Technologieträger von Land Rover Baukasten für eine sparsame Zukunft

Geländewagen gelten vielen als Spritschlucker, die mit Vollgas in die Sackgasse fahren. Bis auf wenige Ausnahmen mag das ja stimmen. Doch nun stemmt sich Land Rover gegen das Vorurteil vom süffigen SUV und präsentiert in Genf den Allrad-Baukasten für mehr Sparsamkeit.


Richard Parry Jones hat ein Problem. Denn der oberste Entwicklungschef der Ford Motor Company steckt bei der Produktplanung von Land Rover in einer Zwickmühle. "Auf der einen Seite bewegen sich unsere Autos vor allem in der Natur und werden von naturverbundenen Menschen gefahren. Und auf der anderen Seite wirft man den Geländewagen vor, dass sie eben jene Natur zerstören, in der Stadt nichts zu suchen haben und überhaupt die schlimmsten Klimakiller auf den Straßen sind", klagt der Ingenieur.

Weil er diese Diskussion leid ist, nicht ständig argumentieren möchte, dass auch ein Urlaub in Indien, ein großer Kühlschrank oder ein Wäschetrockner unvernünftig sind, und sich Land Rover natürlich den Themen Verbrauch und Emissionen nicht verschließen kann und will, gehen die Briten jetzt in die Offensive.

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Land Rover Land_e: Allrad-Baukasten

Auf dem Genfer Salon präsentiert Land Rover unter dem Namen "Land_e" einen Baukasten voller Zukunftstechnologien, mit denen ein Geländewagen wie der Freelander rund 30 Prozent sparsamer werden würde. "Dieses Konzept soll vor allem zeigen, dass wir den Klimawandel nicht ignorieren, uns aber einen Land Rover davon trotzdem nicht verwässern lassen", sagt Parry Jones.

Wichtigstes Klötzchen in diesem Baukasten ist ein Hybridpaket, das einen Dieselmotor mit einem zusätzlichen Elektroantrieb an der Hinterachse kombiniert. "Zwar ist ein Hybrid nichts Neues und auch bei Ford im US-Geländewagen Escape bereits etabliert", sagt Parry Jones ein. Doch die bislang existierenden Lösungen waren Land Rover nicht gut genug, weil sie die Offroad-Eigenschaften schmälerten.

"Es darf nicht sein, dass man mit einem Land Rover irgendwo stecken bleibt, wenn es extrem wird, nur weil der Elektromotor zu wenig Drehmoment liefert", sagt der Entwickler mit einem kleinen Seitenhieb auf die Kollegen von Lexus. "Für uns kam deshalb nur ein System in Frage, das die Fahrt im Gelände nicht beeinträchtigt, sondern sie im Idealfall sogar verbessert."

Genau das haben die Briten jetzt mit "Land-e" gefunden. "Anders als bei bisherigen Lösungen können wir die Hinterachse mit dem Diesel- und dem Elektromotor gleichzeitig antreiben und damit zum Beispiel beim Anfahren 40 Prozent mehr Drehmoment auf die Straße oder eben in den Sand bringen," schwärmt Parry Jones. Und mit 30 kW sei der Elektromotor auch stark genug, um einen Geländewagen ohne Dieselunterstützung mit ordentlichem Tempo durch die Stadt zu bringen.

Parallel zur elektrisch angetriebenen Hinterachse entwickeln die Briten ein System, das sie "Seamless Re-connect" nennen und das unnötige Reibungsverluste im Antriebsstrang abbauen soll. Dafür wird die Hinterachse immer dann vom Motor abgeklemmt, wenn kein Allradantrieb benötigt wird. "Zwar gibt es viele Geländewagen, die ihre Motorkraft auf befestigten Straßen auf Knopfdruck oder automatisch nur an eine Achse abgeben. Doch die Kardanwelle läuft dort immer mit", erläutert der oberste Ford-Entwickler.

In seinem Baukasten dagegen stehe die Verbindung zwischen Motor und Hinterachse definitiv still und spare damit wirklich Sprit. "Sobald mehr Traktion benötigt wird, schließt sich der Link automatisch wieder." Dabei hilft dem System der Elektromotor im Heck, der die Kardanwelle vorher auf Touren bringt und den Kraftschluss so harmonisiert.

Neben Hybrid und entkoppelter Hinterachse zählen zum Baukasten für eine sparsame Zukunft auch ein integrierter Startergenerator und eine Start-Stopp-Automatik, die den Motor an der roten Ampel abschaltet. Außerdem sparen eine elektrische Servolenkung, ein neues Temperaturmanagement für den Motor und ein Öko-Modus im Terrain Response System weitere Energie.

"Damit zeigen wir eine Reihe Optionen auf, mit denen wir den Verbrauch nachhaltig senken können", sagt Parry Jones und schränkt gleich ein, dass natürlich nicht unbedingt alle Technologien in ein und demselben Fahrzeug zum Einsatz kommen werden. "Der Zeitplan steht noch nicht endgültig fest", sagt er. Aber zumindest die Reihenfolge. So wird es dem Vernehmen nach den Startergenerator schon sehr bald, vermutlich im neuen Freelander oder im renovierten Defender geben, während der Hybridantrieb laut Parry Jones "sicher noch ein paar Jahre von der Serienreife entfernt ist".

Und auch die Art des Verbrennungsmotors ist noch offen. Parry Jones: "Weil wir viele unserer Autos in die USA verkaufen, werden wir beim Thema Hybrid wohl nicht um einen Benziner herumkommen. In Europa allerdings setzen wir dabei ganz klar auf den Diesel."



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