Reaktionen auf deutsche Tesla-Fabrik "Nimmt mehr Fahrt auf als bei 100 Kanzlergipfeln"

Tesla-Chef Elon Musk will in Windeseile eine Fabrik in Deutschland aus dem Boden stampfen - und seine Autos künftig auch hierzulande produzieren. Ein typischer Musk-Husarenstreich? Experten begrüßen den Schritt.

Tesla-Chef Elon Musk will eine Autofabrik in Deutschland errichten
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Tesla-Chef Elon Musk will eine Autofabrik in Deutschland errichten


Der Elektroautohersteller Tesla wird seine europäische Autofabrik im Umland von Berlin bauen. Das kündigte Tesla-Chef Elon Musk gestern Abend bei einer Preisverleihung in Berlin an. An dem deutschen Standort solle zunächst das künftige Kompakt-SUV Model Y sowie auch Batterien und Antriebe gebaut werden. Die Reaktionen aus der Autobranche sind gemischt.

Die Ansiedlung der Fabrik in Deutschland hat symbolische Kraft. Tesla wagt sich ins Heimatland der deutschen Hersteller, die sich seit Jahren schon als Premium-Anbieter verklären. Tesla kämpft um die gleiche Klientel - so kommt das Model 3 als direkter Gegenspieler von BMWs 3er-Reihe daher.

"Es ist ein deutliches Signal, das Elon Musk da aussendet", sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM). Tesla scheue den Vergleich mit den etablierten Herstellern nicht, so der Experte. "Tesla ist damit der erste ausländische Hersteller seit langer Zeit, der in Deutschland produzieren will", so Bratzel.

Zwar sehen BMW, VW und Mercedes Tesla längst als ernst zu nehmenden Konkurrenten. Dennoch erhöht sich mit der Ankündigung von Musk der Druck für die deutschen Autokonzerne weiter. "Bald haben sie Tesla direkt vor der Haustür", sagt Bratzel. "Das tut den deutschen Herstellern gut, weil es die Anspannung weiter erhöht." Tesla wirbele die Rangordnung der hiesigen Autobauer damit durcheinander. Bratzel meint, dass Teslas Image von einer deutschen Fabrik profitieren und dadurch weitere Käufer anlocken könnte. Dramatische Änderungen seien aber dennoch nicht zu erwarten "Viele Deutsche werden auch weiterhin lieber bei den einheimischen Herstellern kaufen."

Mehr Strahlkraft als 100 Kanzlergipfel

Einen Impuls für die E-Mobilität im Allgemeinen sieht auch Ferdinand Dudenhöffer: "Für den Autostandort Deutschland ist Musk Ankündigung eine gute Nachricht", sagt der Autoexperte der Universität Duisburg-Essen. "Mit der Entscheidung von Elon Musk für Deutschland werden wir gestärkt, und die Elektromobilität nimmt mehr Fahrt auf als bei 100 Kanzlergipfeln in Berlin." Zugleich zweifelte Dudenhöffer an, ob die Produktion bereits 2021 beginnen könne - Musk müsse mit den Finanzen haushalten, und China habe für ihn Vorrang.

Fragt man bei den deutschen Hersteller nach, fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. Während BMW und Mercedes Teslas Ankündigung nicht kommentieren wollen, nimmt man die Nachricht bei Volkswagen sehr positiv auf. In Wolfsburg fühle man sich bestätigt, was die eigene Elektroauto-Strategie anbelangt. Je mehr und je schneller die E-Mobilität vorangetrieben würde, desto besser - auch von Konkurrenten, heißt es aus Unternehmenskreisen von VW.

Bei der Preisverleihung, auf der Musk seinen Plan verkündete, gratulierte VW-Chef Herbert Diess dem Tesla-Chef persönlich zum Erfolg seines Unternehmens und bedankte sich für dessen Pionierarbeit. "Tesla ist sehr wichtig für uns, weil Elon demonstriert, dass es funktioniert", sagte Diess mit Blick auf Teslas Erfolge.

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Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sagt, die Entscheidung, eine "hochmoderne Fabrik für Elektroautos" in Deutschland zu errichten, sei ein "weiterer Beweis für die Attraktivität des Automobilstandorts Deutschland." Die Ankündigung sei zugleich auch ein "Meilenstein beim Ausbau von Elektromobilität und Batteriekompetenz", so Altmaier.

Weichenstellung in Sachen Elektromobilität

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke nannte die Entscheidung eine "hervorragende Nachricht für unser Land". "Wir haben uns dafür seit Längerem in intensiven Gesprächen und mit guten Argumenten eingesetzt", erklärte der SPD-Politiker.

Der Grünenfraktionsvorsitzende Anton Hofreiter sagt, die Ankündigung sei ein "guter Impuls" für die Modernisierung der deutsche Autoindustrie. "Jetzt muss die Bundesregierung die Weichen für die Elektromobilität stellen, beispielsweise mit einer Kaufprämie, die von den Käufern überdimensionierter Spritschlucker bezahlt wird, und einer Offensive für private Ladestellen", so Hofreiter.

Experte Dudenhöffer meint, die Bundesregierung müsse bei der Förderung der Batterieproduktion nun aber umdenken. Es sei zu überlegen, welchen Sinn die eine Milliarde Euro noch habe, die Wirtschaftsminister Altmaier in eine deutsche Lithium-Ionen-Fabrikation stecken wolle. Auch die geplante Batterieforschungsfabrik in Nordrhein-Westfalen mit 200 Millionen Euro Landesmitteln sei nun zu hinterfragen, so Dudenhöffer.

Kleiner Seitenhieb vom VDA

Der scheidende Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA) Bernhard Mattes sagte, in der Ankündigung von Musk zeigte sich die Bedeutung Deutschlands für den Hochlauf der Elektromobilität in Europa. Gleichzeitig kann sich Mattes einen Seitenhieb nicht verkneifen: "Sollten die Pläne in einigen Jahren umgesetzt werden, bedeutet dies einen weiteren Schub für die Elektromobilität", so der VDA-Präsident. Musk hatte die Fertigstellung des Werks bei Berlin schon für 2021 angekündigt, also quasi übermorgen. Diesen Zeitplan scheint man aber beim VDA anzuzweifeln. Zudem betonte der VDA in seinem Statement zur Tesla-Offensive die Bemühungen der deutschen Hersteller in Sachen Elektromobilität.

Gegenwind für Tesla sehen allerdings auch andere Branchenkenner kommen. Der Aufbau eines solchen Werks brächte nicht nur Arbeitsplätze, sondern sorge auch dafür, Know-how nach Deutschland zu bringen. "Davon profitieren mittelfristig auch die anderen Hersteller in Deutschland", sagt Peter Fintl von der Technologieberatung Altran. Allerdings seien auch die deutschen Hersteller bisher nicht untätig gewesen. "Tesla wird ab 2021 hier erstmals auf starke Konkurrenz treffen", so Fintl.

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Die Tesla-Fabrik in Deutschland soll laut Musk voraussichtlich Ende 2021 in Betrieb gehen. Das Model Y soll dann das erste Fahrzeug aus dem Werk sein. Der Kompakt-SUV auf Basis des jetzigen Tesla-Hoffnungsträgers Model 3 könne nach Einschätzung von Experten zum meistverkauften Fahrzeug der Firma werden. Das Model 3 ist in Deutschland aktuell ab einem Preis von gut 44.000 Euro zu haben.

Tesla ist in Deutschland aktuell Marktführer bei reinen Elektroautos. Von Jahresbeginn bis Ende Oktober wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) 9301 E-Autos von Tesla neu zugelassen. Das entspricht einem Marktanteil von 17,6 Prozent. Auf Rang zwei folgt Renault mit 8330 reinen Stromern vor BMW mit 7957, VW (6208) und Smart (5862).

mit Material von Reuters/dpa



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