Autonomes Fahren Teslas riskantes Versprechen

Elon Musk, Chef des Elektroautoherstellers Tesla, will nächstes Jahr in einem selbstfahrenden Pkw die USA durchqueren. Die nötige Technik lässt er schon jetzt in alle Modelle verbauen.

Tesla

Elon Musk, der Gründer des Elektroautoherstellers Tesla, ist berühmt-berüchtigt für seine ambitionierten Pläne. In der Nacht auf Donnerstag hat er seine jüngste Vision bekannt gemacht. Es geht um selbstfahrende Autos.

So ziemlich jeder Autohersteller forscht am selbstfahrenden Wagen. In zahlreichen Städten sind Testflotten von Fahrzeugen unterwegs, die sich - bewacht von Ingenieuren auf dem Fahrersitz - ohne menschliches Eingreifen durch den Verkehr tasten. Der Radius ist dabei meist auf wenige Kilometer beschränkt. Und wann die Technologie wirklich so weit ist, dass der Fahrer ein Buch lesen kann, während ihn das Auto zuverlässig chauffiert, vermag derzeit kaum ein Verantwortlicher genau zu sagen. Ford preschte zuletzt mit einer Prognose für das Jahr 2021 vor, die meisten Experten verweisen auf das Jahr 2030.

Der Zeitplan von Elon Musk sieht so aus: Er wolle "bis Ende 2017" demonstrieren, wie man "mit einem Tesla von Los Angeles nach New York fahren kann, ohne ein einziges Mal" das Lenkrad zu berühren. Das ist eine Strecke von rund 4500 Kilometern - und damit ein sehr großes Versprechen. Wie Musk es in die Tat umsetzen will, dazu äußerte er sich teils konkret, teils recht vage.

  • Die genauen Angaben betreffen die Hardware-Ausstattung: Verfügen Tesla-Autos bislang nur über eine einzige Kamera zur Überwachung der Umgebung, sollen es ab sofort acht werden. Die Reichweite ihrer Sensoren soll sich verdoppeln. Hinzu kommen 15 Ultraschallsensoren mit ebenfalls verbesserter Leistungsfähigkeit. Der Bordcomputer, der die Informationen verarbeitet, soll eine 40 mal größere Rechenleistung als das aktuelle System bieten.
  • Diese Technologie, so Musk, werde in die aktuellen Modelle - in die Limousine Model S und den SUV Model X - verbaut. Und zwar ab sofort. Zugleich kündigte er an, dass auch das Model 3, das ab Ende 2017 auf den Markt kommen soll, mit dem System ausgestattet werde.
  • Autofahrer, die bereits einen Tesla besitzen, musste Musk vertrösten: Ihre Exemplare ließen sich nicht nachrüsten. "Ich wünschte, man könnte es anders machen" sagte er - aber wegen der engen Integration sei das so unrealistisch wie jemandem eine Wirbelsäule zu transplantieren.
  • Deutlich wurde er außerdem beim Preis: Zwar werde jedes Auto ab Werk mit der Technologie fürs autonome Fahren ausgestattet, die Freischaltung koste aber 8000 Dollar.
Elon Musk
AP

Elon Musk

So weit der konkrete - und positive - Teil von Musks Ankündigung. Die Vision des selbstfahrenden Autos, da sind sich alle Experten einig, verspricht ein großes Potenzial an zusätzlicher Sicherheit. Der Tesla-Chef selbst geht davon aus, dass seine Maschine viel sicherer fahre als ein Mensch, und er könnte Recht haben. Dazu muss die Technik jedoch absolut zuverlässig arbeiten.

Und damit zu den Punkten, bei denen Musk vage blieb:

  • Wie verlässlich ein Auto sich selbst steuert, hängt von seiner Software ab. Sie muss die aus der Hardware gewonnenen Daten korrekt in Lenk- und Bremsbefehle übersetzen. In einer Mitteilung räumt Tesla ein, dass die Software derzeit noch nicht freigeschaltet werden könne und zunächst einer ständigen Weiterentwicklung bedürfe.
  • Das System werde vorerst nur im Hintergrund laufen und "Daten sammeln zur Frage, ob es Unfälle verhindert oder verursacht hätte, wenn es selbst die Kontrolle gehabt hätte", sagte Musk. Als ein großer Vorteil könnte sich dabei die Möglichkeit sogenannter Over-The-Air-Updates erweisen: Um die Software von Tesla-Autos auf den jeweils neusten Stand zu bringen, müssen sie schon heute nicht mehr in die Werkstatt gebracht werden, sondern können die verbesserte Software online runterladen - so wie zum Beispiel Updates bei Smartphone-Apps.
  • Selbst wenn Tesla seine Technik für reif erklärt, muss erst noch der gesetzliche Rahmen für autonomes Fahren geschaffen werden. Und ob die Behörden mit Musks Tempo Schritt halten wollen, ist zu bezweifeln. Der Tesla-Chef konnte bei seiner Ankündigung nur die Hoffnung äußern, dass es in den USA keinen Flickenteppich verschiedener Vorschriften von Bundesstaat zu Bundesstaat geben werde. Die Einführung der Software, so räumte er ein, werde von lokalen Regeln abhängen.

Das große Risiko für Tesla ist nun zum einen, dass der Technikstand der Hardware schon wieder überholt sein könnte, ehe sie wirklich zur vollen Entfaltung kommen darf. Es ist eine Wette auf die Zukunft, die Musk hier eingeht. Anders als die Software ließen sich die Kameras und Sensoren nicht so einfach nachrüsten.

"Eine erhebliche Verkehrsgefährdung"

Zum anderen hatte Musk bereits in der Vergangenheit den Fehler gemacht, beim Thema autonomes Fahren zu früh zu viel zu versprechen. Wie der SPIEGEL berichtete, hatten Beamte der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), Teslas Fahrassistenzsystem "Autopilot" kürzlich ein vernichtendes Urteil ausgestellt.

Zweifel an der Zuverlässigkeit des Systems waren im Mai dieses Jahres aufgekommen, als ein Autofahrer in einem Tesla Model S tödlich verunglückte. Der Unfall könnte auf ein Versagen des Systems zurückzuführen sein, die Ursache wird derzeit untersucht.

Nach dem Crash in den USA absolvierten Tester der BASt jedoch viele Tausend Kilometer mit dem Tesla Model S im "Autopilot"-Modus und kamen anschließend zu dem Ergebnis, das Fahrzeug stelle "eine erhebliche Verkehrsgefährdung" dar.

So attestierten die Prüfer der Notbremsfunktion im Vergleich zu anderen Fahrzeugen eine "unzureichende Performance". Zudem seien die Sensoren des Fahrzeugs, die bei Überholvorgängen nach hinten scannen, erstaunlich kurzsichtig und könnten mit der Realität auf deutschen Autobahnen nicht mithalten.

Das neue System kann erst einmal weniger als das alte

Beim Rennen um die Vorherrschaft beim autonomen Fahren läuft Musk mit seinen ambitionierten Plänen nun erneut Gefahr, zu große Versprechen zu machen. Und der Schritt vom "Autopiloten" zur jetzt vorgestellten Technologie könnte nicht größer sein: Muss der Fahrer bei dem aktuellen Assistenzsystem jederzeit ins Geschehen eingreifen können und darf die Hände nicht vom Lenkrad lassen, soll er zukünftig gar nicht mehr ans Steuer greifen müssen.

Immerhin sprach Musk offen an, dass der angepeilte Fortschritt zunächst für einen Rückschritt sorge: Denn die Teslas, die fortan mit der neuen Hardware ausgerüstet werden, seien vorerst zu weniger autonomen Manövern fähig als Teslas mit dem aktuellen "Autopiloten". Einschränkungen gebe es unter anderem bei der Notbremsfunktion, der Kollisionswarnung und dem Tempomaten.

Durch automatische Updates sollen die Funktionen schrittweise auf den aktuellen Stand gebracht werden, hieß es bei Tesla. So lange müssen die Käufer eines neuen Tesla mit Musk gemeinsam die Wette auf die Zukunft eingehen.

cst/Afp/AP



insgesamt 339 Beiträge
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Seite 1
pauschaltourist 20.10.2016
1.
Musk soll diesem Quatsch für das Modell 3 bitte auslassen. Dann könnte es für vermutlich 3.000$ weniger verkauft werden.
benmartin70 20.10.2016
2.
Zitat von pauschaltouristMusk soll diesem Quatsch für das Modell 3 bitte auslassen. Dann könnte es für vermutlich 3.000$ weniger verkauft werden.
Das wird nicht passieren..... Und stellen Sie sich mal vor was dann hier passiert - ein brauchbares E-Auto zu solch einem Preis ;-))))
jeremy_osborne 20.10.2016
3.
Zitat von pauschaltouristMusk soll diesem Quatsch für das Modell 3 bitte auslassen. Dann könnte es für vermutlich 3.000$ weniger verkauft werden.
Oder die 8000 Dollars, die das extra kostet (und von genügend Leuten bezahlt werden), machen den günstigen Einstiegspreis erst möglich, selbst mit in einigen Fällen unnötig eingebauten Sensoren.
Luna-lucia 20.10.2016
4. das liest sich alles
wunderschön. Mindestens, solange es nach Teslas Vorstellungen geht. Aber solange noch kein einziges Auto, selbständig aus "allen Lagen", vollautomatisch ein- und ausparken kann - und zwar in jede "Richtung", und das währe mindestens in Großstädten, in den Rushhour Zeiten von besonderem Vorteil, solange glauben wir mal nicht, dass "vollautomatisches Fahren", jemals sicher sein kann! Denn egal wie viele Sensoren im, und am Fahrzeug befestigt sind, man kann niemals alles erdenklich Mögliche, zu einer Datenerfassung und Verarbeitung, vorher "programmieren". Ein Ölfilm auf der Autobahn etwa! Oder Blitzeis! Oder Fahrer, die in einem Strahlnebel die Orientierung verlieren ... alles Mögliche Ereignisse, die man vielleicht datenmäßig nicht in einem dazu nötigen Zeitfenster erfassen, und verarbeiten kann. Zudem, automatisches Fahren würde noch schneller zu einem Ermüdungseintritt, oder einem sogar zu einem Sekundenschlaf führen! Und wenn es dann schnell gehen muss!!? Erwachen, wach werden, Gefahr erkennen, reagieren ... wird dann eher - oki, je nach Fahrer, Erfahrung, Gesundheit, und Sehfähigkeit des Fahrers ... jenseits von 30 sek. ablaufen. Nochwas, wie werden "vollautomatische Autos" auf Autowäschen, in Autowaschanlagen reagieren?
citycity 20.10.2016
5.
Manche mögen das "Quatsch" finden, aber es muss solche beharrlichen Querdenker geben die Risiken eingehen um Fortschritt voran zu bringen. Ohne Leute wie Musk fahren wir auch in 30 Jahren noch die selben Kisten wie heute mit marginalen Änderungen im Design.
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