Michail Hengstenberg

Tempolimit auf Autobahnen Liebe macht blind

Wenn es um ein mögliches Tempolimit geht, pochen viele Deutsche mit vollkommen irrationalen Argumenten auf das Recht zum Rasen. Die Wahrheit ist: Es gibt keine guten Gründe gegen ein Tempolimit - und die Debatte darum erinnert leider stark an den Streit um schärfere Waffengesetze in den USA.
A71 in Sachsen-Anhalt: Gegen ein Tempolimit gibt es keine rationalen Argumente

A71 in Sachsen-Anhalt: Gegen ein Tempolimit gibt es keine rationalen Argumente

Foto: Jens Schlueter/ DPA

Immer wenn in den USA ein Mensch zur Waffe greift und wahllos unschuldige Mitmenschen tötet, wundern sich die Deutschen. Und echauffieren sich über den vollkommen irrationalen Umgang der Amerikaner mit ihren Schießeisen, dieser seltsamen Liebe, die nicht zu rechtfertigen ist. Wir schütteln den Kopf über die schlichten Argumente, mit denen Waffenbefürworter für ihr Recht kämpfen. So wie jenes, dass nicht die Waffen töten, sondern die Menschen, die abdrücken.

Und ja, diese Argumente sind bizarr, und man kann darüber zu Recht den Kopf schütteln. Nur: Wir Deutschen sollten nicht allzu laut lachen. Denn auch wir pflegen eine unverbrüchliche, höchst irrationale Liebe: zur unbegrenzten Beschleunigung auf deutschen Autobahnen. Und wir verteidigen sie mit genauso schlichten Argumenten, wie sich nach der Forderung von Sigmar Gabriel nach einem Tempolimit aktuell wieder zeigt.

Bundesverkehrminister Peter Ramsauer beispielsweise lehnt ein Tempolimit kategorisch mit der Begründung ab, dass deutlich mehr Menschen auf der Landstraße sterben als auf der Autobahn. Und ja, das stimmt natürlich, weil dort die Leitplanken fehlen und man bei einem Unfall mit großer Wahrscheinlichkeit in einem entgegenkommenden Auto oder am Baum landet.

Aber das ist Argumentieren auf dem Niveau der US-Waffenlobby. Sicher, es gibt zahlreiche Zahlen, mit denen sich halbseiden gegen ein Tempolimit argumentieren lässt. Die Anzahl der Verkehrstoten ist auf Autobahnabschnitten ohne Tempolimit um 28 Prozent höher als auf Strecken, auf denen nicht gerast werden darf. Selbst wenn der Unterschied lediglich ein Prozent betrüge, dann wären das immer noch genug tödliche Unfälle, die man mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit verhindern könnte.

Die Freaks sind wir

Das Festhalten am Recht zum Rasen ist auch deshalb so unverständlich, weil es keine echten Argumente gegen ein Tempolimit gibt. Der Verweis auf Zeitersparnis durch schnelleres Fahren zieht in der Realität nur in den seltensten Fällen. Meistens verhindert die Auslastung der Autobahnen ohnehin, dass man auf Abschnitten ohne Beschränkung entscheidend zügiger vorankommt.

Stattdessen wird beim Versuch, schneller voranzukommen, und beim ständigen Beschleunigen mit teilweise deutlich überhöhter Geschwindigkeit auf voranfahrende Auffahren und anschließendes Abbremsen unfassbar viel Energie nutzlos verschleudert. Allein wegen des verringerten Schadstoffausstoßes wäre es die Pflicht der Politik, ein Tempolimit einzuführen, statt es zu verhindern.

Zumal, das sei an dieser Stelle auch ins Bewusstsein gerückt, Deutschland damit nicht ein freakiger Vorreiter wäre. Im europäischen Ausland und auch sonst auf der Welt gibt es überall Tempolimits. Und wer einmal auf amerikanischen Highways unterwegs war, wo es zwar ein Tempolimit gibt, dafür aber kein Verbot, rechts zu überholen, kann ermessen, wie viel angenehmer das Reisen unter diesen Umständen ist.

Kein ständiges Abbremsen und Beschleunigen, selbst permanente Mittelspurfahrer sind kein Problem, auch der Stress entfällt, beim Überholen Ziel eines Hochgeschwindigkeitsgeschosses auf der linken Spur zu werden. Es ist ein gleichmäßiger, entspannter Verkehrsfluss.

Vor allem würde ein Tempolimit auch einen entscheidenden Einfluss auf die Produktpolitik der Autohersteller haben. Denn solange es noch irgendwo auf der Welt ein Land gibt, in dem man theoretisch so schnell fahren kann, wie man will, sieht sich die Autoindustrie offensichtlich verpflichtet, dieses Versprechen auch zu erfüllen. Wenn aber nirgends mehr Tempo 200, 250, 300 gefahren werden dürfte, würden ganz andere Motoren entstehen, die ganz anders abgestimmt sind und deutlich weniger verbrauchen.

Seltsamer Ruf nach Freiheit

Dabei geht es nicht darum, die Spaßbremse zu geben. Wer mag und es für wichtig hält, kann sich ja weiterhin Autos kaufen, die theoretisch 300 fahren - auch wenn er sie dann nicht mehr auf deutschen Autobahnen ausreizen kann. Aber in den für den Klimaschutz entscheidenden Fahrzeugklassen mit großem Absatzvolumen, hätte das gewiss Einfluss. Heute muss jede noch so schlichte Familienkutsche mindestens 180 fahren und bekommt einen entsprechend großen und starken Motor installiert. Das wäre dann passé.

De facto würde sich selbst bei einem Tempolimit von 120 die reale Reisegeschwindigkeit der meisten Menschen irgendwo zwischen 140 und 150 einpendeln, weil sich kaum jemand strikt an Tempolimits hält. 140 ist eine absolut ausreichende, komfortable Reisegeschwindigkeit.

Dass wir ihn absehbarer Zeit so entspannt dahinrollen, ist eher unwahrscheinlich. Zwar gibt es inzwischen zum Thema Tempolimit ein deutlich differenzierteres Meinungsbild als noch vor wenigen Jahren. Das Auto verliert als Statussymbol an Bedeutung, viele Menschen zeigen sich deswegen inzwischen gegenüber rationalen Argumenten offen.

Doch die Zahl der Unbeirrbaren ist immer noch groß, die Debatte hochgradig emotionalisiert. Viele Menschen fühlen sich offensichtlich bedroht, das zeigt der immer wiederkehrende Ruf nach der Freiheit (zum Rasen), die nicht eingeschränkt werden dürfe. Aber kommt uns dieser argumentative Gummiknüppel nicht irgendwie bekannt vor? Stimmt, aus der US-Waffendebatte.