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20. November 2016, 09:28 Uhr

Tricks bei Gebrauchtwagen

Niedersachsen kämpft gegen Tacho-Schwindel

Tacho-Manipulationen sind längst Volkssport - mit einem Schaden von rund sechs Milliarden Euro pro Jahr. Niedersachsens Landesregierung will mit einem Car-Pass gegen den Schwindel ankämpfen und macht auf Bundesebene Druck.

Der Käufer jedes dritten Gebrauchtwagens wird betrogen - durch einen manipulierten Kilometerstand auf dem Tacho. Niedersachsens rot-grüne Landesregierung will gegen die Tacho-Trickser ankämpfen und plant dafür einen sogenannten Car-Pass. Ein entsprechender Antrag der Regierungsfraktionen von SPD und Grünen steht am Dienstag im Landtag zur abschließenden Beratung an. Der Car-Pass ist eine Art Lebenslaufakte, in der Fahrzeughistorie und aktueller Kilometerstand bei jeder Hauptuntersuchung und Reparatur eines Wagens fortgeschrieben werden.

Wird der Antrag gebilligt, muss sich die Landesregierung für eine solche Lösung gegen den Tacho-Schwindel bei Gebrauchtwagen auf Bundesebene einsetzen. "Volkswirtschaftlich geht der Schaden in die Milliarden, für jeden Käufer eines Gebrauchtwagens ist es ein herber Verlust, wenn er ein Fahrzeug kauft und einen zu hohen Preis bezahlt, weil er Opfer von Tacho-Schwindel geworden ist", sagte der SPD-Landtagsabgeordnete Alexander Saipa. Auf Landesebene sollten die Ermittlungsarbeit und Strafverfolgung in Fällen von Tacho-Betrug verstärkt werden.

Ein Unterausschuss des Landtags sucht seit Anfang des Jahres nach Wegen, um Tacho-Manipulationen zu bekämpfen. Neben der verbindlichen Anmeldung aller neuen Personenwagen in einer Datenbank sollen gemäß dem Antrag die Autohersteller dazu verpflichtet werden, ihre Fahrzeuge besser gegen Tacho-Manipulationen zu schützen. Die Logik: Je mehr Aufwand Kriminelle zur Überwindung technischer Hürden betreiben müssten, desto unrentabler werde ihr Geschäft.

Mit elektronischen Hilfsmitteln gelingt die Manipulation des Tacho-Standes recht einfach - eine Entlarvung des Betrugs dagegen ist schwierig. Mit dem Ziel eines überhöhten Kaufpreises soll den Käufern ein geringeres Alter der Fahrzeuge vorgegaukelt werden.

Autohersteller schützen ihre Modelle unzureichend gegen Tacho-Tricksereien. Dabei wäre der Kampf gegen Tacho-Trickser weder teuer noch aussichtslos: Die Autohersteller und Zulieferer müssten nur aktuelle Sicherheitstechnik einsetzen, hatte der Automobilclub ADAC bereits vor Längerem gefordert. Einige von diesen Technologien seien schon heute in den Steuergeräten der Fahrzeuge integriert, aber nicht aktiviert. Pro Auto bedeute ein besserer Schutz Mehrkosten von etwa einem Euro.

In Bayern ging kürzlich ein Ermittlungsverfahren gegen 90 Beschuldigte aus dem Großraum München wegen Tacho-Schwindels zu Ende - darunter viele Gebrauchtwagenhändler. Die Zurückschaltung der Tachos erfordert nach Ansicht der Behörden "massive Eingriffe" in die Elektronik der Fahrzeuge, womit erhebliche Gefahren verbunden seien. Mit einer Veränderung der Speicher-Chips könnten etwa sicherheitsrelevante Daten vernichtet werden - Ausfälle des Antiblockiersystems oder der elektronischen Stabilitätskontrolle könnten die Folge sein.

kig/dpa

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