Lena Frommeyer

Soziale Ungleichheit Der ÖPNV ist ein Spalter

Der Nahverkehr ist der Mobilitätsmotor der Zukunft, er soll die Massen in Städten klimafreundlich bewegen. Zum Jahreswechsel aber steigen die Preise in vielen Kommunen - das trägt massiv zur sozialen Ungleichheit bei.
U-Bahn in Berlin

U-Bahn in Berlin

Foto: Christoph Soeder/ DPA

Wohl noch nie wurde so viel über Mobilität diskutiert und über verschiedene Konzepte gestritten wie 2019. Wie verteilen wir den öffentlichen Raum gerecht auf die verschiedenen Verkehrsteilnehmer? Welche alternativen Antriebe werden wie gefördert? Welchen Stellenwert hat der ÖPNV? Vor allem der letzte Punkt hatte Sprengkraft: Die wochenlangen Proteste mit Todesopfern in Chile begannen wegen einer banal wirkenden Entscheidung: Entzündet hatten sie sich an der Preiserhöhung für U-Bahn-Tickets.

Hamburg, Ruhrgebiet, Berlin - auch in vielen deutschen Kommunen wurden für den Jahreswechsel Preiserhöhungen beim ÖPNV angesagt. In einigen Städten hat das fast schon Tradition. Es ist verwunderlich, dass so eine Meldung hierzulande kaum Reaktionen hervorruft. Vor allem, weil der Nährboden für Unmut hier kaum ein anderer ist, als in Chile: Die soziale Ungleichheit wächst. Und Preiserhöhungen beim ÖPNV verstärken sie.

Banker trifft Punker: ÖPNV als Begegnungsstätte

Seit Jahren steigen die Mietpreise in deutschen Großstädten. Immer weniger Menschen können sich zentrumsnahen Wohnraum leisten. Gleichzeitig wird es immer teurer, aus den günstigeren Randlagen mit dem ÖPNV in die Stadt zu fahren. Hohe Ticketpreise tragen deshalb massiv zur sozialen Ungleichheit in der Stadt bei.

Zudem wird der eigentlich charmante Grundgedanke des Personennahverkehrs ausgehöhlt: Eigentlich sollen alle Menschen - junge, alte, kranke, gesunde - mit Bussen und Bahnen schnell, einfach und günstig von A nach B fahren können. Der ÖPNV ist so auch eine wertvolle Begegnungsstätte. In der U-Bahn sitzt der Banker neben dem Straßenpunk. In einer sich stetig weiter ausdifferenzierenden Gesellschaft könnte die S-Bahn der Schmelztiegel sein.

Es wird mehr in Straßen als in den ÖPNV investiert

Der ÖPNV ist das ideale Fortbewegungsmittel einer egalitären Gesellschaft. Jeder Mensch könnte und sollte Zugriff auf die zentrale Ressource Mobilität haben. Daher wäre es nur logisch, den öffentlichen Nahverkehr als kleinsten gemeinsamen Nenner stetig auszubauen und zu verbessern. Tatsächlich liegen die Prioritäten in der Bundesverkehrspolitik aber woanders. Statt in die Forschung und Entwicklung des ÖPNV zu investieren, fließen die meisten öffentlichen Gelder in die Erforschung des Kraftfahrzeugverkehrs.

Die Finanzierung des ÖPNV ist ein komplexes Thema. Fahrgäste tragen in Deutschland einen vergleichsweise hohen Anteil der anfallenden Kosten. Aber sie können den ÖPNV nicht allein finanzieren. Die Verkehrsbetriebe erhöhen regelmäßig die Ticketpreise, um ansatzweise kostendeckend zu wirtschaften. Würde das Finanzierungsmodell geändert und der ÖPNV noch stärker, wenn nicht sogar komplett, aus öffentlicher Hand finanziert, wäre das ein weitreichendes Signal: Seht her! Wir, der Staat, fungieren als Ermöglicher von nachhaltiger Mobilität. Für alle Bürgerinnen und Bürger.

60 Prozent mehr Nutzer bei kostenloser Fahrt

Die Stadt Hannover wagte am ersten Dezemberwochenende ein Experiment: 29 Stunden lang durfte jeder kostenlos Bus und Bahn fahren. 60 Prozent mehr Fahrgäste sollen in der Zeit unterwegs gewesen sein, gibt die Stadt an. Selbst wenn auf lange Sicht eine geringere Steigerung erreicht würde, widerspricht das der These von Mobilitätsexperte Andreas Knie. Es sagt, dass die Zahl der Fahrgäste nur um rund fünf bis zehn Prozent steigen würde, wenn der gesamte derzeitige ÖPNV kostenlos wäre. Entscheidender als ein möglichst günstiger Preis sei laut Knie ein qualitativ hochwertiger ÖPNV.

Und ja, das stimmt natürlich auch. Vor allem zur Hauptverkehrszeit sind Busse und Bahnen chronisch überfüllt. Morgens wird einem feuchtwarm in den Nacken geatmet. Um eine der Haltestangen zu erreichen, muss man sich oft genug erst durch die Bauchfalten seiner Mitfahrenden wühlen. In Tokio gibt es dafür ein eigenes Wort: "Tsukin Jigoku"- "Pendler-Hölle". Die Bilder von Bahnmitarbeitern, die an den Stationen die Fahrgäste ins Abteil drücken, sind weltbekannt.

Schwund an beiden Enden der Nutzerkette

Da wundert es nicht, dass soziale Abgrenzung heute auch darüber erfolgt, wie wir uns fortbewegen. Umso mehr, seit Dinge, die früher recht plakativ gezeigt haben zu welcher Schicht wir gehören, an Bedeutung verlieren: Fleisch kann sich jeder leisten. In den Urlaub fliegen für 39 Euro auch Geringverdiener. Modische Kleidung ist irre günstig.

Durch einen qualitativ schlechten ÖPNV entsteht eine neue Form von Luxus: sich nicht mit anderen in die Bahn quetschen zu müssen. Und so verliert der ÖPNV an beiden Enden der Nutzerkette. Jene, die ihn sich nicht mehr leisten können - und jene, die ihn nicht mehr ertragen wollen.