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"The Grand Tour": Jeremy Clarkson gibt wieder Gas

Foto: Amazon Prime Video

"The Grand Tour" mit Jeremy Clarkson "Wo kommen wir hin, wenn jeder ein E-Mobil fährt?"

"Top Gear" heißt jetzt "The Grand Tour": Jeremy Clarkson, Richard Hammond und James May melden sich mit einer neuen Autoshow zurück. Im Interview verraten sie, warum ihre Lust auf Provokation geblieben ist.

Ludwigsburg: Die Schlossplatz-Kontroverse

"Fuck them!"

Die Frage ist noch nicht mal formuliert, da hat Jeremy Clarkson schon die Antwort gegeben.

Clarkson sitzt am Sonntagabend in einem Konferenzzimmerchen in einem Hotel in Ludwigsburg, vor ihm steht ein Glas Château Minuty. Der britische TV-Moderator ist für Aufnahmen in der Stadt, vor dem Ludwigsburger Schloss ist ein riesiges Studio-Zelt aufgebaut. Die Sendung heißt "The Grand Tour", am Freitag, 18. November, wird die erste Folge auf der Streamingplattform Amazon veröffentlicht. "Grand Tour" dreht sich natürlich um Autos und ist die neue Show des 56-Jährigen nach seinem skandalösen Abgang als Moderator von "Top Gear" - aber dazu gleich mehr.

Geht es nach der Grünen-Fraktion in Ludwigsburg, würde Jeremy Clarkson jetzt jedenfalls nicht in ihrer Stadt sitzen, Interviews geben und Weißwein trinken. "PS-starke Rennautos und Geschwindigkeit" passen nicht zu Ludwigsburg, heißt es in einem Schreiben der Grünen an den Bürgermeister der Stadt , mit dem gegen den Aufenthalt der PS-Protze protestiert werden sollte. Laut Einschätzung der Partei sei Ludwigsburg "aktuell die nachhaltigste Stadt dieser Größenordnung in der Bundesrepublik" und darüber hinaus "eine besonders fahrradfreundliche Kommune".

"Das wusste ich nicht", sagt Clarkson. "Wusstest du das?", fragt er seine Assistentin.

"Ich wusste das nicht", sagt seine Assistentin.

"Fuck them!", sagt Clarkson.

Rekordquoten und "Fracas": Was bisher geschah

Das Prinzip der Auto-TV-Show "Top Gear" funktionierte ab Anfang der Nullerjahre - da stießen die Moderatoren Richard Hammond und James May zu Jeremy Clarkson - folgendermaßen: Das Moderatoren-Trio bereiste in Luxuslimousinen oder Supersportwagen die entlegensten Winkel der Erde und machte sich über alles und jeden lustig, am meisten über sich selbst. Geld spielte bei den Abenteuern der drei Lästermäuler keine Rolle, pro Episode stattete die BBC die Sendung mit einem Budget von mehr als einer Million Pfund aus.

Das Erfolgsgeheimnis der Sendung lag vor allem in der Unberechenbarkeit der Moderatoren: Die Fahrzeuge, die Hersteller, die Komparsen der Show, die BBC - niemand war vor ihren Sprüchen sicher. Jeremy Clarkson ragte dabei neben James May und Richard Hammond heraus wie ein ausgestreckter Mittelfinger aus einer Faust.

Für die "Top Gear"-Fans war Clarkson der Auto-Papst, für viele andere Menschen eine Art Antichrist der Fernsehunterhaltung. Der brillante Witz des Briten kann jederzeit ins Stammtischhafte abgleiten, und dann ist er sich für keinen Scherz auf Kosten von Minderheiten zu schade. (Eine Liste mit den bekanntesten Entgleisungen finden Sie hier). Ein Teil der Zuschauer liebte ihn wahrscheinlich genau deshalb, der Großteil des Publikums verzieh ihm die Eskapaden einfach. Die BBC beließ es meist bei Verwarnungen. Bis zum großen "Fracas" von 2015.

Als "Fracas" ("Rauferei") bezeichnete die BBC in einem offiziellen Statement eine Handgreiflichkeit Clarksons gegen den "Top Gear"-Mitarbeiter Oisin Tymon. Diesem war es am Rande von Dreharbeiten nicht gelungen, für Clarkson ein warmes Steak aufzutreiben, woraufhin der Moderator ausrastete und Tymon schlug. Nun wurde Clarkson von der BBC suspendiert, kurz darauf sprangen auch Hammond und May als Moderatoren der Sendung ab.

The Show must go on: "Wir sind Entertainer"

Richard Hammond und James May sitzen am Sonntag ebenfalls in Ludwigsburger Konferenzräumchen. Sie und Clarkson geben Einzelinterviews. Richard Hammond gießt sich einen Gin Tonic nach. "Keiner von uns Dreien hat etwas ähnlich Großes wie 'Top Gear' gemacht", sagt der 46-Jährige. "Nachdem Jeremy ging, war für mich sofort klar, dass wir zusammenbleiben sollten."

James May, 53, der sich wie Clarkson für Weißwein entschieden hat, sagt dazu: "Es war unsere moralische Pflicht gegenüber den Zuschauern, zu dritt weiter zu machen. Wir sind Entertainer, und wenn wir zusammenarbeiten, sind wir bessere Entertainer."

Eine moralische Pflicht? Clarkson hatte dem "Top Gear"-Mitarbeiter damals die Lippe blutig geschlagen. Was haben May und Hammond direkt nach dem Eklat zu ihrem Kollegen gesagt? "Um ehrlich zu sein, nicht viel", sagt May. "Es war eine Sache zwischen Männern. Jeremys Reaktion war zugegeben etwas extrem, aber die Sache ist gegessen."

Richard Hammond äußert sich ähnlich zurückhaltend: "Wir haben kaum darüber geredet. Aber schauen Sie, ich ziehe zwei Töchter auf und will mal behaupten, dass ich ziemlich hohe moralische Ansprüche habe. Deshalb nur so viel: Ich würde nicht mehr mit Jeremy zusammenarbeiten, wenn ich den Respekt vor ihm verloren hätte."

Das neue "Top Gear": Gegen die Wand

Wie eng der Erfolg von "Top Gear" mit den Personalien Clarkson, Hammond und May zusammenhing, zeigte sich rasch nach deren Abgang. Es war, als ob beim FC Bayern München auf einen Schlag sämtliche Stammspieler kündigen. Der Verein heißt dann immer noch gleich, ist aber in Wahrheit ein anderer. Zuletzt hatte die Sendung nicht mal mehr halb so viele Zuschauer wie früher, der neue Hauptmoderator Chris Evans schmiss hin.

SPIEGEL ONLINE: Wie fanden sie das neue "Top Gear"?

Hammond: Ich glaube nicht, dass meine Meinung hier von Bedeutung ist. Ich habe die Sendung 14 Jahre lang selbst gemacht und bin deshalb kein normaler Zuschauer.

May: Es gab ein paar verheißungsvolle Momente. Aber damit die Sendung wieder ein Erfolg wird, muss sie radikal verändert werden. Das bisherige Konzept muss komplett über Bord geworfen und neu erfunden werden. Da arbeiten gute Leute, die können das schaffen.

Clarkson: Ich finde, wir sind besser.

"The Grand Tour": Wo führt das hin?

Die Einsilbigkeit ist bei den Moderatoren ungewohnt. Ihr Aus bei "Top Gear" wollen sie offenbar rasch hinter sich lassen. Jetzt also der Neustart: Was dürfen die Zuschauer von "The Grand Tour" erwarten? Hie erklären sich die drei zwar um einiges wortreicher und enthusiastischer als bei den Fragen zur Vergangenheit, bleiben aber ebenso vage. Bei Richard Hammond klingt das so: " Barbados, Afrika, Italien- überall gab es Momente, wo uns bei Filmen klar wurde: Wir sind zurück." Zu viel dürfe man aber leider noch nicht verraten, sorry.

Es gibt einen Trailer zur neuen Sendung, darin fahren Clarkson, Hammond und May drei der derzeit exklusivsten Supersportwagen, sie lästern übereinander, Dinge explodieren und die Umgebung ist exotisch. Alles wie immer also, wie bei "Top Gear", nur unter anderem Namen. "Vier Kontinente, drei Freunde, ein großartiges Abenteuer: Was soll da schon schieflaufen?", heißt es in dem Trailer.

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Klar, eine rhetorische Frage: Anschließend lässt Hammond ein Autowrack ins Meer plumpsen und der Superschlitten von Clarkson springt nicht an. Klar ist auch, dass die Zuschauer genau solche Zwischenfälle erwarten. "Wir haben Versagen zu unserem Handwerk gemacht", sagt Richard Hammond.

Also jetzt mal ehrlich: Was soll bei "The Grand Tour" wirklich schieflaufen?

So spaßbefreit die Beschwerde der Ludwigsburger Grünen gewesen sein mag: Sie hat einen wahren Kern. Denn nach allem, was man bisher weiß, werden in "The Grand Tour" drei Herren mittleren Alters Autos mit Verbrennungsmotoren abfeiern. Die Begehrlichkeit eines Fortbewegungsmittels wird aber längst nicht mehr in Kubikzentimetern bemessen. Neue Mobilität ist das Stichwort, Autos und Fahrten werden geteilt, Fahrradfahren ist sexy und alternative Antriebe die Zukunft.

Altbewährt: Wie lange ist eine Sendung wie "The Grand Tour" noch angesagt?

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Foto: Amazon Prime Video/ Roderick Fountain

Zwei Drittel des "Grand Tour"-Moderatorenteams teilen diese Sicht der Dinge und wehren sich gegen die Befürchtung, ihre Show sei rückständig:

May: Glauben Sie etwa, die Leute kaufen wegen uns Autos? Wir machen uns doch die meiste Zeit über Autos lustig! Sie sind nur ein Teil eines großen Mobilitätsangebots, und sie werden besser. Sie werden sicherer, schöner, schneller, und sparsamer. Aber wir propagieren deshalb nicht das Auto. Ich habe acht Fahrräder. Ich fahre Bus und Bahn.

Hammond: In Städten sind Autos fehl am Platz. Wenn ich in London bin, nutze ich ein einen Roller. Es war doch noch nie so spannend wie jetzt, eine Autosendung zu machen, die gesamte Industrie befindet sich im Umbruch. Wir haben unsere Ansichten ebenfalls etwas verändert, wir reden anders über Autos, das wird man in der neuen Show sehen.

Die Meinung des restlichen Drittels dazu:

SPIEGEL ONLINE: Herr Clarkson, ich nenne Ihnen jetzt ein paar Innovationen und möchte Sie bitten, mir Ihre spontanen Gedanken dazu zu sagen.

Clarkson: Okay.

SPIEGEL ONLINE: Carsharing.

Clarkson: Mit übel riechenden Leuten das Auto teilen? Warum sollte man das tun?

SPIEGEL ONLINE: Autonomes Fahren.

Clarkson: Es ist doch so: Bisher hat es noch niemand fertiggebracht, einen funktionierenden Drucker zu bauen. Warum sollte man es also schaffen, ein elektrisches Auto zu bauen, das von allein fährt?

SPIEGEL ONLINE: Uber.

Clarkson: Ich hasse Uber.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Clarkson: Ich hasse Uber abgrundtief, weil jeder in meiner Einbahnstraße Uber nutzt und die Uber-Fahrer grundsätzlich falsch einbiegen. Bis die mal gewendet haben! Die haben keine Ahnung, wo sie hinfahren. Just hopeless, hopeless drivers. Meinen Kindern habe ich verboten, Uber zu nutzen. Sie sollen richtige Taxis nehmen und mir die Rechnung schicken, koste es, was es wolle.

SPIEGEL ONLINE: Elektroautos.

Clarkson: Ich habe nichts gegen Elektroautos. Es ist blo߅ so: Ich bevorzuge V8-Motoren. Das ist mein Dienst an der Menschheit.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie mir ein bisschen genauer erklären.

Clarkson: Wo kommen wir denn hin, wenn jeder ein Elektroauto fährt? Es gibt doch gar nicht genug Energie, um alle zu laden. Chaos würde ausbrechen. Je mehr von uns selbstlos an großen Verbrennungsmotoren festhalten, desto besser.

SPIEGEL ONLINE: Na danke.

Clarkson: Mit Vergnügen.

Es war Jeremy Clarkson, der "Top Gear" prägte, und er wird auch bei "The Grand Tour" der Chef sein. Er hat das Image des schlagfertigen Ignoranten kultiviert, und er pflegt es mit jedem Satz. Natürlich ist er sich bewusst, dass der V8-Motor ein Auslaufmodell ist - aber der 56-Jährige ist selbst ein Auslaufmodell, also beschwört er mit der neuen Show weiterhin die alten Zeiten. Man wird ihm wahrscheinlich gerne dabei zuschauen. Und für die Romantisierung der Vergangenheit ist auch in Zukunft erst einmal gesorgt: Jeremy Clarkson, Richard Hammond und James May haben bereits für zwei weitere Staffeln von "The Grand Tour" unterschrieben.

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