Technik erklärt Verschlissene Stoßdämpfer bedeuten Lebensgefahr

Sie gehören zu den am meisten unterschätzten Bauteilen im Auto: Die Stoßdämpfer. Weniger routinierte Fahrer können praktisch nicht feststellen, wann die Verschleißgrenze erreicht wird. Dabei wird es im Ernstfall genauso gefährlich als wenn die Bremsen kaputt wären.

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Berlin/Bonn - Unter den jugendlichen Schnellfahrern in Bonn gilt die S-Kurven-Auffahrt als Meisterprüfung. Der Verteilerkreis am Nordrand des Städtchens bildet den Ausgangspunkt. Von dort aus geht eine Rechtskurve auf die 555 nach Köln, 100 Meter weiter folgt der Abzweig in Richtung Nordbrücke wieder rechts. Nach einem Linksschwung macht die Auffahrt zur A 565 wieder einen Bogen nach rechts, um dann auf die Autobahn Richtung Siegburg zu führen.

Die mehrfachen Richtungswechsel erfordern hohe Konzentration, vor allem, wenn man wie die rheinischen Schnellfahrer konsequent auf dem Gas bleibt. Eine fast unsichtbare Bodenwelle trennt schließlich diejenigen, die ihre Autos regelmäßig warten, von denen, die meinen, sich das sparen zu können: Mit ausgeleierten Stoßdämpfern zirkeln die dann regelmäßig in den Graben.

Die Polizei kennt die Stelle - und kontrolliert dort regelmäßig die Geschwindigkeit. "Das ist zu deren eigenen Besten", sagt ein Polizeimeister, der gerade eine Falle hinter dem Verteiler justiert.

Doch auch unterhalb des Tempolimits bleibt die Stelle tückisch - zumindest für Autos mit verschlissenen Dämpfern. Eine regelmäßige Prüfung ist daher geboten, speziell nach einem Winter der massenhaft Schlaglöcher auf den Straßen hinterlassen hat. Diese nämlich setzen den Dämpfern ähnlich intensiv zu, wie Spurrillen und lange Bodenwellen. Und weil der Verschleiß ein schleichender Prozess ist, fällt der gefährliche Zustand praktisch nicht auf.

Hüpfen wie ein Gummiball

Den zumeist hydraulischen Stoßdämpfer kommt die Aufgabe zu, die Räder möglichst ununterbrochen am Boden zu halten, während die Federn dafür sorgen, dass der Stoß durch die Verwerfung der Fahrbahn von den Passagieren ferngehalten wird. Ohne die Hydraulik aber würde das Rad schon nach einer kleinen Bodenwelle zu hüpfen beginnen wie ein Gummiball - und könnte dann keine Kräfte mehr auf die Straße übertragen. Das Fahrzeug wäre nicht mehr lenkbar oder würde mit dem Heck ausbrechen. Auch Sicherheitssysteme wie ABS und ESP funktionieren dann nicht mehr richtig.

Experten vom TÜV schätzen, dass rund zehn Prozent aller Autofahrer mit defekten Dämpfern unterwegs sind. Dabei wird es bereits kritisch, wenn ihre Wirkung allmählich nachzulassen beginnt - ein Zustand der noch schwieriger mit Eigenmitteln zu überprüfen ist, als der Zustand der Bremsbeläge. Ein Druck auf den Kotflügel, wie er von "Fachleuten" gern empfohlen wird, liefert nicht den geringsten Hinweis darauf, ob ein Wechsel fällig ist. Selbst regelrecht verschlissene Dämpfe fallen bei einer solchen Prüfung nicht auf.

Wie unbekümmert manche mit dem Thema umgehen, lässt sich gut in den entsprechenden Foren im Internet nachlesen. Dort heißt es zum Beispiel: "Alle meine Autos sind bis zum Schluss mit den ersten Stoßdämpfern gefahren und die waren immer noch top in Ordnung":

  • Golf III 1.9 TDI: 4 Jahre und 235.000 km

  • Bora 1.9 TDI: 6 Jahre und 492.018 km

  • Jetta V 2.0 TDI: bis jetzt 3,5 Jahre und 251.200 km

Experten legen sich, was die Haltbarkeit von Stoßdämpfern betrifft, nicht gerne fest. Ab 80.000 Kilometern empfehlen sie aber unisono eine Prüfung auf einem Teststand. Die findet man in Werkstätten, bei Prüfstellen oder bei Automobilclubs.

Auch die Montage sollte man lieber dem Fachmann überlassen. Zum einen ist Spezialwerkzeug erforderlich, zum anderen sollte man einige Tricks und Schliche beachten, wenn man sich anschließend die Achsvermessung ersparen will. Der Weg zur Markenwerkstatt ist allerdings unnötig. Freie, die ihr Handwerk beherrschen, kommen mit jedem Fahrwerk zurecht.



insgesamt 35 Beiträge
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Oberleerer 04.02.2011
1. Koni
Koni wirbt mit "lebenslanger" Garantie. Was meinen die damit? Verschleißen die Koni-Dämpfer nicht?
picard95, 04.02.2011
2. Titelmania
Bei meinem Passat waren nach einem Umzug mit anscheinend zuvielen Fahrten mit Übergewicht die hinteren Stossdämpfer kaputt, die Federn gebrochen und die Hinterachsbuchsen am Ende. Wer das nicht merkt am Fahrverhalten sollte nicht Auto fahren. Ich habe sofort einen Termin in einer Werkstatt (Bosch Service) gemacht und die haben mir allen ernstes erzählt, dass ich der erste wär der auch die Hinterachsbuchsen neu haben möchte. Nach der Reparatur hatte ich ein anderes Auto vom Fahrverhalten her. Ich kann es wirklich nur jedem empfehlen, einmal im Jahr seine Stossdämpfer überprüfen zu lassen. Das Fahrverhalten verschlechtert sich normalerweise schleichend und unbewusst passt man sich dem schlechteren Fahrverhalten des Autos an und bemerkt es gar nicht. Leider sind die Strassen in Deutschland inzwischen so kaputt, dass man es auch als interessierter Laie nicht mehr mitbekommt ob es an den Stossdämpfern oder an der Strasse liegt; deshalb lieber zu einer vertrauensvollen Werkstatt gehen, die nicht auf Umsatz aus sind.
Permafrost 04.02.2011
3. kt
ADAC Mitglieder können ihre Karre kostenlos überprüfen lassen, in einer der hunderten Vertragswerkstättten. Es genügt die reguläre Mitgliedschaft, nicht die "Gold" für den Sicherheitscheck. Ich bekam sogar das Prüfprotokoll der Stossies. konnte ich nicht interpretieren. Prüfer sagte nur "die sind i.O.", Auch auf meine Nachfrage "ja wieviel Km denn noch" konnte er nicht antworten.
topas 04.02.2011
4. Titel fällt aus
Gut, dann muss bei mir der TÜV und die Werkstatt blind gewesen sein. Letzter TÜV bei 270.000km, letzte Serviceheft-gemäße Durchsicht bei 300.000km. Beides problemlos bestanden - mit originalen Stoßdämpfern, die bei der Produktion des Autos eingebaut wurden. Ach ja - war ein kleiner Japaner, ein Honda Jazz. Natürlich sollte man seinen Stoßdämpfern das nur zumuten, wenn man sie regelmäßig prüfen lässt. Wer das Auto auf Verschleiß fährt muss sich nicht wundern, sein Auto Durch Kaltverformung im Straßengraben verliert.
micwil 04.02.2011
5. TÜv?
Zitat von sysopSie gehören zu den am meisten unterschätzten Bauteilen im Auto: Die Stoßdämpfer. Weniger routinierte Fahrer können praktisch nicht feststellen, wann die Verschleißgrenze erreicht wird. Dabei wird es im Ernstfall genauso gefährlich als wenn die Bremsen kaputt wären. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,743013,00.html
Ich vermisse in diesem Artikel ein paar Worte zur Rolle des "TÜV" in diesem Zusammenhang...
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