Tacho der Zukunft Willkommen im Mäusekino

Sie sind schillernd bunt wie ein Computerspiel oder klassisch-edel wie eine mechanische Uhr. Doch egal in welchen Design: Die Instrumente eines Autos müssen vor allem Informationen vermitteln. Diese Funktion scheint bei manchen Studien in Vergessenheit geraten zu sein.


Der Blick hinter das Lenkrad von Showcars und Designstudien dürfte manchen Autofahrer befremden. "Wie soll ich mich da noch zurechtfinden", wird er sich angesichts holographischer Skalen in Kristallwürfeln, ineinander verschachtelter Linsen in bizarren Plastikgebilden oder bunter Lauflichter auf raumgreifenden Monitoren fragen.

Was sich die Designer für den Genfer Autosalon einfallen lassen, hat mit der einfachen und schnellen Übermittlung von Informationen oft nur wenig zu tun. Statt den Blick des Fahrers nur möglichst kurz von der Straße abzulenken, wird er bei vielen dieser Lösungen regelrecht festgesaugt - sodass es vor der nächsten Kurve eng werden könnte.

Jedoch: Die Autos mit den Hightech-Showarmaturen werden ohnehin nie eine Straße sehen. Die Tacho-Kreationen in den Studien sollen die Aufmerksamkeit der Messebesucher auf sich ziehen, dann haben sie ihren Zweck erfüllt. Die meisten Konzeptautos haben inzwischen ein perfekt durchgestyltes und entwickeltes Innenleben.

"Anders wären sie wenig glaubwürdig", sagt Frank Leopold, der für Opel den Meriva Concept in Auftrag gegeben hat. "Erst wenn jedes Detail stimmt, nimmt man so einem Fahrzeug seine Mission ab", sagt der Entwickler, der deshalb selbst Türdichtungen, Pressfalze und Gummilippen einbauen lässt.

Während der Tacho-Entwurf des Meriva Concept allerdings bodenständig bleibt, weil der Wagen schon ziemlich nahe am späteren Serienmodell ist, lassen andere ihrer Phantasie hinter dem Lenkrad freien Lauf. Pininfarina zum Beispiel rückt die Instrumente in der Studie Sintesi weit in die erleuchtete Mittelkonsole, die ein wenig an das neue Fußballstadion in München erinnert.

Beim Saab 9-X BioHybrid wirken die fünf Monitore des digitalen Cockpits, als hätte man eine blaue Flüssigkeit ins ewige Eis gegossen. Und für den Rinspeed sQuba haben die auf Bootsinstrumente spezialisierten Experten der Continental-Marke VDO ein wasserdichtes Cockpit entwickelt, das wie der Kopf von E.T. aus der Mittelkonsole ragt und auch unter Wasser gut abzulesen sein soll.

Für den Tacho gilt nur eines: schnelle Information

Mögen die Designer ihrem Spieltrieb bei solchen Studien freien Lauf lassen, im Alltag gibt es eine eiserne Regel, sagt Continental-Sprecher Enno Pflug. "Auch der Tacho der Zukunft wird vor allem eines sein - schnell ablesbar." Allerdings werde er in Abhängigkeit von der Fahrsituation sehr unterschiedlich in Erscheinung treten: "Wenn alles in Ordnung ist, bleibt der Tacho ein Tacho. Wenn jedoch eine Gefahr droht, werden großflächige Displayeinblendungen die analoge Tachoanzeige einfach überblenden." Schon im Stand zu erkennen, wie schnell ein Auto fahren kann, wird bei solchen Systemen allerdings immer schwieriger. Denn immer mehr Fahrzeuge bekämen ein sogenanntes Black Panel, sagt Pflug. Ist der Motor aus, bleibt der Tacho einfach nur schwarz und wird erst beim Starten des Wagens zum Leben erweckt.

Während der Fahrt allerdings muss der Fahrer künftig immer seltener auf den Geschwindigkeitsmesser schauen. "Denn wenn rund um das Auto viel passiert, muss man jeden Blick weg von der Straße vermeiden", sagt Pflug. Die Lösung sind sogenannte Head-Up-Displays, die alle wichtigen Informationen direkt auf die Frontscheibe vor dem Fahrer projizieren. Sie werden billiger und können so auch in kleineren Fahrzeugen eingebaut werden, stellt Pflug in Aussicht.

"Damit bleiben Geschwindigkeit und Navigationshinweise auch im dichtesten Verkehrsgetümmel immer direkt sichtbar." Für die Designer beginnt dann eine dröge Zeit. Denn den Blick auf ihre kunstvoll gestalteten Instrumente kann sich der Fahrer dann immer öfter sparen. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum sie bei den Showcars noch einmal so richtig aufdrehen.



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