Teslas Pick-up-Konkurrenten Kampf um die Vorort-Cowboys

Teslas neuer Elektro-Pritschenwagen ist ein Angriff auf das Kernsegment des amerikanischen Automarkts. Aber die Konkurrenz hat einen erheblichen Vorsprung.

Rivian

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Tesla-Chef Elon Musk hat in Los Angeles einen futuristisch aussehenden Elektro-Pick-up vorgestellt, mit dem das Unternehmen in das wichtigste Segment amerikanischer Autokonzerne vorstoßen will. Allerdings haben auch andere Hersteller das Segment der Elektro-Pick-ups angepeilt und machen Tesla Konkurrenz. Für Elon Musk ist die Offensive deswegen kein Selbstgänger.

Zumal das Fahrzeug mit dem Namen "Cybertruck" gegen alle optischen Konventionen verstößt. Es erinnert mit der dreieckigen Form eher an einen kantigen Tarnkappen-Kampfjet als an einen klassischen Pick-up. Der Geländewagen soll laut Tesla über 1,7 Tonnen Gewicht auf der Ladefläche transportieren können und kommt in der Spitzenausführung in 2,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h. In der Topversion soll der Elektro-Pick-up eine Reichweite von 800 Kilometern haben.

Musk verteilte bei der Präsentation in Los Angeles auch einen kleinen Seitenhieb gegen die Konkurrenz. In einem Video gewann der Cybertruck ein Tauziehen gegen den aktuellen Pick-up-Bestseller F-150 von Ford. Auch beschleunigte der Pick-up in dem Video schneller als ein Porsche 911. Ab Ende 2022 will Tesla mit der Produktion beginnen, der Basispreis soll umgerechnet bei rund 36.000 Euro liegen. Alles Spielerei, oder eine ernstgemeinte Kampfansage an traditionelle amerikanische Pick-up-Hersteller?

Video: Tesla präsentiert den "Cybertruck"

Tesla

"Dass Tesla nun einen Pick-up auf den Markt bringt, macht durchaus Sinn", sagt Andreas Radics von der Strategieberatung Berylls. "Rund 17 Prozent der in den USA verkauften Neufahrzeuge sind Pick-ups und ihr Anteil an den Verkäufen wächst weiter." Die Preisunterschiede seien jedoch enorm und reichen von 30.000 US-Dollar für reine Arbeitsgeräte bis zu 100.000 US-Dollar für Sondermodelle wie den Ford Raptor, so Radics. Das macht die Pritschenwagen zum Kernsegment des US-Automarkts, in dem der E-Antrieb trotz der bisher dominierenden großen Benzinmotoren und der für einen Pick-up nötigen großen und schweren Batterien Potenzial hat.

Denn viele der sogenannten Trucks werden als Zugfahrzeuge für Bootstrailer, Wohn- oder Sportanhänger genutzt. "Das enorme Drehmoment des E-Antriebs ist für diese Aufgabe ideal", sagt Berater Andreas Radics. Musk müsse bei den Pick-ups allerdings gegen Konkurrenten antreten, deren Modelle bereits verfügbar sein werden, wenn der Tesla auf den Markt komme, so Strategieberater Radics. Denn die Präsentation des Pick-ups von Tesla wurde im Vorfeld zwar mit Spannung erwartet, den Elektro-Hype griff in diesem Segment jedoch die Konkurrenz ab.

Rivian und Bollinger kommen früher

So präsentierte das Start-up Rivian vor etwa einem Jahr seinen Elektro-Pritschenwagen R1T, der bereits 2020 auf den Markt kommen soll. Mit 650 Kilometern Reichweite, einer Beschleunigung von null auf 100 km/h in drei Sekunden und clever durchdachten Staufächern kann er Tesla Paroli bieten. Und auch sein Design unterscheidet sich vom Pick-up-Mainstream, ohne dabei auf klassische Designelemente der Geländewagen zu verzichten. Damit dürfte er insbesondere Vorort-Cowboys ansprechen, die ihren Pick-up vor allem als Freizeitgefährt nutzen.

Einen anderen Weg wählte dagegen der Konkurrent Bollinger. Dessen Pick-up B2 erinnert an einen klassischen Land Rover Defender - allerdings eher in den Dimensionen des Riesen-Geländewagens Hummer. Sein 120 kWh-Akku soll zwar lediglich für eine Reichweite von rund 320 Kilometern sorgen, dafür verspricht Bollinger den "leistungsfähigsten Pick-up der Welt".

Der B2 kann zwar weder dem Cybertruck noch dem Rivian bei Reichweite und Beschleunigung folgen, bietet dafür aber jede Menge Stauraum. Neben einer Zuladung von fünf Tonnen kann die Ladefläche auf eine Länge von 2,44 Metern erweitert werden, und der "Frunk" genannte vordere Kofferraum fasst 396 Liter. Damit ließen sich ungewöhnlich lange und sperrige Lasten auch durch unwegsames Gelände transportieren. Die Produktion soll im kommenden Jahr beginnen, die ersten Fahrzeuge sollen 2021 ausgeliefert werden.

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Fotostrecke: Teslas Pick-up-Konkurrenz

"Rivian - Ford hat 800 Millionen US-Dollar in die Marke investiert - und Bollinger könnte es gelingen, eine Nische zu schaffen und zu besetzen, wie sie amerikanischer kaum sein könnte", sagt deshalb Strategieberater Radics. Wenn Teslas Pick-up tatsächlich zu dem angekündigten Preis auf den Markt komme, dann könne es Musk aber auch gelingen, in dieses Segment einzutauchen, so Radics. Trotz der Verspätung.

Ein Problem könnte für den Cybertruck allerdings dessen Design sein. "Tesla wird es schwer haben, die vielen konservativen Alltagsnutzer davon zu überzeugen, auf das ausgefallene Design umzusteigen", sagt Radics. Hier haben Rivian oder Bollinger einen Vorteil.

Problematisch sei laut Analysten auch der Vertrieb des Elektro-Pick-ups. Denn entgegen US-amerikanischer Kaufgewohnheiten verkauft Tesla die Fahrzeuge bisher nur über das Internet. Um insbesondere traditionelle Käufer aber von dem Pick-up zu überzeugen, müssten Sie die Möglichkeit haben, die Fahrzeuge auch beim Händler testen zu können und einen Eindruck über die Fahrleistungen zu bekommen, meinen die Marktanalysten.

Teslas Vorteil: Ladeinfrastruktur

Allerdings hat Tesla einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Konkurrenz: die Ladeinfrastruktur. Mit dem nahezu flächendeckenden Netzwerk an Superchargern können Tesla-Fahrer problemlos und ohne Reichweitenangst durch das ganze Land fahren. Das gilt künftig auch für die Käufer des Pick-ups. Die Konkurrenz kann das bisher nicht bieten und muss mit anderen Ladesäulenbetreibern kooperieren.

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Rivian R1T: Ein Pick-up wie gedopt

Experten schätzen, dass das Segment elektrischer Pick-ups mittelfristig ein Nischensegment bleiben wird. Dennoch meinen Marktbeobachter, dass Tesla im ersten Jahr mindestens 10.000 Exemplare des Pick-ups verkaufen könnte. Ob der Elektro-Pick-up in den kommenden Jahren aus der Nische kommt, hänge davon ab, ob es Tesla, Rivian oder Bollinger tatsächlich gelingt, Fahrer traditioneller amerikanischer Marken wie Ford, GMC oder Ram zu erreichen.

Allerdings stehen auch die Traditionshersteller schon in den Startlöchern. Ford präsentierte kürzlich ebenfalls eine Elektrovariante von dessen Verkaufsschlager F-150. Der soll Medienberichten zufolge 2021 auf den Markt kommen.

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zeichenkette 22.11.2019
1. Der Bollinger...
ist ein absoluter Exot, man kann das Ding eigentlich völlig ignorieren, was den tatsächlichen Markt angeht. Es hat ausschließlich deshalb eine so enorme Zuladung, weil es damit als LKW gilt und so selbst Dinge wie Airbags und Sicherheitsgurte nicht mehr vorgeschrieben sind. Zusammen mit der niedrigen Reichweite trotz des enormen Preises und hohen Gewichts ist das wirklich nur ein Offroad-Spielzeug für Leute mit genug Land und viel Geld (von denen es in den USA durchaus mehr als nur eine Handvoll gibt, aber insgesamt ist das eine Nische). Andere dagegen werden sicherlich recht "normale" Pickups mit E-Antrieb verkaufen können, aber dieses Tesla-Ding ist schon was Besonderes. Als normales Auto ist das in Europa wegen der Größe untauglich, aber in den USA nicht unbedingt, zumal es kaum mehr kosten soll als das kleine Model 3. Das wird sicherlich seine Abnehmer finden, denen andere Autos zu langweilig sind. Genau das wird natürlich wieder andere zu Wutausbrüchen bringen, wie ein Hund, der das erste Mal einen Menschen auf einem Fahrrad sieht... Dieses wütende "das ist nicht normal!!!" sieht man ja auch hier immer sehr schön.
hansvonderwelt 22.11.2019
2. Vermisse im Artikel die Namen
Deutscher Hersteller wie VW,Mercedes,BMW und Porsche.Lese in der Presse nur von den Plänen.Auch könnten Deutsche Hersteller im wahrscheinlich besseren Wasserstoffantrieb nur 1 sein.Erinnern wir uns an den Abstieg Japanischer Fotofirmen....!
tullrich 22.11.2019
3.
Hat da jemand die Präsentation überhaupt gesehen? Ich dachte, das Hauptargument wäre, dass das Ding schusssicher sei ("bulletproof"), ebenso die Scheiben. Nun, die Türen haben den Vorschlaghammer ausgehalten, die Scheiben sind durch eine geworfene Stahlkugel gesplittert. (Okay, das müssen sie auch, so wird schließlich der Impuls abgebaut. Aber jede von Hand geworfene Kugel ist größer, langsamer und hat weniger Impuls als eine "Kugel" aus einer Waffe. Vielleicht sollte man das Auto lieber als "bowling proof" vermarkten.)
adal_ 22.11.2019
4.
Endlich mal wieder originelles Auto-Design.
jpphdec 22.11.2019
5. "Hohes Drehmoment ideal"
Das absolut miserabelste Einsatzszenario für BEVs sind hohe Dauerlasten. Also zum Bootstrailer am besten gleich noch den Zweitanhänger mit dem "range-enabler" Akkupack mitbestellen. Da wundert es mich fast, daß noch keiner drauf gekommen ist, Betonkernbohrungen mit dem Akkuschrauber zu machen, die hohen Ströme, die man da ziehen kann sind doch einfach "ideal".
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