Tesla-Fabrik bei Berlin Giga oder Gaga?

Tesla-Chef Musk versetzt Deutschland mit seinen Plänen für eine Elektroautofabrik in E-kstase. Aber was verbirgt sich dahinter? Und warum nennt er die Fertigungsstätte überhaupt Gigafactory?
Teslas Gigafactory 1 in Nevada

Teslas Gigafactory 1 in Nevada

Foto: TESLA

Mit der Ankündigung, in der Nähe von Berlin eine Großfabrik für Elektroautos bauen zu wollen, hat Tesla-Chef Elon Musk Deutschland, nun ja, elektrisiert. Kritiker halten die Pläne für eine Luftnummer, einen reinen PR-Stunt, der womöglich mal wieder von irgendwelchen Problemen im Unternehmen ablenken und den Börsenkurs beflügeln soll. Fans bejubeln Musks nächsten Husarenstreich und sehen die deutsche Konkurrenz schon am Boden liegen. Politiker in den betroffenen Regionen reiben sich die Hände. Und ganz Deutschland rätselt: Was ist das überhaupt für eine Fabrik, die Musk da bauen will - und warum nennt er sie Gigafactory?

Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

  • Was ist eine Gigafactory?

Der Name Gigafactory wird Elon Musk von Kritikern als großspurige PR-Wortschöpfung ausgelegt, folgt aber einer gewissen Logik. Wer die Kosten für Elektroautos drücken will, kann das am schnellsten bei der Batterieproduktion tun. Der Hersteller muss also die für die Fahrzeuge nötigen Stromspeicher nicht in Größenordnungen von Kilo- oder Megawattstunden produzieren, sondern von Gigawattstunden. Daher der Name: Gigafactory.

"Batterien und ihre Zellen haben milliardenhohe Entwicklungskosten. Deshalb müssen sie die Hersteller auf möglichst hohe Stückzahlen umlegen", erklärt Stefan Reindl, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft in Geislingen. Im US-Bundesstaat Nevada begann Tesla 2014 mit dem Bau seiner ersten Gigafactory. Komplett fertiggestellt soll sie laut Tesla einmal das größte Gebäude der Welt werden. Ganz ohne Großspurigkeit scheint es eben doch nicht zu gehen.

  • Was wird in der US-Gigafactory produziert?

In den USA laufen die Elektroautos von Tesla noch immer im Stammwerk in Fremont vom Band. In der Gigafactory 1 in Nevada baut das Unternehmen dagegen die Elektromotoren für das Model 3 für den Massenmarkt und vor allem Akkus. Deren Zellen produziert Panasonic in der Gigafactory unter demselben Dach. Pro Jahr fertigen die beiden Partner Batterien mit über 20 Gigawattstunden, das verkündete Tesla seinen Aktionären bei der Hauptversammlung im Juni.

Wenn die Gigafactory 1 voll ausgebaut ist, sollen dort 35 Gigawattstunden pro Jahr gefertigt werden. Die Kalifornier wollen damit 500.000 Fahrzeuge pro Jahr bestücken. Die Akkus vermarktet Tesla aber auch an Hausbesitzer zum Speichern von Solarstrom und als Bausteine für Batterieparks von Energieversorgern.

  • Welche Rolle spielt die Fabrik in Brandenburg für Tesla?

In der geplanten Gigafactory bei Berlin sollen laut Musk nicht nur Akkus produziert werden. Tesla will am Standort in Grünheide auch Antriebsstränge herstellen, wozu im Vokabular der Autoindustrie auch Motoren zählen. Schließlich soll in Brandenburg noch das neue SUV-Modell Y montiert werden, das auf dem Model 3 basiert. Tesla braucht die zusätzlichen Verkäufe auf dem europäischen Markt, um endlich auf die nötigen Stückzahlen zu kommen, bei denen sich eine Fabrik auch wirklich lohnt.

Im April meldete die japanische Wirtschaftszeitung "Nikkei", Tesla und Panasonic hätten den Ausbau der Gigafactory 1 in Nevada vorerst gestoppt. Stefan Reindl spricht von einem Henne-Ei-Problem: "Wegen der aktuell noch verhältnismäßig geringen Produktionszahlen liegen die Margen für Elektrofahrzeuge bisher auf einem niedrigen Niveau oder sogar im Verlustbereich." Um die Margen zu steigern, müssten mehr Autos abgesetzt werden - wofür es ausreichend große Märkte braucht.

  • Wo gibt es noch Gigafactories?

Das Werk in Grünheide wird die insgesamt vierte Gigafactory. Zwei Jahre nach dem Baubeginn für die erste Großfabrik in Nevada erwarb Tesla 2016 den Solarmodulhersteller SolarCity. Dessen Produktionsstätte in Buffalo an der Ostküste der USA nennt Tesla inzwischen Gigafactory 2. Das Unternehmen stellt dort Solarzellen und Photovoltaik-Module her sowie Komponenten für seine Ladestationen und Energiespeicher. In Shanghai steht Teslas erste Großfabrik außerhalb der USA. Für den offiziellen Produktionsstart in Gigafactory 3 erhielt Musk am Dienstag die Genehmigung des chinesischen Industrieministeriums - einen Tag, nachdem er den Standort für Factory 4 bei Berlin verkündete.

  • Wer plant noch Gigafactories?

Wenn alle Hersteller der Welt ihre Autos durch Batteriefahrzeuge ersetzen wollen, ist selbst eine einzelne Großfabrik zu winzig. Schon bis 2030 rechnet das Öko-Institut mit einem Bedarf von mehr als 30 Gigafactories weltweit. Bis 2050 könnten es rechnerisch 220 sein. Im thüringischen Arnstadt will der chinesische Batteriehersteller CATL ab Anfang 2022 Akkus fertigen, unter anderem für BMW. Die Kapazität soll zunächst bei 14, langfristig bei bis zu 24 Gigawattstunden liegen. Für den Jahreswechsel 2023/24 plant VW den Produktionsbeginn in seiner Gigafactory in Salzgitter. Die Zellschmiede ist auf 16 Gigawattstunden ausgelegt und ein Joint-Venture mit dem schwedischen Batteriehersteller Northvolt.

  • Wie klimafreundlich sind Gigafactories?

Die Herstellung von Batteriezellen verschlingt große Mengen an Energie. Ob E-Autos wirklich klimafreundlicher sind als Benziner, entscheidet sich deshalb vor allem bei der Fertigung. Strom aus Kohlekraftwerken vermiesen da die Bilanz. Auf dem Dach seiner Montagefabrik im niederländischen Tilburg hat Tesla bereits Solarmodule auf einer Fläche von etwa drei Fußballfeldern installiert - mit einer Leistung von 3400 Kilowatt. Laut Teslas "Impact Report" vom April läuft außerdem die Installation von Solarmodulen auf dem Dach der Gigafactory 1 in Nevada. Natürlich deckt das den Strombedarf noch lange nicht, insgesamt gibt Tesla seine direkten CO2-Emissionen derzeit mit etwa 70.000 Tonnen jährlich an.

Langfristig haben sich die Kalifornier das Ziel gesetzt, ihren gesamten Energiebedarf aus erneuerbaren Quellen zu decken. Für die Fabrik in Grünheide gibt es deshalb bereits Spekulationen, ob Tesla mit Betreibern neuer Solar- oder Windparks Direktlieferverträge für Ökostrom abschließen könnte, sogenannte PPAs. In Brandenburg hat sich allerdings wie in vielen Teilen Deutschlands zuletzt die Debatte um die Akzeptanz von Windparks verschärft.

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