Dokumentarfilm "The World's Fastest" Ewige Jugend mit 1250 PS

Jedes Jahr treffen sich auf den Salzseen von Bonneville Rekordjäger mit hochgezüchteten Boliden zum Duell. Unter ihnen sind auch drei Senioren, die sich vom Alter den Geschwindigkeitsrausch nicht verderben lassen wollen.

Alexandra Lier

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Der Film, in dem es um Geschwindigkeitsrekorde geht, beginnt ganz langsam. Ein weißhaariger Mann fährt seinen Fernsehsessel unter dem Surren des Elektromotors nach hinten und schlägt ein Buch auf. "Harry Potter". "Stell dir einen Ort vor, bedeckt mit weißem Salz, so weit das Auge reicht. So groß, dass du die Krümmung der Erde siehst", erklingt die Stimme von Duane McKinney aus dem Off. Für einen Moment scheint es, er würde aus dem Buch vorlesen. Dann fährt er fort: "Dieser Ort wird Bonneville genannt."

Wie passend. "The World's Fastest" ist ein Dokumentarfilm über einen entrückten, fast märchenhaften Ort: die Salzseen von Bonneville im US-Bundesstaat Utah. Dort trifft sich Jahr für Jahr im August, wenn das Wasser zurückgegangen ist und das Salz auf dem Boden des Sees eine einzigartig glatte Fläche geschaffen hat, eine eingeschworene Gemeinde. In selbst gebauten Kisten mit Hunderten, teils Tausenden PS rasen sie durch das Ödland, auf der Jagd nach Rekorden.

In den ersten fünf Minuten des Films aber ist kein Motorenlärm zu hören, nichts von der brachialen Gewalt zu spüren, kein Rennauto zu sehen. Stattdessen Rekordfahrer McKinney, in seinem Sessel, und ein knittriger Po. Suzanne, 71, Ehefrau von Duane, zeigt ihr Tattoo auf dem Steißbein. Ein rotes Herz, darin sein Name.

Keinen blassen Schimmer von Aerodynamik

"The World's Fastest" ist vor allem ein Film über Leidenschaft und Hingabe, die nicht vergeht. Es ist die Geschichte von Jack Costella (82), Duane McKinney und Al Teague (76). Drei alten Männern, die zwar in Häusern wohnen, aber in der Werkstatt leben, in der sie an ihren Autos basteln. Es ist auch ein Film über die spezielle Beziehung dieser drei Männer zu ihren Frauen. Und natürlich ihre gemeinsame Beziehung zu den "Salt Flats" von Bonneville, wohin sie reisen, um ihren Kreationen Auslauf zu gewähren.

Costella hat in den vergangenen drei Jahrzehnten gleich mehrere windschlüpfrige, zigarrenförmige Rekordfahrzeuge in seiner Garage erschaffen. Alle trugen sie den Namen "Nebulous Theorem", was Costella mit "wolkige Idee" übersetzt, weil er, wie er selbst sagt, keinen blassen Schimmer von Aerodynamik hat, sondern alles aus Intuition macht. Es gehört auch zu dem Film, dass er seine Konstruktionsprinzipien anhand prominenter Frauen veranschaulicht: "Schlank müssen meine Autos sein", sagt er. "Wie Nicole Kidman. Nicht wie Anna Nicole Smith".

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Dokumentarfilm "The World's Fastest": Schnell gealtert

Der dritte Protagonist, Al Teague, ist eine Legende unter den sogenannten Land-Speed-Racern, hat aber seit 2002 kein Rennen mehr gefahren. 1991 stellte er einen Rekord auf. Fast dreißig Jahre blieb der unangefochten, jetzt wird er angegriffen. Teague fuhr in der sogenannten Streamliner-Klasse. Das sind zigarrenförmige Boliden, nur geschaffen für Bonneville. Es gibt bei der Speed Week eine schier unüberschaubare Anzahl von Klassen, in denen Rekorde gefahren werden können. Ein Rekord, gerade wenn er so lange besteht wie der von Teague, gilt als Lebensleistung. Teague will trotzdem dabei sein, wenn seine Bestmarke fällt.

Infiziert mit "Salt Fever"

Für alle drei Protagonisten und ihre Ehefrauen ist der Salzsee seit Jahrzehnten der Lebensmittelpunkt. Denn hinter Costella, McKinney und Teague stehen ihre Frauen, die den Rausch ihrer Männer nicht nur dulden, sondern die Leidenschaft teilen. Sie sind ebenfalls infiziert vom "Salt Fever", dem Salzfieber, wie die Bonneville-Gemeinde ihre Leidenschaft nennt. Seit Jahrzehnten reisen sie mit zu den Rennen, sind Teil des Teams. Nur Rennen fahren sie nicht.

Duane und Sizanne McKinney
the worlds fastest film

Duane und Sizanne McKinney

"Natürlich", möchte man beim Betrachten des Films unweigerlich sagen, denn in Bonneville wird noch in aller Unschuld ein vergangen geglaubtes Rollenmodell gelebt. Und einerseits mutet es befremdlich an, wenn Keiko Costella die Pokale ihres Mannes abstaubt. Gleichzeitig sind die Frauen in all ihrer Lässigkeit die wahrhaft starken Personen in diesem Paralleluniversum: Sie haben die Souveränität, das große Herz, das man braucht, um das infantile Kräftemessen ihrer Männer zu begleiten.

Regisseurin Alexandra Lier erforscht dieses Universum und seine Einwohner mit ihrer Kamera. Lier selbst hat die Speed Week schon mehrmals besucht. Eigentlich ist sie Fotografin, manchmal merkt man das dem Film an: Viele Einstellungen sind wie perfekt getroffene Fotos. Dafür wünscht man sich an manchen Stellen einen kleinen Geschwindigkeitsrausch für die Dramaturgie: Wenn Jack Costella und sein Nachbar minutenlang in einem mit Autos und Ersatzteilen vollgestopften Schuppen nach Kabel suchen, sucht man als Zuschauer ebenfalls - nach der Aussage.

Das Ende ist nah

Trotz dieser kleinen Längen knüpft der Film ein berührendes Band zwischen seinen drei Protagonisten und der Bühne für ihre Leidenschaft. So wie ihr Ruhm vergänglich ist wie auch sie selbst, so ist auch das Treiben auf dem großen Salzsee endlich. Weil das Salz im See seit Jahrzehnten abgebaut wird, geht es Stück für Stück zurück. Bedeckte es früher in den Trockenmonaten meterdick und spiegelglatt den Boden, schimmert inzwischen hier und da schon das Erdreich durch - und damit auch das Ende der Rekordfahrten auf den Salt Flats.

Vielleicht ist das auch gut so. Angesichts globaler Diskussionen über Klimawandel und Diversität wirkt ein Haufen weißer Männer, die an einem Naturschauplatz von betörender Schönheit unter infernalischem Lärm fossile Brennstoffe abfackeln wie aus der Zeit gefallen. Und gleichzeitig auch verlockend simpel in einer immer komplexer werdenden Welt. Schrauben, fahren, schrauben, fahren. Das ganze Jahr nur der Weg zu einem Ziel: die Speed Week in Bonneville. "Wo sonst kann man den Fuß aufs Gaspedal stellen und für acht Kilometer drauflassen und so schnell fahren, wie man will?", fragt Duane McKinney.

Doch das Salz vergeht, mit ihm stirbt ein eigenes, verrücktes Universum. Nur die Liebe bleibt. "Er steigt in das Auto ein und wird ein anderer Mensch", sagt Suzanne. "Wie viele 86-Jährige kennst du, die ein verdammtes Rennauto fahren?" Die Frage bleibt in der Luft hängen, es ist eine Frage an sich selbst. "Er steigt in das Auto ein, und ich bin hin- und hergerissen zwischen Stolz und Panik." Bisher siegte der Stolz, jedes Jahr. "Er braucht es", sagt sie, "er hat es einfach im Blut. Und ich unterstütze ihn."

Nur unter Mühen und mithilfe gelingt es Duane McKinney, seine müden, mürben Knochen in den Schalensitz seiner Rekord-Corvette zu hieven. Dann umschließen seine Finger das Lenkrad. Er gibt Gas, die 1250 PS des V8-Motors lassen den "Sundowner" erzittern. Er schießt davon und sprengt die Fesseln seines alten, gebrechlichen Körpers. Da ist nur noch schiere Kraft, unbändiger Vorwärtsdrang. Und ein Hauch von ewiger Jugend.

Die Dokumentation "The World's Fastest" feiert am 25. Mai Premiere auf der Kustom Kulture Extravaganza Artshow im Ruhrgebiet (Herten).



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
michael.witzke 28.04.2019
1. World of Speed
Auch interessant der Fotobildband World of Speed von Johannes Huwe
t-geronimo 28.04.2019
2. The world's fastest Indian
Dazu passend ist der Spielfilm "The world's fastest Indian" (2005), in der Dennis Hopper den fast in der gleichen Generation spielenden Burt Munro darstellt. Absolut sehenswert! https://en.wikipedia.org/wiki/The_World's_Fastest_Indian
Wile_E_Coyote 28.04.2019
3. @2 nicht Dennis Hopper…
…sondern Anthony Hopkins
Entgrenzt 28.04.2019
4. Ich komme
mit meinem Pilot-Modell auf ca. ‎186000 km/s. Ab dieser Geschwindigkeit kann ich das Licht überholen und in die Vergangenheit reisen. Das war morgen geschehen. Bis Gestern dann.
mikko11 28.04.2019
5.
Zitat von Entgrenztmit meinem Pilot-Modell auf ca. ‎186000 km/s. Ab dieser Geschwindigkeit kann ich das Licht überholen und in die Vergangenheit reisen. Das war morgen geschehen. Bis Gestern dann.
Wären es Meilen pro Sekunde, könnten gerade eben so mithalten.
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