahren ist trotzdem ein Versuch, sich abzugrenzen und stärker zu sein. Die Umweltsensibilität der Siebziger und Achtziger ist längst weg, aber mit so einem Auto durch die Wälder zu fahren, daran denkt keiner", so Canzler weiter. Für Praschl stellen die SUVs aus sozialer Sicht eine bemerkenswerte Entwicklung dar. "Wir kommen etwas weg von der Schnelligkeit und davon, dass ein Auto möglichst schnell zu fahren hat."
Trotz der Bemühungen der Werbeprofis, dem SUV-Fahrer ein raues Profil anzudichten, ist es klar, dass nur die wenigsten Besitzer dieser Autos gezielt die Staubpisten ansteuern. Für viele Käufer steht wohl die Lebensfreude im Vordergrund: "Welcher intelligente Mensch geht mit solchen Schätzen ins Gelände" fragte unlängst ein Leser der Zeitschrift "Auto, Motor und Sport" und ergänzte: "Ist es denn so schwer, sich vorzustellen, dass es Autos gibt, die einen einmaligen Genussfaktor haben: Die zum Reisen statt Rasen geradezu einladen?"
Von Martin Bensley, gms