Testgelände Eastnor Castle Fegefeuer für Land Rover

Der Name klingt nach Golfplatz oder Gruselfilm. Tatsächlich ist der Landsitz Eastnor Castle eines der härtesten Offroad-Gelände der Welt. Der britische Hersteller Land Rover testet hier neue Modelle - seit 50 Jahren. Nicht selten kriegen die Autos dabei eine Ladung Schrot ab.


James Hervey-Bathurst ist ein vornehmer Herr mittleren Alters. Wer ihn besucht, nimmt unwillkürlich eine ehrfürchtige Haltung an. Denn Mr. Bathurst empfängt Gäste nicht in einem Büro, sondern in der großen Halle von Eastnor Castle. Dort lodert in nahezu jeder Ecke ein Kaminfeuer, an den Wänden hängen schwere Gobelins, reihum stehen Ritterrüstungen, und als Sitzgelegenheiten gibt es Sofas aus dem vorletzten Jahrhundert. Das einzig Irritierende in diesem feudalen Ambiente sind die dicken Schlammkrusten auf dem roten Teppich.

Sir James, jüngster Spross der Bathursts, übersieht den Dreck mit einem Lächeln. Denn so geht das jetzt schon 50 Jahre. Seit 1961 nämlich ist der Landsitz auf halber Strecke zwischen Bristol und Birmingham die heimliche Heimat des Geländewagenherstellers Land Rover. Auf dem 2500 Hektar großen Gut werden alle neuen Modelle getestet, die später im knapp eine Autostunde entfernten Werk Solihull gebaut werden. Deswegen stiefeln immer wieder Ingenieure und Testfahrer mit schlammverkrustetem Schuhwerk durch die Halle. Der Hausherr trägt es mit Fassung; er ist sogar stolz darauf, "dass jeder Land Rover auf der Welt ein kleines Stück Eastnor in sich trägt".

Die prägnanteren Spuren der Land-Rover-Leute findet man allerdings draußen auf den Hügeln, in den Wäldern und Senken des Landsitzes: Fast hundert Kilometer Pfade und Pisten haben die Autoentwickler angelegt, von denen viele so wild und wüst sind, dass man nie auf die Idee käme, dort mit einem Auto entlangzufahren. Es gibt schlammige Schluchten kaum breiter als die Fahrzeuge, Waldwege mit knietiefen Spurrinnen, Steigungen mit hüfthohen Felsbrocken und hinter jeder Kurve einen schlammigen Tümpel. "Derart dreckiges Wasser wie hier gibt es wahrscheinlich in ganz England nicht mehr", sagt Instrukteur Kevin, bevor er einem Range Rover eine Schlammpackung bis zur Motorhaube verpasst.

Verbissener Zahnradtest am Gearbox Hill

"Kein anderes Offroad-Gelände in Europa bietet so viele Herausforderungen wie dieses", sagt Roger Crathorne, der zu den Männern der ersten Stunde zählt. Entdeckt haben die Autobauer das Areal, weil dort der Ingenieur eines Lieferanten regelmäßig zur Jagd ging. Und wie das so ist, wenn einer einen kennt, der einen kennt - jedenfalls standen vor 50 Jahren erstmals Allrad-Prototypen von Land Rover vor dem Schlosstor.

Von Vorteil war, dass der damalige Hausherr Major Ben Harvey-Bathurst selbst ein begeisterter Geländewagenfahrer war und obendrein Vorstand des Rover Midlands' Owners Club. Seitdem kommen die Ingenieure unter der Woche zur Arbeit und am Wochenende zum Vergnügen nach Eastnor Castle. Von ihrer Arbeit zeugen Ortsbezeichnungen wie Gearbox Hill, ein Hang, an dem die Land-Rover-Getriebe gemartert werden.

Weil der russische Markt boomt, testet Land Rover nun auch in Sibirien

Land-Rover-Veteran Crathorne sagt: "Ein Auto, das hier durchkommt, hat auch nirgends sonst auf der Welt ein Problem." Das zu beweisen, ist Aufgabe von Pip Archer. Er ist der Testchef bei Land Rover und das ganze Jahr über mit Prototypen rund um den Globus unterwegs. Seine Reiseroute wurde über die Jahre immer länger. Genügten früher die Wintertests im schwedischen Arjeplog, die Hitzeerprobung im Death Valley in den USA und Wüstenfahrten in Saudi-Arabien, reist er jetzt praktisch den neuen Kunden hinterher.

Weil der russische Markt immer wichtiger wird, lässt Archer Range Rover in Sibirien bei minus 35 Grad testen; weil China wohl bald der größte Markt ist, lässt er Autos dort über 4500 Meter hohe Bergpässe scheuchen. Und weil Land Rover inzwischen dem indischen Mischkonzern Tata gehört, gibt es auch Probefahrten in Mumbai - während des Monsuns. Dennoch: Die wichtigsten und vor allem die ersten Tests absolvieren neue Autos rund um Eastnor Castle in den Midlands.

Längst ist Archer mit den Prototypen auf dem Areal nicht mehr allein. Seit 1989 hat hier auch die Land Rover Experience eine Filiale. Die werkseigene Fahrschule bietet Offroad-Abenteuer für jedermann und hat allein in diesem Jahr 6500 Kunden durch die Wälder von Eastnor Castle gelotst. Die meisten Gäste kommen aus England, doch vermehrt buchen auch Autofans aus dem mittleren oder fernen Osten ein Allrad-Erlebnis in Eastnor Castle. Die Erfahrung dürfte höchst exotisch sein, wenn man Autos sonst nur in Dubai oder Shanghai bewegt.

Schrotsalven von den Fasanenjägern

Geboten wird von der halbtägigen Einweisung für Anfänger bis zum Zweitagesprogramm zum Spezialthema Seilwinde praktisch alles. Denn auch wenn Eastnor Castle auf den ersten Blick anmutig wirkt, gibt es hier Abhänge, an denen Mensch und Auto allein nicht weiterkommen. Die Fahrzeuge müssen abgeseilt werden, und auch so etwas muss man üben, wenn es funktionieren soll.

Trotz der bisweilen haarsträubenden Strecken ist bislang noch jedes Auto wieder im Schlosshof angekommen. Logisch, dass es immer mal wieder Blechschäden gibt, doch die eigentliche Gefahr drohe Offroad-Fahrern aus einer ganz unerwarteten Richtung, berichtet Instrukteur Kevin. "Eastnor Castle ist nicht nur bei Matschpiloten beliebt, sondern auch ein gut gebuchtes Jagdrevier." Hier tummeln sich Hirsche, Füchse, Hasen und Rehe sowie schätzungsweise mehr als 100.000 Fasane.

Und die sind das Ziel von bis zu 40 Jagdgesellschaften pro Monat, die sich natürlich nicht nur aus Scharfschützen rekrutieren. Kevin drückt es mit typisch britischem Understatement so aus: "So richtig getroffen wurden wir zwar noch nie. Aber es prasselt schon regelmäßig Schrot aufs Autodach."

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Dette 30.12.2011
1. Es lebe das Klischee
Zitat von sysopDer Name klingt nach Golfplatz oder Gruselfilm. Tatsächlich ist der Landsitz Eastnor Castle eines der härtesten Offroad-Gelände der Welt. Der britische Hersteller Land Rover testet hier neue Modelle - seit 50 Jahren. Nicht selten kriegen die Autos dabei eine Ladung Schrot ab. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,804007,00.html
Na, ob der Author wohl einen Rover fährt? Oder für seinen Artikel einen bekommt? Der Welt härtestes Testgelände Esatnor - hallooo! Land Rover sind längst überholt von anderen Roughies, allein der Mythos wird am Leben erhalten.
Hagbard 30.12.2011
2. .
Das mir der Offroad-Fahrschule klingt verlockend. Könnte mir gefallen.
dongerdo 30.12.2011
3.
Zitat von DetteNa, ob der Author wohl einen Rover fährt? Oder für seinen Artikel einen bekommt? Der Welt härtestes Testgelände Esatnor - hallooo! Land Rover sind längst überholt von anderen Roughies, allein der Mythos wird am Leben erhalten.
Na ja - der Defender ist noch immer eine Bank - wenn er nicht gerade durchrostet, auseinander fällt oder unmotiviert liegenbleibt kommen Sie damit ans Ende der Welt ;-)
ZiehblankButzemann 30.12.2011
4. Ja, so sind unsere englischen Freunde!
Nie um eine Ladung Schrot verlegen, und ordentlich abgefüllt bis zum Gaumensegel. Die Fahrer, welche die Landrover testen, sollten auf jedenfall vermeiden die Fensterscheiben herunterzulassen bei soviel Jagdgesellschaften, die dort fröhlich ihren niederen Instinkten freien Lauf lassen. Denn wer hat denn schon Lust eine solche englische Akkupunkturbehandlung, ungefragt zu erhalten. Kleiner Vorschlag: Auf diesem Testgelände sollte man mal die Geburtstagsparade der Queen abhalten. Dann kann sie mal beweisen was sie in der Reitstunde gelernt hat. Fröhliche Grüße nach England, und warum habt Ihr eigentlich immer so rote Gesichter, Cameron & Co ? Bitte um Antwort!
QuixX 30.12.2011
5.
Zitat von HagbardDas mir der Offroad-Fahrschule klingt verlockend. Könnte mir gefallen.
Viele kommen zu spät ins Büro, weil sie mit den Straßenverhältnissen einfach nicht klar kommen. Auch SUVs haben da keine Abhilfe leisten können.
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